Die Subjekte der Verkündigung

Die Subjekte der Verkündigung: die Menschen vom Land und „von außen“.

„Um den Campesino dazu zu bringen, dass er sich der Nähe Jesu Christi bewusst wird, ist es notwendig, Animateure zu bilden, zuerst auswärtige und danach von demselben Ambiente, die in gleicher Weise treu dem Evangelium sind, das sie verkünden und die die Regeln eines Dialogs mit dem Campesino respektieren. Der Animateur trägt implizit eine Option in sich, die er dem Campesino als etwas Fremdes mitteilt und von dem nicht a priori gesagt werden kann, ob es entfremdet oder nicht“ (1).

Auf die Frage nach dem Beginn der neuen Pastoral in Bambamarca in den Umfragen der Frauengruppen werden einhellig die drei Priester genannt, die von Bischof Dammert 1963 nach Bambamarca geschickt worden waren. In einem Text für die Dokumentation der eigenen Geschichte schreiben die Katecheten: „Die neue Pastoral begann mit der Ankunft der Padres Pedro Pablo Bartolini, Antero Mundaca und Rafael Fernández, die den vorherigen Pfarrer Daniel Zárate ersetzten. Nach ihrer ersten Messe in der Pfarrkirche in Bambamarca, luden sie die Rosarieros ein, von nun an nach jeder Sonntagsmesse noch etwas zusammen zu bleiben, um mehr über die Bibel zu erfahren“ (2).

Candelario Cruzado spezifiziert: „Als die ersten Priester kamen, sind sie auf eine sehr angenehme Art auf uns zugegangen. Sie haben die Leute eingeladen, erklärten uns alles mit viel Geduld und sehr verständlich. Ich hatte eine gute Stimme und konnte schön singen. Sie bemerkten dies bald und luden mich zu intensiveren Kursen ein. Ich verstand erst nicht, warum sie gerade mich einluden. Sie sagten mir: ‚Hab keine Angst!’ Zuerst habe ich gezittert, aber dann habe ich mich getraut und ich habe mich daran gewöhnt“ (3).

Bemerkenswert ist, dass die drei Priester sofort nach ihrer Ankunft in Bambamarca zuerst aufs Land gegangen waren, um sich dort nach Menschen umzusehen, die eventuell Interesse und Fähigkeiten besaßen, mit den Priestern zusammen zu arbeiten. Sie hielten sich zuerst an die Rosarieros, besuchten sie auf dem Land und luden sie zur Messe in der Stadt ein, wohin diese Rosarieros normalerweise nicht zu gehen pflegten. Nach den ersten 10 Tagen hatten sie bereits 17 Comunidades besucht und waren auf viel Interesse gestoßen. Danach wurde jeweils nach der Sonntagsmesse um 11 Uhr ein kleiner Bibelkurs abgehalten, der zwar offen für alle war, an dem anfangs aber nur die eingeladenen Rosarieros teilnahmen.

In diesen ersten Treffen wurden dann die ersten Kurse geplant, die sich an den Absichten der Priester und den Interessen und Bedürfnissen der Rosarieros ausrichteten. Bald nahmen immer mehr Campesinos an den kleinen Kursen teil, weil die Priester dazu übergingen, nicht nur Rosarieros anzusprechen und einzuladen, sondern alle Campesinos. Die Rosarieros wiederum förderten kraft ihrer Autorität diese Einladungen, weil sie sich würdige Nachfolger für ihre eigene Tätigkeit versprachen.

Im April 1963 hatten sich die drei Priester auf eine Arbeitsteilung verständigt, nach der Bartolini vor allem für das Land zuständig war, Fernández suchte seinen Schwerpunkt im Religionsunterricht in der Stadt (weil er sich schwer tat, auf dem Land zu leben, nicht in inhaltlicher Abgrenzung zu Bartolini) und Mundaca half den beiden in ihrer jeweiligen Aufgabe, war aber eher in der Stadt anzutreffen.

Die drei Priester hatten vor allem deswegen einen so schnellen Erfolg, weil die Campesinos sofort spürten, dass sie mit Respekt behandelt wurden. Das Kriterium dafür war, dass sie feststellten, dass sie die Priester gleichberechtigt mit den Städtern behandelten, dass die Priester ihre Not und ihre Realität als ungerecht wahrnahmen und dass sie bereit waren, diese Realität mit ihnen konkret zu teilen. Dies war für die Campesinos so neu, dass sie bis heute noch davon erzählen und als entscheidenden Grund für die Akzeptanz der neuen Lehre nennen.

Ein Ausdruck, der häufig in den Berichten der Campesinos genannt wird und schwer zu übersetzen ist, heißt: „se confundían con ellos“. Das bedeutet, dass sie sich derart unter die Leute mischten, sich mit ihnen an denselben Tisch setzten und das gleiche Brot aßen, dass sie nicht mehr von diesen Leuten zu unterscheiden waren. „Wir haben einen großen Enthusiasmus angetroffen, der uns selbst schnell ansteckte. Die Priester wollten unsere Realität kennen lernen, sie haben uns in den Comunidades besucht und haben dort Gruppen organisiert. Sie haben mit uns ihr Leben geteilt. Sie haben uns gelehrt, uns als Campesinos etwas zuzutrauen“ (4).

Während die Priester den Anstoß gaben, waren es dann vor allem die Katecheten, die den Neubeginn in Bambamarca ermöglichten. In der „Geschichte der Pfarrei San Carlos de Bambamarca“ legen 19 Katecheten ein ausführliches Zeugnis ihrer bisherigen Tätigkeit ab. Diese Zeugnisse ähneln sich stark, sie legen besonderen Wert auf den Anfang, den Grund und das Ziel ihrer Tätigkeit und nennen die Veränderungen in ihrem Leben „Bekehrung“ bzw. „in die Kirche eintreten“. Auch die persönliche Begegnung mit Bischof Dammert war für einige Katecheten von entscheidender Bedeutung.

Im Jahre1964 besuchte Bischof Dammert erstmals Bambamarca. Einige angehende Katecheten, darunter auch Neptalí Vásquez, hatten den Bischof zuvor auf Diözesankursen in Cajamarca kennen gelernt. Nun lag es an ihnen, den Bischof zu empfangen und ihn in ihre Comunidades zu führen. Noch nie hatte ein Bischof den Weg zu ihnen gefunden. Reihenweise warfen sich die Frauen vor ihm nieder, um ihm die Füße zu küssen. Doch er sagte nur: „Nein, nein, ich bin ein Mensch wie jeder von euch auch, ich möchte nicht, dass ihr meine Füße anbetet. Was ich will ist, dass ich mit euch reden und eure Sorgen kennen lernen möchte“ (5). Seine Botschaft war ganz einfach: dass die Ehemänner ihre Frauen gut behandeln und für ihre Kinder Verantwortung übernehmen sollten, dass schließlich alle in gleicher Weise Menschen seien und an den gleichen Gott glauben würden.

Nach der Begegnung mit Dammert war Don Neptalí endgültig entschlossen, sein Leben ganz in den Dienst der Sache Gottes zu stellen. Das Wichtigste im Leben war nun für ihn: den Ruf Gottes zu hören, ja zu sagen und die Botschaft von Christus, dem Befreier, zu verkünden. Das neue Leben zeigt sich darin, dass es weniger Streit gibt: der Mann respektiert die Frau, es gibt mehr Verantwortung der Gemeinschaft gegenüber, es gibt eine Ausbildung und auch die wirtschaftliche Lage hat sich verbessert. Neptalí Vásquez: „Zuerst hat mich der Priester zur Messe eingeladen, eigentlich wollte ich nicht gehen, denn dort würde ich ja doch nichts verstehen. Aber er ließ nicht locker und ich stellte fest, dass er die Campesinos schätzte, er sprach zu ihnen wie mit seinesgleichen und so ging ich auch mit. Bartolini weckte viel Begeisterung, weil er selbst sehr begeistert und auch so liebenswürdig war.

Eines Tages fragte er mich, ob ich mich nicht noch intensiver mit dem Glauben beschäftigte und ob ich Katechet werden wollte. Wenn er so viel von mir hielt, konnte ich ihn ja nicht enttäuschen und ich sagte zu und ich begann sofort, eine Gruppe in meiner Comunidad zu bilden, wo wir uns dann regelmäßig trafen. Nachdem ich das Wort Gottes gehört hatte und in die Kirche eingetreten war, begann sich mein Leben zu ändern, denn vorher gab es niemanden, der uns das Wort verkündete und der uns orientierte. Die Leute aus meiner Comunidad vertrauten sich mir an und wählten mich als Leiter, denn sie bemerkten, dass ein Christ mehr Verantwortung übernimmt als ein anderer. Sie fassten Vertrauen, weil wir unsere Sachen gut machten. Dieses Vertrauen haben sie bis heute. Das Zweite Vatikanische Konzil lehrte uns, dass ein Katechet sowohl im sozialen als auch im politischen Bereich mitarbeiten muss.

Mein Auftrag war, die Botschaft Christi allen zu bringen. Meine Arbeit bestand darin, den Leuten das Evangelium verständlich zu machen. Das ist die Arbeit, die wir bis heute machen und wir hoffen, dass die Leute sich jeden Tag neu auf das neue Leben einlassen und die Botschaft Gottes immer besser verstehen. Wir wissen, dass wir uns dem Ruf Gottes nicht verschließen können. Wir können nicht ‚Nein!’ sagen. Ich persönlich habe diesen Ruf so verstanden, seit ich in die Kirche eingetreten bin. Einige Male wollte ich mich zurückziehen, aber ich konnte nicht, es war so, als ob mich etwas festhalten würde - und die Leute haben mich weiterhin eingeladen, ich kann es einfach nicht lassen. Meine Frau war am Anfang dagegen, sie wollte nicht, dass ich in der Kirche sei und sie sagte mir: ‚Sie werden dich deswegen noch umbringen und meine Kinder werden keinen Vater mehr haben’. Sie verstand einfach nicht und ich war verzweifelt.

Aber mit der Zeit merkte auch sie, dass meine Berufung nicht nur Gefahren mit sich brachte, sondern dass ich ein anderer Vater und Ehemann wurde. Auch mit manchen Leuten in der Comunidad gab es Probleme, manche nannten mich einen falschen Pfarrer oder einen Kaziken. Manche fragten sich: ‚Wie kann es möglich sein, dass ein Campesino taufen kann?’ Aber der Padre hat uns immer unterstützt, er sagte, dass es nicht darauf ankomme, wer taufe, sondern dass Gottes Geist auf die Menschen herab gerufen wird und dann ist auch die Taufe gültig, falls die Leute daran glauben. Manche verstanden dennoch nicht, was die Taufe bedeutet, sie wollten bei der Taufe die alten Feste feiern und sich betrinken. Aber die meisten Leute wollten an der Kirche teilhaben und ihr Leben veränderte sich, als sie Kirche wurden. Es geht nicht darum, von heute auf morgen alles zu verändern, sondern den schlechten Weg zu verlassen und einen neuen Weg einzuschlagen.

Zusammen mit vielen anderen eröffnete sich für uns ein ‚Neues Leben‘ in Bambamarca. Die Kirche sind wir, die wir an den Gruppen teilnehmen und an die Botschaft unseres Herrn Jesus Christus glauben. Die Kirche wurde für uns zu einer Kirche des Volkes. Sie ist eine Gemeinschaft von vielen engagierten Leuten. Wir bilden Gruppen und lesen die Botschaft des Christentums. Wir glauben daran, dass unser Herr Jesus das Haupt ist und dass er uns leitet. Einige haben uns dabei geholfen. Sie sind soweit hinab gestiegen, dass sie das Leiden des Armen am eigenen Leib verspürt oder wenigstens erfahren haben, wie diese leben. Padre Rudi, ein Deutscher, wurde einer wie die Armen, er aß, was sie ihm zu essen gaben und schlief auf Stroh. Es wird schwer sein, diese Option in der gesamten Kirche zu verwirklichen“ (6).

Fazit: Umbruch und Neubeginn

„Unsere Ausbildung bestand darin, den christlichen Glauben kennen zu lernen und die Botschaft in unseren Comunidades und auch in der Stadt Bambamarca zu verkünden. 1970 erteilte uns Bischof Dammert von Cajamarca die Erlaubnis, gemäß dem Evangelium und dem Auftrag von Jesus (Mt 28, 16-20) zu taufen. Für viele, die nicht damit einverstanden waren, war dies sehr verwunderlich, denn sie sagten, wir wären nur Campesinos, wir wären Sünder, weil wir verheiratet waren und Kinder hatten. Und die Leute gingen in eine andere Pfarrei, nach Chota, denn dort tauften die Priester, die heilig sind, denn sie haben keine Sünden“ (7).

In dieser Aussage der Katecheten wird deutlich, dass sowohl die biblische Botschaft als auch die Rolle und die Haltung der Priester von entscheidender Bedeutung für den Neubeginn waren. Es wird auf die Schwierigkeiten hingewiesen, mit denen die Katecheten und andere engagierte Männer und Frauen zu kämpfen hatten. Um so bemerkenswerter ist, dass in kurzer Zeit derart fest gefügte Verhaltensmuster - sowohl äußere Merkmale als auch Inhalte des Glaubens - die über vier Jahrhunderte hinweg den Menschen mit Macht übergestülpt wurden, so schnell zerbrochen bzw. völlig neu gedeutet werden konnten.

In weniger als zwanzig Jahren erwuchsen aus einer kleinen Minderheit, die sehr schnell die neue Lehre aufnahm, Frauen und Männer, die in ihren Comunidades von einer großen Mehrheit als religiöse Führungspersönlichkeiten angesehen und respektiert wurden. Sie wurden auch im sozialen und (entwicklungs-) politischen Bereich zu allseits anerkannten Persönlichkeiten.

Der Umbruch und der Neubeginn in Bambamarca lassen sich wie folgt zusammenfassen:

1. Für die Campesinos war das Kennen lernen der Botschaft und die beginnende Veränderung in ihrem Leben gleichbedeutend mit dem Eintritt in eine neue Glaubensgemeinschaft, die Kirche („nachdem ich in die Kirche eingetreten war“). Kirchenbildung war eine logische Konsequenz der Verkündigung der „Guten Nachricht“. Als Mitglied dieser neuen Gemeinschaft, als Christ (weil man Christus kennen gelernt hat), übernimmt man notwendigerweise und gerne Verantwortung. Die Gemeinschaft lebt nur dann, wenn jeder Einzelne sich dafür verantwortlich fühlt und sich voll dafür einsetzt. Weil man selbst erfahren hat, was das Evangelium bedeutet, möchte man dies unter allen Umständen auch allen anderen mitteilen und verkünden, man hat Feuer gefangen und möchte andere daran teilhaben lassen bzw. anstecken. „Ihr Leben veränderte sich, als sie Kirche wurden“.

Besonders die Katecheten fühlten sich von Gott berufen und dieser Ruf Gottes ließ sie - trotz häufiger Entmutigung - nicht mehr los. Alle befragten Katecheten erzählen Berufungsgeschichten. Ihre Mission, die Verkündigung der Botschaft Jesu, konnte aber nur gelingen, weil sie selbst durch ihr Beispiel zu Zeugen der befreienden Botschaft wurden. Von daher ist es selbstverständlich, dass die sozialen Belange in Familie, Comunidad und Gesellschaft als Konsequenz des Glaubens in den Blickpunkt rücken, gilt es doch vom Glauben her neue Formen des Zusammenlebens zu suchen und die Gerechtigkeit als zentrales Thema der Bibel zu entdecken (8).

2. Auch die Priester, der Bischof und die späteren Mitarbeiter hatten keine fertigen Konzepte, erst recht nicht einen bestimmten Plan. Auch sollte nicht eine bestimmte Art von Kirche etabliert werden (9). Ein ansteckender Enthusiasmus, das Eingehen auf die konkrete Situation der Menschen, die Bereitschaft, das Leben mit den Menschen zu teilen und die Entdeckung der Fähigkeiten dieser Menschen waren der Schlüssel für die neue Evangelisierung - und dann fing etwas an zu wachsen. Zwei Aspekte spielten in der Pastoralarbeit eine entscheidende Rolle: der Enthusiasmus der ersten „Missionare“ (1963), einschließlich der Katecheten, und andererseits die schon vorhandene religiöse Sehnsucht, der Hunger nach dem Wort Gottes seitens der Campesinos: „Je mehr wir den Leuten hier geben (Predigten, Messen, die Bibel etc. etc.), um so mehr wollen sie. Sie haben einen unersättlichen Hunger, vielleicht, weil man ihnen bisher nichts gegeben hat“ (10).

Hier wurde zugrunde gelegt, was dann durch den Besuch von Papst Johannes Paul II. am 5. 2. 1985 in Villa El Salvador, einem Elendsviertel bei Lima, weltweite Aufmerksamkeit erfuhr: der Hunger des leidenden Volkes nach Gott und nach Brot. Ein Ehepaar sprach, stellvertretend für das arme Volk, zum Papst: „Heiliger Vater, wir haben Hunger. Wir leben im Elend, uns fehlt Arbeit, wir sind krank, das Herz zerbrochen vom Schmerz, unsere Kinder sterben oder haben keine Zukunft. Aber trotz allem glauben wir an den Gott des Lebens und an die Fülle dieses Lebens. Wegen diesem Glauben kämpfen wir gegen den Tod. Der Hunger nach Gott und der Hunger nach Brot kennzeichnen unser Volk“ (11). Der vielleicht größte Verdienst der von außen Kommenden war es, sich dank ihrer Sensibilität von diesem Hunger des Volkes existentiell betreffen zu lassen.

Das hatte ein Entdecken der sozialen Dimension des Glaubens zur Folge. Priester und Mitarbeiter haben die Arbeit mit den Campesinos als eine große Bereicherung ihres Glaubens, ihres Engagements und ihrer Spiritualität erfahren. Sie entdeckten, dass sie vom Glauben des Volkes sehr viel lernen konnten. Im ständigen Austausch und Dialog mit diesen Menschen entdeckten sie die Bibel neu bzw. sie lasen sie mit anderen Augen. Aber nicht bei allen Mitarbeitern führte die Arbeit mit den Armen zu einer grundsätzlichen Neuorientierung. Die persönlichen Belastungen erwiesen sich oft als sehr hart und führten zu Resignation oder zu Erkrankungen. Sie konnten in ihrer Not mit wenig Unterstützung und Verständnis rechnen. Die Diözese mit ihrem Bischof an der Spitze (auch die „Institution Kirche“) war auf solche Fälle nicht vorbereitet und über diese Probleme zu sprechen galt als Schwäche. Vor allem ausländische Mitarbeiter konnten auf wenig Verständnis hoffen.

3. Der Umbruch bestand in der Ablösung der alten Religion durch eine Bewegung, in der Jesus Christus der Maßstab war. Das entscheidend und unterscheidend Christliche ist eben, sowohl den Glauben Jesu als auch den Glauben der ersten Christen an Jesus den Christus zu teilen (12). Die Praxis des Einzelnen und der Kirche und die Theologie müssen sich daran messen lassen. Die Wahrheit der jeweiligen Religion zeigt sich in den jeweiligen konkreten Konsequenzen für die Menschen, besonders für die Armen: befreit der Glaube an Jesus Christus zu einem neuen Leben und zu einer gerechteren Gesellschaft oder dient er der Rechtfertigung des Bestehenden bzw. einer Sanktionierung der von Menschen geschaffenen Verhältnisse?

Es kann eine direkte Linie von den Erfahrungen der ersten Christen zu den Erfahrungen der Campesinos und den „Indios dieser Welt“ gezogen werden. Der Umweg über die europäische Theologie - speziell im Kontext der Eroberung - und europäische Art von Kirchesein erweist sich als Sackgasse. In der Praxis und den Erfahrungen der Diözese Cajamarca zeigten sich erstmals die Umrisse eines nichteuropäischen Christentums, ausgehend von den Rändern dieser Welt und von den Menschen, die unter die Räuber gefallen sind. Diese Erfahrungen mit den Campesinos führten zu den Beschlüssen von Medellín und zu dem, was später unter dem Namen „Theologie der Befreiung“ bekannt wurde, der ersten nicht kolonialen Theologie (13).

4. Der schnelle Erfolg der Evangelisierung darf nicht darüber hinweg täuschen, dass es selbst auf dem Land noch erheblichen Widerstand gegen die neue Religion gab, nicht nur seitens der Sekten, deren Mitgliederzahl sich aber bald drastisch verringerte, sondern auch seitens traditioneller Heiler und „Quasipriester“, denen oft magische Fähigkeiten zugeschrieben wurden. Dass auch die städtische und alteingesessene Bevölkerung von Bambamarca gegen diese neue Religion und deren Verkünder eingestellt war, war verständlich. Zu sehr hatten sie sich daran gewöhnt, dass die Religion Herrschaft und Unterdrückung und damit ihre Privilegien rechtfertigt, und sie konnten in den Erneuerungen nur eine Bedrohung sehen. Dass ein Campesino nun gar taufen durfte, stand ihrem bisherigen Welt- und Gottesbild, ihrer Kultur und Erziehung so diametral entgegen, dass einige von ihnen sehr aggressiv reagierten und es immer wieder zu Auseinandersetzungen kam.

Es stellt sich hier auch nicht die Frage einer persönlichen Schuld, vielmehr gilt es die Verhältnisse zu hinterfragen, die verhindern, dass Menschen die Botschaft Jesu nicht hören können (was persönliches Schuldigwerden nicht ausschließt). Auch einige Katecheten und engagierte Frauen kamen wieder vom rechten Weg ab. Sei es, dass sie ihr neu gewonnenes Ansehen und Selbstvertrauen zu persönlichen Vorteilen nutzten, sei es, dass sie sich von den Gegnern der Erneuerung kaufen ließen (vor allem seit 1993).

In der Reihe „Dokumente/Projekte” von Adveniat wird in Heft Nr. 5, S. 71 - 76 der Katechet Tomás Herrera aus Bambamarca vorgestellt. Dort erzählt er mit eigenen Worten die Geschichte seiner Bekehrung, der ersten Kurse etc. Seine Geschichte ähnelt sehr der Geschichte von Neptalí Vásquez. Tomás Herrera vertrat im August 1972 als Delegierter die Kirche von Bambamarca auf der Bischofskonferenz der Nordanden. In Anwesenheit von 45 Vertretern (darunter sechs Bischöfe und nur noch fünf weitere Laien) aus sechs Diözesen erzählte er von seinen Erfahrungen und beantwortete Fragen. Man hielt ihm entgegen, dass er viele Lehrmeinungen in seinem Bericht vergessen hätte. Thomas verteidigte sich, dass er normalerweise der Auffassungskraft der Anwesenden Rechnung tragen müsse, seine Erklärungen fielen daher bei jedem Wortgottesdienst anders aus; dies hier aber sei kein besonders typisches Publikum.

In Heft Nr. 10 aus derselben Adveniatreihe mit dem Titel „Eine Kirche auf neuen Wegen“, ist sowohl auf der vorderen als auf der hinteren Seite des Umschlags ein Katechet aus Bambamarca abgebildet; auf der Rückseite Santiago Leíva, mit der Bibel in der Hand. Dieses Bild war auch als Poster von Adveniat in Deutschland weit verbreitet. Es ist eine sicher unbeabsichtigte, aber treffende Symbolik, wenn für einen Band mit dem Titel „Eine Kirche auf neuen Wegen“ zwei Katecheten aus Bambamarca den „Rahmen“ bilden (14).


Anmerkungen

(1) Dammert: Reflexiones sobre la pastoral rural. November 1969. Archiv IBC.

(2) Aus: „Geschichte der Pfarrei San Carlos de Bambamarca“ (1998), verfasst von Katecheten und Frauengruppen der Pfarrei und noch nicht veröffentlicht, weil nur in Bruchstücken zusammengetragen, vgl. Dok. 6, V. Die Katecheten haben schon 1991 in einem Brief an die Partnergemeinde in Dortmund die Absicht geäußert, ihre Geschichte aufschreiben zu wollen. Dieses Anliegen blieb bis zum Beginn meiner Besuche 1997 in Bambamarca ohne Resonanz. Der Beginn meiner Arbeit motivierte die Katecheten und die Frauengruppen. Sie sammeln seither persönliche Augenzeugenberichte, tragen Dokumente etc. zusammen und stellen sie für meine Arbeit zur Verfügung.

(3) Befragungen des IBC, 1997.

(4) Katecheten von Bambamarca: Geschichte der Pfarrei San Carlos de Bambamarca, Textsammlung, 1998.

(5) Ebd.

(6) Aus den Befragungen des IBC, 1997 (hier als eigene Zusammenfassung der Antworten von Neptalí Vásquez). Von den Campesinos in Bambamarca wurden befragt: Neptalí Vásquez, Candelario Cruzado, Concepción Silva, Barbarita Chávez. Die Befragung des Instituts (1997) ist nicht zu verwechseln mit den Textsammlungen der Campesinos und meinen eigenen Befragungen, aber alle stehen in einem ursächlichen Zusammenhang.

(7) Katecheten von Bambamarca: „Geschichte der Pfarrei San Carlos de Bambamarca“. 1998.

(8) Nicht alle Katecheten widerstanden der Versuchung, ihre neue Rolle im Sinne von Herrschaft und Machtausübung zu verstehen und zu praktizieren und mindestens drei Katecheten wurden Prediger bei Sekten.

(9) Z.B. eine Campesinokirche, wie sie H. Lüning 1974 nannte (vgl. Dok. 7, V). Außenstehende waren bemüht, diesem Phänomen immer wieder Namen zu geben und in ihnen geläufige Kategorien einzuordnen.

(10) Bartolini in einem Brief an Bischof Dammert, 29. 11. 1963. Archiv IBC.

(11) Aus der Tageszeitung „La República“ vom 6. 2. 1985. Archiv IBC. Der Papst zeigte sich von diesen Worten tief betroffen und stellte sie in den Mittelpunkt. Das Thema „Hunger“ in allen seinen Dimensionen wurde zum beherrschenden Thema des Besuches. Der Papst erklärt das Recht auf Brot zum Grundrecht in der Kirche.

(12) Die europäische Unterscheidung zwischen dem historischen Jesus von Nazareth und dem nachösterlichen Christus kann als Ausdruck des europäischen Bestrebens verstanden werden, ganzheitliche Phänomene in einzelne Bestandteile zerlegen zu wollen, um sie dann besser analysieren zu können. In Wirklichkeit geht dadurch das Verständnis der Ganzheit verloren. Als Arbeitsmethode der Wissenschaft ist dies aber oft notwendig.

(13) Wie Gustavo Gutiérrez bei seinen Besuchen in Cajamarca häufig betonte, hätte er ohne die bereits vor 1968 in Cajamarca (u.a.) erlebten Erfahrungen einer befreienden Pastoral im Sinne einer Subjektwerdung der bisher verachteten Indios, nicht 1968 zum ersten Mal von einer „Theologie der Befreiung“ sprechen und dann schreiben können. Wie schon im Kapitel IV über Dammert aufgezeigt, haben die Erfahrungen von Bambamarca auch zu den Beschlüssen von Medellín beigetragen.

(14)  Reihe Dokumente/Projekte. Hrsg. v.d. Bischöflichen Aktion Adveniat. Essen: Selbstverlag. Heft Nr. 5: Unterm Mangobaum fingen wir an, 1972 (3. Auflage). Heft Nr. 10: Eine Kirche auf neuen Wegen, 1972.


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