Das Evangelium der Campesinos

Das Evangelium der Campesinos von Bambamarca

„Die Verbreitung des Evangeliums hat als Konsequenz, dass sich die Unterdrückten als Kinder Gottes und als Brüder und Schwestern erkennen und als solche ihre Rechte einfordern. Dies erfreut nicht gerade die lokalen Autoritäten und die Herrschenden im Allgemeinen. Es ist unmöglich, die christliche Brüderlichkeit zu predigen, ohne die herrschende Ungerechtigkeit zu demaskieren“ (1).

Anmerkung für die Webseiten: Dieses Kapitel ist das Schlusskapitel meiner Dissertation über das Entstehen einer befreienden Pastoral und einer Kirche der Armen (und armen Kirche) in Peru und darüber hinaus. Dieses Kapitel ist in 5 Abschnitte aufgeteilt (siehe unten), die alle "parzelliert" auf meinen Webseiten zu finden sind.

Bambamarca spielt in der Entwicklung der Sozialpastoral in der Diözese Cajamarca und bei Bischof Dammert eine Schlüsselrolle. Bischof Dammert nannte die von ihm angestoßene Entwicklung in der Pfarrgemeinde Bambamarca sein Pilotprojekt. Markantestes Kennzeichen dieser Entwicklung war, dass die bis dahin verachteten und ausgebeuteten Campesinos nun zu Subjekten ihrer eigenen Entwicklung und Befreiung wurden. Dies geschah sowohl im wirtschaftlich- politischen Bereich als auch innerhalb der Kirche, in der sie von Objekten sakramentaler Betreuung zu Kirche stiftenden Gemeinschaften und als solche zu Verkündern der Frohen Botschaft von dem Beginn einer neuen Zeit und der Gegenwart Gottes inmitten seines Volkes wurden.

Untrennbar mit diesem Prozess verbunden waren eine radikale Veränderung des Gottes- und Weltbildes und die Entdeckung der eigenen Person als Kind und Ebenbild Gottes. Ausgangspunkt dieses Prozesses war die Entdeckung der Bibel als Frohe Botschaft. Dieser Prozess der Evangelisierung und dessen Konsequenzen für die Menschen als Kirche von Bambamarca stehen im Mittelpunkt dieses Kapitels.

In diesem Kapitel soll deutlich werden, wie die Menschen von Bambamarca die Botschaft Jesu gehört und gedeutet haben. Von ihrem Standort aus gewinnen die für das menschliche Zusammenleben tragenden Werte wie Demokratie, Freiheit und Menschenrechte eine tiefere und auch neue Bedeutung. Diese Werte erweisen sich aus der Sicht der Armen zudem als fundamental christliche Werte, sie sind untrennbar mit der Botschaft Jesu verknüpft.

Im ersten Abschnitt wird der Kontext von Bambamarca vorgestellt. Der Kontext von Bambamarca ist sowohl im nationalen Kontext als auch im Kontext der Geschichte und der Verhältnisse in der Diözese Cajamarca zu sehen. Der Kontext nimmt hier deswegen einen so breiten Raum ein, weil Bambamarca als Spiegel der globalen Welt verstanden wird, so besonders die Beziehung Stadt (Zentrum) - Land (Peripherie). Am Beispiel von Bambamarca lassen sich exemplarisch die Geschichte der Eroberung und der ersten Evangelisierung aufzeigen. Ein Blick auf diese Vergangenheit ist auch für die Campesinos von Bambamarca von großer Bedeutung. Deshalb wollen sie ihre Geschichte kennen lernen. Sie fingen an, Zeitzeugnisse zusammen zu tragen und sie stellten eigene Befragungen an (2).

Im zweiten Abschnitt und als notwendiger zweiter Schritt steht die Evangelisierung im Mittelpunkt. Evangelisierung bedeutet die Realität, in der die Mehrheit der Menschen leben, sehen zu lernen, sie bedeutet, die Augen zu öffnen - zuerst sich selbst. Dies steht am Beginn jeder Evangelisierung, in deren Verlauf die bestehende Situation des Elends als nicht von Gott gewollt erkannt und daher als Sünde interpretiert wird. Im Zentrum der Verkündigung steht der Arme. Zuerst als Adressat, dann aber - weil er arm ist - evangelisiert er den Nicht-Armen und bewegt diesen zur Umkehr.

Auf die ganze Kirche bezogen bedeutet dies, dass ihre Sendung darin besteht, den Armen die Frohe Botschaft zu verkünden, sie auf ihrem Weg zu begleiten und so selbst zur Kirche der Armen zu werden. Evangelisierung ist entscheidend von den handelnden Personen abhängig, will heißen, von dem gelebten Zeugnis der Verkünder (3). 

Im dritten Abschnitt geht es um die Umbruchsituation in den Jahren 1962/63 und die ersten Anfänge einer neuen Verkündigung und Pastoral: von einem Gott der Weißen zu einem Gott mit uns. Dabei wird sich zeigen, dass sich die Bibel als das unverzichtbare Fundament erweist. Sie ist die Grundlage des Glaubens und der Ausgangspunkt für ein neues Leben.

Im zentralen vierten Abschnitt steht die Botschaft des Evangeliums im Mittelpunkt. Dabei geht es nicht um eine neue oder irgendeine bestimmte Methode der Bibellektüre, z.B. das Bibelteilen, oder gar um eine neue Theologie. Es geht darum, wie die Campesinos das Evangelium entdeckt haben, was dieses Evangelium für sie bedeutet und welche Konsequenzen sie daraus ziehen. Dies wird am Beispiel der Zeitung für Campesinos, „El Despertar“, und dem Glaubensbuch „Vamos Caminando“ aufgezeigt werden. Aus diesem Umgang mit der Bibel ergibt sich notwendigerweise ein neues Verständnis von der Art und Weise, als Christen in Gemeinschaft zu leben - ein neues Verständnis von Kirche.

Die Folgen der Evangelisierung werden danach am Beispiel der Ronda gezeigt. Darin zeigt sich konkret, wie und warum eine erfolgreiche Evangelisierung zu konkreten Veränderungen sowohl beim Einzelnen als auch in der jeweiligen Gemeinschaft führt und soziale und politische Umbrüche und Reaktionen provoziert. Autoritäten fühlen sich provoziert und reagieren „mit Macht“. Diese Reaktion ist innerhalb des Gesamtrahmens als typische Reaktion der Mächtigen zu verstehen.

Im fünften Abschnitt werden die einzelnen Etappen des Weges der Kirche von Bambamarca aufgezeigt und die Brücke zur Gegenwart geschlagen. Wie in den vorhergehenden Kapiteln gezeigt und wie von Bischof Dammert festgestellt und beklagt, konnte die erste Evangelisierung aus verschiedenen Gründen keine Wurzeln schlagen. Mehr noch: gerade mit Hilfe dieser Evangelisierung wurden die Menschen zu Opfern der abendländisch-christlichen Zivilisation. Dies zeigte sich bis in die Gegenwart in einem weitgehenden Verlust der eigenen Identität und des Selbstbewusstseins, verbunden mit einer strukturellen Abhängigkeit in nahezu allen Bereichen menschlichen Lebens.

Wie aber war es möglich, dass innerhalb dieser scheinbar so fest etablierten und notfalls mit Gewalt aufrecht erhaltenen Strukturen ein Aufbruch gewagt und Wege der Befreiung gesucht und gefunden werden konnten? Diese Frage steht im Mittelpunkt dieses Kapitels.

1. Der Kontext von Bambamarca

Die folgende Erzählung zeigt in komprimierter Weise die Folgen der ersten Evangelisierung von 1532 bis 1962. Sie dient zugleich als Darstellung der Ausgangssituation für die nun folgende sozialpastorale Arbeit. Die so vorgefundene und von den Betroffenen bestätigte Situation ist der Ausgangspunkt für alle weiteren Überlegungen und Fragen, z.B.: wie, warum und aus welchem Interesse konnte es zu einem solchen Gottesbild kommen? Vor dem Hintergrund dieser Situation ist dann zu fragen, wie unter Berücksichtigung der geschichtlich bedingten kulturellen, religiösen und sozialen Gegebenheiten eine echte Evangelisierung möglich sein kann. Welche Anknüpfungspunkte gibt es, mit welchen Schwierigkeiten ist zu rechnen, welche Schwerpunkte und Prioritäten ergeben sich daraus für eine befreiende Evangelisierung?

Bambamarca 1961
Es ist Sonntag in Chala. Familie Quispe ist fast vollständig versammelt. Vater Juan sitzt mit seinen zwei Söhnen vor der Hütte, während die Mutter mit den Töchtern das Festessen zubereitet. Sie ist wie immer mit der Sonne aufgestanden, doch heute musste sie sich besonders beeilen. Es soll ein schönes Fest werden, denn Rosalia ist zu Besuch aus der Stadt gekommen. Die jüngste Tochter ist gerade zwei Jahre alt geworden, drei weitere Kinder hat Gott in seiner Weisheit wieder zu sich genommen. Rosalia, mit 17 Jahren die Älteste, hilft ihrer Mutter, die drei Meerschweinchen zuzubereiten. Gleich nach dem Aufstehen hatte die Mutter die drei größten Meerschweinchen ausgesucht und geschlachtet. Im dem großen Kessel mit den Kartoffeln kocht bereits das Wasser. Die zwei anderen Töchter, fünf und sieben Jahre alt, haben die härteste Arbeit bereits hinter sich. Während die eine in der Morgendämmerung Brennholz suchte, war die andere damit beschäftigt, das Wasser zu holen.

Da es ein Festessen werden sollte, musste besonders viel Brennholz und Wasser geholt werden. Drei Stunden waren sie unterwegs und nun durften sie sich etwas ausruhen. Rosalia nutzte die gemeinsame Zubereitung des Essens, um der Mutter etwas von ihrer Arbeit in der Stadt zu erzählen. Schon länger als ein Jahr ist sie in der Stadt, sie ist „Muchacha“ (Dienstmädchen) bei einer reichen Familie. Juan war ganz stolz, als diese Familie seine älteste Tochter aufnahm. Sie ist jetzt gut versorgt und daheim gibt es nun etwas mehr Essen und Platz. Nur mit Mühe kann Rosalia die Tränen unterdrücken, als sie der Mutter von ihrem Leben bei der reichen Familie erzählt. Erst letzte Woche hat sich der Patron des Hauses wieder über sie hergemacht. Vor allem aber dessen zweitältester Sohn ist besonders brutal. Beschweren kann sie sich nicht, denn es ist üblich, dass die Herrensöhne ihre erste sexuellen Erfahrungen mit den Muchachas machen.

Ihr Arbeitstag dauert oft 18 Stunden, sieben Tage die Woche und ohne Lohn. In ihrem winzigen Zimmer neben dem Hühnerstall träumt sie in der Nacht wechselweise davon, wieder auf das Land zurückkehren zu dürfen oder aber nach Lima mitgenommen zu werden, dort, wo man alles kaufen kann, wo es sogar schon Fernsehen gibt und wo sie vielleicht eine bessere Arbeit finden wird. Heute durfte sie zum ersten Mal seit acht Monaten ihre Familie besuchen. Deshalb das Fest. Sie hat sogar als Geschenk einige abgetragene Kleider mitgebracht. Der Vater darf ihre Tränen nicht sehen. Später beim Essen erzählt sie ihm, wie gut es das Schicksal mit ihr gemeint hat und wie dankbar sie ihrem Vater ist. Und der Vater vergisst dann für eine Weile, welches Pech er hatte, dass ihm seine Frau mehr Mädchen als Jungen geboren hat. Aber dank der reichen Familie in der Stadt hat es die Älteste zu etwas gebracht.

Sie hat sogar einen alten Kofferradio geschenkt bekommen. Vielleicht kann er ja auch noch die eine oder andere Tochter in der Stadt unterbringen, in einer genau so anständigen und frommen Familie wie die von Rosalia, damit sie dort zu richtigen Christenmenschen erzogen werden. Die Meerschweinchen sind eine Delikatesse. Es waren schon wieder einige Monate vergangen, seit sie zum letzten Mal Fleisch gegessen hatten. Nur der älteste Sohn fehlt, sonst wäre die ganze Familie wieder vereint. Vor zehn Wochen wurde er von einer Militärpatrouille aufgegriffen und seither hilft er, sein Vaterland gegen die Ekuadorianer und Chilenen zu verteidigen, die den Peruanern schon einmal Land geraubt hatten. Einmal war er für drei Tage zu Besuch daheim. Er erzählte von den Unterrichtsstunden, in denen er von den vielen fremden Männern hörte, die einst den Wilden die Kultur und den Glauben an Gott gebracht hatten. Und er ist stolz, diesen Glauben nun verteidigen zu dürfen.

Juan holt eine Flasche mit Zuckerrohrschnaps und weil heute ein besonderer Tag ist, bekommt selbst Rosalia einen Schluck. Sie lässt es sich aber nicht anmerken, dass ihr dabei übel wird, weil sie dadurch an ihre Erlebnisse mit den Herrensöhnen denken muss. Juan belässt es nicht bei einem Schluck. Wehmut überkommt ihn, morgen muss er wieder für den Patron von Chala arbeiten. Als Lohn für seine Arbeit hat ihm der Patron ein steiniges Stück Land verpachtet. Die Hälfte der Ernte muss er dem Patron abgeben. Seine Familie kann er damit nicht ernähren. Fünf Monate im Jahr darf er mit Genehmigung des Patrons an die Küste zur Zuckerrohrernte. Als Belohnung erhält er drei Flaschen Zuckerrohrschnaps und einige Kleider für die Kinder, während der fünf Monate hatte er aber wenigstens ein regelmäßiges Essen.

Er will nicht daran denken, was morgen seine Kinder essen werden. Und außerdem, morgen ist morgen und heute gab es genug zu essen und zu trinken. Es ist besser zu trinken als sich Sorgen zu machen und an das Morgen zu denken. Die Wirklichkeit ist schon hart genug und sie ändert sich ja doch nie.

Die Mutter will ihre älteste Tochter bei ihrer Rückkehr in die Stadt begleiten, es ist ja nur eine Stunde Fußweg. Sie will die Gelegenheit nutzen, um die Hl. Messe am späten Nachmittag in der Stadt zu besuchen. Zuletzt war sie vor einigen Jahren in der Hl. Messe, als der Padre die neue Kapelle des Patrons einweihte. Nun aber möchte sie ihre älteste Tochter unter den Schutz der Jungfrau Maria stellen. Mit großer Mühe konnte sie eine Kerze auftreiben, die sie nun zu Ehren der Jungfrau Maria in der Kirche anzündet. Sie ist sehr gläubig. „Die Jungfrau wird uns in der Not sicher helfen. Vielleicht habe ich bisher nur zu wenige Kerzen geopfert“, denkt sie. Es sind nur ganz wenige Menschen in der Kirche, aber viele Kerzen brennen. In der Predigt hört sie: „Gott liebt dich, danke Gott für seine Gnade, die er dir geschenkt hat, für seine unendliche Liebe und dafür, dass er dich erlöst hat von allem Übel. Sei dankbar, ihm und dem Patron, der den Menschen Arbeit und Land gibt - und dein Lohn wird einmal groß sein“.

Ja, der Padre weiß sehr schön zu predigen, seine Worte trösten sie, für einige Augenblicke vergisst sie das Elend ihrer Kinder. Warum an Morgen denken, Gott wird es schon richten. Alleine kehrt sie in ihre Hütte nach Chala zurück. Die Wirklichkeit hat sie wieder. Ihr Mann schläft noch, sie versorgt die Kinder und legt sich mit ihnen auf die Holzpritsche zum Schlafen. Vor dem Einschlafen tröstet sie noch der Gedanke, dass Rosalia vielleicht doch noch Glück hat. Ihre Herrin ist nämlich eine sehr gläubige Frau, in ihrem Haus treffen sich noch andere Frauen, die zusammen ein Fest zu Ehren der Hl. Jungfrau organisieren. Sie wird bestimmt nicht zulassen, dass Rosalia etwas Schlimmes geschieht (4).

a) Wirtschaftlich-soziale Daten: (5)

Die Stadt Bambamarca, auf 2.526 m Höhe gelegen, ist der Hauptort des gleichnamigen Distriktes und Hauptstadt der Provinz Hualgayoc. Sie liegt im Tal am Ufer des Flusses Llaucano, ein Nebenfluss des Marañón, und 117 km nördlich von Cajamarca. Die Straße führt von Cajamarca weiter nach Chota und von dort aus an die Küste. Sonst gibt es keine Durchgangsstraßen. Das Tal von Bambamarca ist im Vergleich zum Tal von Cajamarca sehr eng. Es kam daher im Unterschied zum Tal von Cajamarca nicht zu einer nennenswerten Viehwirtschaft.

Die Stadt Bambamarca ist die Hauptstadt der Provinz Hualgayoc, die aus drei Distrikten besteht: Bambamarca, Hualgayoc und Chugur. In der Folge ist mit Bambamarca immer auch die gesamte Provinz gemeint, es sei denn, es ist ausdrücklich von der Stadt oder von Hualgayoc die Rede. Denn allein im Distrikt Bambamarca leben etwa zwei Drittel der Bevölkerung und drei Viertel der schulpflichtigen Kinder der Provinz Hualgayoc. Die Pfarrei Bambamarca umfasste in der Amtszeit Dammerts die gesamte Provinz. 1940 wurden in der Provinz 37.259 Menschen gezählt, davon 33.163 Campesinos und 4.096 Städter. 1961 waren es 53.521 (47.898 - 5.623) und 1993 bereits 83.175 (69.344 - 13.831) Menschen.

Im Zeitraum von hundert Jahren (1876: 17.349 Einwohner bis 1981: 66.736 Einwohner) hat sich die Bevölkerungszahl nur in etwa verdreifacht. Dies liegt weit unter dem nationalen Durchschnitt. Laut Geburtenrate müsste das Anwachsen der Bevölkerung wesentlich stärker sein, fällt aber wegen der Landflucht nicht so hoch aus. Als offizielle Gründe für die Migration gelten: mangelnde Arbeitsplätze, immer kleiner werdende Minifundien, das Fehlen jeglicher Industrie. Dennoch gehört, wie schon in vorkolonialen Zeiten, der Distrikt Bambamarca zu den am dichtest bevölkerten Regionen in den Anden (1981: 100 Personen pro km²). In der Provinz lassen sich drei Klimazonen unterscheiden. Ein kleinerer Teil (weniger als 5%) liegt in einer Höhe von weniger als 2.300 m Höhe. Dort herrscht ein subtropisches Klima, es können Kaffee, Zuckerrohr und sogar Bananen angebaut werden.

Die meisten Menschen leben in der mittleren Klimazone, zwischen 2.300 m und 3.400 m Höhe gelegen. Dort werden hauptsächlich Mais (über 40% der Anbauflächen), Kartoffeln, Bohnen, Getreide und Erbsen angebaut. Die Vieh- und Weidewirtschaft spielt nur eine ergänzende Rolle. Die meisten Niederschläge fallen in der Zeit von Dezember bis Mai. Verallgemeinernd kann gesagt werden, dass zu Beginn der Regenzeit die Aussaat erfolgt und am Ende der Regenzeit die Ernte. Die dritte Zone ist die so genannte Jalca, sie reicht von 3.400 bis über 4.000 m. In der Jalca werden noch vereinzelt Getreide und Kartoffeln angebaut. Es überwiegen aber ackerbaulich nicht genutzte oder nicht nutzbare Flächen, sowie scheinbar endlose Weiden, deren Gräser aber nicht für eine extensive Viehwirtschaft geeignet sind.

Der Baumbestand in der Provinz ist seit der Kolonialisierung weitgehend zerstört worden. Neben den ökologischen und klimatologischen Konsequenzen, z.B. extreme Schwankungen zwischen Jahren der Dürre und Überschwemmungen, ist für die Campesinos das Fehlen von ausreichendem Brennholz ein alltägliches Problem. Eine nennenswerte Wiederaufforstung ist bisher nicht geleistet worden. Das Anpflanzen von schnell wachsenden Eukalyptusbäumen erscheint zwar für viele Campesinos eine kurzfristige Lösung, führt aber zur Austrocknung der Ackerflächen. Da Brennholz ein sehr kostbares Gut ist, wird Wasser selten abgekocht und verschmutzt selbst Säuglingen zu trinken gegeben. Hauptursache aller Todesfälle im Kindesalter sind Magenund Darmerkrankungen, die vor allem auf verunreinigtes Trinkwasser zurückzuführen sind.

Etwa 88% der Bevölkerung der Provinz Hualgayoc leben auf dem Land. Doch nicht alle Campesinos arbeiten auch in der Landwirtschaft. Nach offiziellen Angaben der Volkszählung von 1981 sind 63,2% der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig. Nur sehr wenige Familien auf dem Land betreiben ausschließlich Landwirtschaft, denn um eine durchschnittliche Familie von 6-8 Personen zu ernähren, sind mindestens 5 ha bewässerbares Land notwendig. Doch weniger als 5% der Campesinos haben diese Möglichkeit. In der Provinz sind deutlich weniger als 10% der landwirtschaftlich benutzten Fläche bewässert.

Die meisten Familien müssen sich nach anderen Tätigkeiten umsehen, um überleben zu können. Hauptsächliche Erwerbsquelle neben dem Ackerbau ist das Flechten von Strohhüten, eine Spezialität von Bambamarca. Die Mehrzahl der Hutflechter arbeitet in Auftragsarbeit, d.h. dass ein Händler ihnen das Rohmaterial zu Verfügung stellt und dann die fertigen Hüte zu niedrigen Festpreisen erhält. Für einen gut geflochtenen Hut, der so dicht geflochten ist, dass man mit ihm Wasser schöpfen kann, bekommt der Hutflechter bei einer Arbeitszeit von etwa 100 Stunden vom Händler den Gegenwert von 10 kg Fleisch. Zweithäufigste Nebenerwerbsquelle ist das Herstellen von Seilen und Stricken aus der Faser der Agave. Für knapp ein Drittel der Campesinos bilden diese Arbeiten die einzigen Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Denn sie besitzen kein Land.

Die Campesinos errichten ihre Häuser in Eigenarbeit aus Lehmziegeln (Adobe), sie richten die Wege und säubern Kanäle. Gemeinschaftsarbeit bzw. die nachbarschaftliche Hilfe ist dabei die Regel. Vor allem die Männer sind oft unterwegs, um nach Arbeit zu suchen, meist als Tagelöhner, Lastenträger und Hilfsarbeiter beim Wohnungsbau in der Stadt. Etwa ein Viertel der erwerbsfähigen männlichen Bevölkerung geht notgedrungen für längere Zeit an die Küste, um sich dort als Erntehelfer (Zuckerrohr, Baumwolle, Blumen, Spargel etc.) in den großen Betrieben für den Export zu verdingen.

Wenn die Frauen unterwegs sind, dann gehen sie meist in die Stadt, um auf dem Markt ihre Produkte anzubieten und selbst einzukaufen. Kunsthandwerk und Webartikel (Ponchos etc.) spielen als Handelsware keine große Rolle, doch werden immer noch viele Teile der Bekleidung für den Eigenbedarf selbst hergestellt. Die Campesina mit ihrer Wollspindel gehört zum typischen Erscheinungsbild auf dem Land.

Es gibt keine Industriebetriebe in der Provinz. Arbeitsmöglichkeiten bieten u.a. zwei kleine Getränkebetriebe, etwa elf Bäckereien, Schreinereien (einige auch auf dem Land), das Herstellen von Lehmziegeln und gebrannten Ziegeln. Das Baugewerbe, der Unterhalt öffentlicher Straßen und Wege (einschließlich Wasser- und Abwassereinrichtungen) und schließlich der Markt bilden die wichtigsten kommerziellen und produktiven Tätigkeiten in der Stadt.

b) Geschichte

Bambamarca war zu Zeiten des Königreiches Cuismanco eine damals schon dicht besiedelte Provinz. Die Leute wurden „Llaucanos“ genannt. Viele archäologische Stätten, Grabstätten und Keramikfunde weisen darauf hin, dass diese Region seit mindestens viertausend Jahren dicht besiedelt ist, dass Ackerbau betrieben wurde und Mais die Grundlage der Ernährung war. Als Cuismanco von den Inkas angegriffen wurde, rief Corellama, Curaca von Bambamarca, (6)  zum Widerstand gegen die Invasoren auf. Auch alle anderen Curacas versicherten König Cóncax ihre volle Unterstützung. In einem Bündnis mit dem Volk der Chimú sollte der Angriff der Inkas abgewehrt werden.

Nach der Überlieferung soll Cóncax gesagt haben: „Wir brauchen keine neuen Götter und ausländischen Herren, die uns neue Gesetze aufzwingen wollen, denn wir haben gute Gesetze, die uns unsere Vorfahren überlassen haben. Wir wollen bis zum Tod unser Land und unser Königreich verteidigen“ (7) Dank ihrer militärischen Überlegenheit konnten die Inkas ihre Herrschaft aufzwingen. Sie führten ihre Religion ein, z.B. der Inkaherrscher als Sohn der Sonne, und forderten Tributzahlungen, ließen aber ansonsten die politische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Struktur intakt. Die Verwaltungseinheiten wurden beibehalten, die Region Bambamarca wurde zur Guaranca Bambamarca. Corellama wurde von den Inkas gefangen genommen und enthauptet, weil er mit seinen Leuten am heftigsten Widerstand geleistet hatte.

Am 3. März 1539 (nach anderen Angaben bereits 1535) übertrug Pizarro das gesamte ehemalige Königreich Cuismanco an seinen Hauptmann Melchor Verdugo als dessen Eigentum. Noch heute wird von dem ersten Besuch von Melchor Verdugo in Bambamarca erzählt: „Als er nach Bambamarca kam, hatte er auch seinen riesigen Hund ‚Bobo’ dabei. Er befahl dem alten Curaca Tantahuata, alles Gold den neuen Herren zu übergeben. Als der Curaca nur verständnislos schaute, befahl Verdugo, dessen ältesten Sohn herbei zu schaffen. Als dieser ankam, hetzte Verdugo seinen Hund auf den jungen Mann, der von dem eigens dazu dressierten Hund innerhalb weniger Sekunden zerfleischt wurde. Starr vor Schreck schauten die Indios zu, der Vater sammelte stoisch die Überreste seines Sohnes auf und entfernte sich“ (8).

Bis 1691 blieb Bambamarca (in etwa dem Gebiet der heutigen Provinz entsprechend, zusätzlich Teile von Celendín) im Besitz einer einzigen Familie. 1691 wurde wegen Erbschaftsstreitigkeiten das Land aufgeteilt und es entstanden (u.a.) die Hazienden Chala und Llaucán.

1) Die Hazienda Llaucán

Das Tal von Llaucán ist das breiteste und fruchtbarste Tal der Provinz. Es liegt im Süden von Bambamarca, etwa drei bis vier Stunden zu Fuß von der Stadt Bambamarca entfernt. Bis ins 17. Jahrhundert wurde Llaucán von einheimischen Kaziken im Auftrag des spanischen Großgrundbesitzers verwaltet. 1635 wurde Llaucán unter der Verwaltung des Spaniers Juan de Cova in eine Manufaktur umgewandelt. Die Indios mussten in Zwangsarbeit vorwiegend die vorhandene Wolle verarbeiten, es wurden wertvolle Stoffe und Tücher für den Export hergestellt (9). Die Arbeitsbedingungen waren aus heutiger (deutscher) Sicht unmenschlich: eingesperrt in den Arbeitshäusern arbeiteten die Indios bis zu 16 Stunden am Tag, sie waren den Schlägen der Aufseher ausgesetzt und ertrugen eine solche Arbeit im Durchschnitt nicht länger als fünf Jahre.

Die Jahresproduktion an wertvollen und sehr fein gesponnenen Tüchern betrug bereits im 17. Jahrhundert 4.600 Fuß (10).  Gleichzeitig ging die Produktion von Grundnahrungsmittel drastisch zurück, weil deren Produktion für die Besitzer im Vergleich zur Textilwirtschaft keine ausreichende Rendite mehr einbrachte. Erschwerend kam hinzu, dass die Indios, die den landwirtschaftlichen Betrieb der Hazienda aufrecht erhielten, u.a. eine jährliche Mindestquote von Rindern nach Lima abliefern mussten, wo der Besitzer residierte.

Juan de Cova war auch königlicher Schatzmeister, er war beauftragt, die Tributzahlungen aller Indios im Norden Perus - damals in etwa identisch mit der Erzdiözese Trujillo - für die spanische Krone einzutreiben. Auf Dauer war diese Form der Wirtschaft nicht durchzuhalten, da die Zahl der Indios immer mehr abnahm und nicht mehr eine ausreichende Zahl von Arbeitskräften zur Verfügung stand. Sie verhungerten bzw. starben an Erschöpfung an den Webstühlen.

Die Manufakturen und Hazienden liefen Gefahr, an Wirtschaftlichkeit zu verlieren (11). 1680 erließ der Gouverneur und Erzbischof von Trujillo den Befehl, dass aus wirtschaftlichen (!) Gründen keine neuen Manufakturen mehr eröffnet werden durften. Die Hazienden gerieten auch deshalb in wirtschaftliche Zwänge, weil durch die Vernachlässigung der Nahrungsmittelproduktion bald auch die Spanier gezwungen waren, Nahrungsmittel einzuführen, die zudem aufgrund des Mangels immer teurer geworden waren.

Juan de Cova blieb ohne Erben, der Besitz fiel zuerst an die spanische Krone und nach der Unabhängigkeit an die peruanische Republik. An den Arbeitsbedingungen in Llaucán änderte dies nichts, da die jeweiligen Verwalter mit ihren Aufsehern stets das Interesse hatten, möglichst viel für sich und an Steuern, an denen sie prozentual beteiligt waren, herauszuholen. Zeitweise waren die Besitzer von Chala auch gleichzeitig die Verwalter von Llaucán. 1855 hat zum ersten Mal der zuständige Pfarrer auf das Recht verzichtet, Abgaben von den Indios einzutreiben, weil die Indios so verelendet waren. Doch sein Nachfolger hat dieses Recht wieder umso brutaler eingefordert. Bei Verweigerung von Abgaben griff die Staatsmacht ein und die Schuldner wurden ins Gefängnis gesteckt.

Als einige Indios beim Pfarrer vorsprachen und um Gnade baten, belehrte er sie, dass er aus Sorge um deren Seelenheil ihnen dringend rate, die Abgaben zu leisten, weil sie nicht erlöst werden könnten, wenn sie die Abgaben nicht leisteten. Zu dieser Zeit lebten in Llaucán nur noch 800 Familien, viel weniger als in der Zeit des Königreiches Cuismanco. Die Hazienda Llaucán umfasste eine Fläche von 264 km². Ende des 19. Jahrhundert spitzten sich die Probleme zu und es war eine ständige Militärpräsenz notwendig. Bambamarca und Llaucán wurden praktisch unter Militärherrschaft gestellt, um die Abgaben weiter eintreiben zu können.

Am 20. 2. 1897 kam es dennoch zu einem ersten Tumult gegen den damaligen Verwalter. 1902 agitierte in Llaucán eine Gruppe, die von außen kam und die u.a. folgende Forderung aufstellte: Jedem sollte das Land gehören, das er bearbeitet. Mit Hilfe einiger Händler, die eine eigene Suchtruppe zusammenstellten, gelang es der Polizei, die Gruppe und mit ihnen sympathisierende Indios festzunehmen. Sie wurden eingesperrt und gefoltert. Die Hauptanklage lautete, dass diese Individuen gegen das Recht auf Eigentum verstoßen hatten.

Llaucán kam aber nicht zur Ruhe. Immer mehr war zu hören: „Llaucán den Llaucanos!“ Nun wurden von den Autoritäten alle Menschen von Llaucán praktisch in Geiselhaft genommen. Hütten wurden geplündert, Frauen wurden systematisch vergewaltigt, die Nahrungsmittelvorräte zerstört. Als am 17. 11. 1914 bekannt wurde, dass die Abgaben noch einmal erhöht werden sollten, kam es zur einer geschlossenen Verweigerung der Bevölkerung und zum Entschluss, den neuen Verwalter nicht nach Llaucán einzulassen. Der neue Verwalter bat die Lokalregierung in Cajamarca um militärische Hilfe, weil, wie er angab, „alle Llaucanos mit Gewehren bewaffnet sind und Verstärkung durch 300 professionelle Banditen erhalten haben“ (12).

Eine Militäreinheit, verstärkt durch 200 Gendarmen und durch 50 Kriminelle, die im Gefängnis von Cajamarca einsaßen und denen man im Falle einer erfolgreichen Operation die Freiheit versprochen hatte, machte sich auf den Weg nach Llaucán. Die Indios versperrten den Weg und fragten nach dem Grund des Aufmarsches. Eine Frau erhob einen Stein und warf ihn auf das Pferd des Anführers, der darauf vom Pferd fiel. Ein Soldat schlitzte ihr sofort den Bauch auf und es wurde der Befehl erteilt, das Feuer zu eröffnen. Einige Indios wehrten sich mit Steinwürfen. Sie waren selbstverständlich nicht bewaffnet und es gab auch keine Verstärkung durch Banditen.

Aus einem zeitgenössischem Bericht: „Die Zahl der Toten überstieg die Zahl von 500, darunter auch viele Frauen und Kinder. Von den Soldaten starb einer, der Soldat Zurita“ (13) In anderen Berichten wird über die Blutbad derart authentisch berichtet, dass dies hier nicht wiedergegeben werden muss. Einige Überlebende, die sich in die Kapelle geflüchtet hatten, wurden dort vor dem Altar massakriert. Als einer der wenigen Überlebenden sich an den Bischof von Cajamarca wandte, weil die Soldaten noch nicht einmal die Gegenwart der Heiligen auf dem Altar respektiert hätten, antwortete der Bischof, dass auch die Heiligen so gehandelt hätten wie die Soldaten, denn diese erfüllten nur ihre Pflicht, die Ordnung aufrecht zu erhalten.

Eine hundertjährige Zeitzeugin, Doña Gregoria Pereyra Ramírez, sagte 1983: „Welchen Zweck hat es gehabt, so viele Menschen wie räudige Hunde zu töten? Alles blieb wie vorher, nichts hat sich geändert. Weiterhin mussten die Abgaben bezahlt werden, noch weitere 49 Jahre, bis 1963“ (14).

Die Zukunft der Menschen von Llaucán ist heute ungewisser denn je. In einer zweiten Etappe des Staudammprojektes Tinajones, das in deutscher Regie und mit deutschen Geldern seit den siebziger Jahren betrieben wird, ist geplant, das gesamte Tal von Llaucán zu fluten. Die bisher in den Amazonas fließenden Gewässer sollen an die Pazifikküste umgeleitet werden. Ein riesiger Stausee soll im Tal von Llaucán entstehen, damit an der Küste Produkte für den Export angebaut werden können. Dieses Projekt wird unübersehbare soziale und ökologische Folgen haben. Was 500 Jahre Unterdrückung durch Spanier und die eigene Oberschicht nicht erreicht haben, wird jetzt möglicherweise Realität: die endgültige Zerstörung von Llaucán.

Dies geschieht im Sinne einer dem System immanenten Logik und in Fortschreibung der bisherigen Praxis im Namen von Entwicklungshilfe, die reiche Länder vor allem dann großzügig gewähren, wenn dadurch eigene wirtschaftliche Interessen gewahrt bleiben (15). In Konkurrenz zu dem genannten Projekt der Entwicklungshilfe stehen inzwischen die Interessen der Minengesellschaft Yanacocha. Auch in Llaucán wurde derart goldhaltiges Gestein festgestellt, dass die Rentabilität für den Abbau sicher gestellt ist. In weiten Teilen des Tals ist kein Fischfang mehr möglich und in einigen mustergültigen Fischweihern für die Forellenzucht sind Anfang 2001 sämtliche Forellen verendet. Die Vergiftung vieler Landstriche ist bereits so stark, dass seit 1999 immer mehr Familien gezwungen sind, ihr Land zu verlassen.

2) Die Hazienda Chala (16)

Die Hazienda Chala war neben Llaucán die wichtigste Hazienda. Im Zuge der Aufteilung der ursprünglich einzigen Hazienda, entstand parallel zur Entstehung der Hazienda Llaucán die Hazienda Chala, nur etwa 1 Stunde zu Fuß von der heutigen Stadt Bambamarca gelegen. Aus den wirtschaftlichen Aufzeichnungen seit 1702 geht u.a. hervor, dass der Ertrag der Manufakturen pro Kopf der Arbeiter höher war als in Llaucán und die Aufseher erhielten erheblich mehr Lohn als die Aufseher in Llaucán. Die Urkunde für die Gründung der Stadt Bambamarca wurde 1783 von Bischof Martínez Compañón in der Kapelle von Chala unterzeichnet (17).

Im Unterschied zu Llaucán blieb die Hazienda Chala immer in Privatbesitz. Zur Zeit des Silberbooms in Hualgayoc war der Besitzer von Chala auch einer der größten Minenbesitzer. Chala blieb als einzige bedeutende Ortschaft der Provinz von den Plünderungen durch chilenische Truppen im Krieg gegen Chile verschont, weil der Besitzer 4.000 Goldmünzen an die Chilenen bezahlte. In den Manufakturen von Chala wurden unter den gleichen Bedingungen die gleichen Produkte wie in Llaucán hergestellt. Die Äcker der Hazienda wurden in den Monaten September und Oktober für die Aussaat von Mais,Kartoffel, Bohnen und Gerste vorbereitet.

Bei der Aussaat waren täglich bis zu 50 Ochsengespanne im Einsatz. Im Dezember und Januar mussten die Felder von Unkraut frei gehalten werden und die Ernte dauerte je nach Produkt von März bis Mai. Allein die Kartoffelernte dauerte über zwei Wochen und über 70 Lasttiere brauchten zwei Wochen, um die Kartoffeln in die Vorratskammer der Hazienda zu transportieren. Zu diesen Arbeiten wurden die Indios zwangsweise herangezogen und die wenigen freien Indios mussten ihre Arbeitskraft, eventuell Tiere und das Essen für die Arbeiter zur Verfügung stellen. Wenige Indios konnten sich von diesen Verpflichtungen freikaufen. Berühmt war die Stierzucht von Chala. Die Kampfstiere wurden ausschließlich für den Stierkampf gezüchtet. Der größte Bedarf an Kampfstieren gab es an den Patronatsfesten, dessen Höhepunkt jeweils die drei Tage währenden Stierkampftage waren.

Es kam wie in Llaucán einige Male zu Unruhen, ohne aber in einem Massaker wie in Llaucán zu enden. In den fünfziger Jahren begann die Organisation der Campesinos, deren Ziel die Befreiung aus der sklavenähnlichen Abhängigkeit war. Die Militärregierung unter General Velasco übereignete schließlich den Campesinos von Chala das Land von Chala. Letzter Großgrundbesitzer war seit 1950 Luis Zárate, der die Erbin der Hazienda, Amalia Miranda, geheiratet hatte. Der Onkel von Luis Zárate war Daniel Zárate, von 1940 bis 1962 Pfarrer von Bambamarca.

3) Die Minen von Hualgayoc

Im Jahre 1769 wurden in Hualgayoc Silbervorkommen entdeckt und die erste Mine eröffnet. Es kam zu einem atemberaubenden Boom. Bereits 1783 gab es 283 Silberminen. Die Bevölkerung von Hualgayoc vervierfachte sich innerhalb von zwanzig Jahren. Aber schon 1802 begann der Abstieg. Wegen fehlender Investitionen in moderne Bergbautechnik, schlechter Organisation der Arbeit - es kamen Hunderte von Minenarbeitern wegen grober Fahrlässigkeit in der Konstruktion ums Leben - und wegen dem Streit um die Abgaben zwischen den Franziskanern von Chota und den Minenbesitzern, kam es bald zu einem Stillstand, zumal auch die größten und am leichtesten zugänglichen Vorkommen schnell erschöpft waren.

Dieser Boom brachte die wirtschaftliche Entwicklung der Provinz nicht voran. Im Gegenteil: im weiten Umkreis wurde das Trinkwasser vergiftet, viele km2 Ackerland wurden unbrauchbar, weil Abfälle wahllos entsorgt wurden und es kamen viele fremde Menschen in die Provinz, die nach dem Boom keine Arbeit mehr fanden und zu einer größeren sozialen Unsicherheit beitrugen. 1990 wurden diese Minen endgültig stillgelegt, aber bis heute ist das Trinkwasser für Bambamarca durch die frei liegenden Halden mit giftiger Schlacke belastet.

1990 lag die durchschnittliche Lebenserwartung der Minenarbeiter bei vierzig Jahren. In den siebziger und achtziger Jahren kam es in Bambamarca zu mehreren Protestkundgebungen, weil die Trinkwasserversorgung der Region wegen der Silberminen gefährdet war. Die Situation in den Minen führte unmittelbar zur Gründung der Stadt Bambamarca. Die Minenbesitzer überlegten sich, wo sie die vielen Arbeiter ansiedeln konnten. Außerdem suchte man nach einem geeigneten Ort für die Verwaltung und die Organisation der Arbeit. Denn das Klima in Hualgayoc, auf 3.600 - 4.000 m Höhe gelegen, war abschreckend und die Stadt konnte sich aufgrund der geographischen Bedingungen nicht weiter ausbreiten.

In einer gemeinsamen Übereinkunft vom 28. 10. 1783 wurde beschlossen, die größten Arbeitersiedlungen nach Pencaspampa („Ort, wo es viele Agaven gibt“) zu verlegen. Der Name dieses Ortes verlor sich bald und die neu gegründete Ansiedlung hieß nun bald auch Bambamarca, so wie die ganze Region seit alten Zeiten. Diese Umsiedlung der Arbeiter fiel zusammen mit dem Wunsch von Bischof Martínez Compañón, im Tal von Pencaspampa für die dort lebenden Campesinos eine Kapelle zu bauen.

Ursprünglich bestand demnach der Ort Bambamarca aus einer ungeordneten Ansammlung von Minenarbeitern, landlosen Campesinos und versprengten Außenseitern, entwickelte sich aber rasch zur Zentrale. 1906 wurde Bambamarca zur Stadt ernannt und der Provinz Hualgayoc zugeordnet, vorher gehörte sie zu Chota. Nachdem 1950 der Ort Hualgayoc wieder einmal von einem verheerenden Feuer heimgesucht worden war, wurde die Stadt Bambamarca zur Hauptstadt der Provinz Hualgayoc bestimmt.

Nota: > Folgender Abschnitt: Evangelisierung im globalen Dorf (Bambamarca)


Anmerkungen

(1) Dammert: Aus dem Fünfjahresbericht (1974 - 1978) vom 7. 2. 1979 an den Vatikan (z.H. von Kardinal Baggio, Präfekt der Heiligen Kongregation für die Bischöfe). Archiv IBC.

(2) Inzwischen (seit März 2002) haben sie eine „Historische Kommission“ gebildet. Diese hat die Aufgabe, die Berichte und Zeugnisse zusammenzustellen und ein Buch herauszugeben. Die bereits gesammelten Aussagen und Schriften, ergänzt durch eigene Befragungen, bilden das Fundament für diesen Abschnitt. Und umgekehrt: die Campesinos orientieren sich ebenfalls an meiner Arbeit - an deren Prioritäten, Gliederung und Anliegen.

(3) „Treu dem Auftrag Christi der, ‚obwohl er reich war, sich zum Armen machte’, um das Heil und die Befreiung für die Armen zu bringen, muss die Kirche die evangelische Armut leben, dergestalt, dass sie in unserem Land ein authentisches ‚Zeichen der unschätzbaren Werte des Armen in den Augen Gottes und Verpflichtung zur Solidarität mit den Leidenden’ wird. Diese Berufung der evangelischen Armut muss uns alle, nicht nur den Episkopat, sondern das gesamte Volk Gottes, die Bischöfe, den Klerus, die Ordensleute und die Laien, zu einer Revision der Haltungen und Verpflichtungen auf allen Ebenen führen, sowie zu einer loyalen Suche nach neuen Lebensformen“. Beschlüsse der 36. Vollversammlung der peruanischen Bischofskonferenz, Januar 1969: In: Bischöfliche Aktion Adveniat (Hrsg.): Dokumente/Projekte Nr. 10: Eine Kirche auf neuen Wegen. Essen: Selbstverlag, 1972. 54,55.

(4) Diese fiktive Erzählung beruht auf Aussagen befragter Frauen in Bambamarca: der Befragungen des IBC, 1997, auf deren eigenen Befragungen untereinander und der von mir gestellten Nachfragen. Die Erzählung kann als Zusammenfassung der wichtigsten Aussagen gewertet werden. Sie wurde den Frauen in der vorliegenden Form vorgelesen und von den Frauen als exakte Darstellung der Realität bestätigt (auf das Jahr 1962 bezogen).

(5)  Daten der Volkszählung, zuletzt von 1993: INEI. Nationales Institut für Statistik (im Web: www.inei.gob.pe) und Montoya, Eddy / Figueroa, Guillermo: Geografía de Cajamarca, Volumen II. Lima, 1991.

(6) Das Königreich Cuismanco (1250 - 1470) war in sechs Verwaltungseinheiten aufgeteilt, den Guarancas. Sie wurden von Curacas regiert, die von der Bevölkerung dem König als Statthalter vorgeschlagen worden waren.

(7) Campos, Víctor: Historia de Bambamarca, Band I. Hrsg. von: Grupo cultural Quiliche. Bambamarca: Selbstverlag, 1992, Seite 27.

(8) Sarmiento, Julio: El Perú y la dominación hispánica. Cajamarca: Conquista y colonia. Lima, 1997, S. 108.

(9) Als Grundlage für die Daten zu Llaucán und Chala dienen: Victor Campos: Historia de Bambamarca, Band I. und: Grupo cultural Quiliche, Parroquia de Bambamarca: Los Macizos de Pencaspampa - Historia de la organización campesina de Bambamarca. Cajamarca: AOMC, 1994.

(10) „varas“ - Fuß. Das sonst außer in der Textilwirtschaft nicht in Lateinamerika verwendete englische Maßsystem weist darauf hin, wer außer den Großgrundbesitzern die Nutznießer dieser Sklavenarbeit waren.

(11) Ende des 17. Jahrhunderts wurde in Cajamarca darüber diskutiert, ob man nicht, wie auch an anderen Orten üblich, schwarze Sklaven einführen sollte, da diese als körperlich widerstandsfähiger galten. Man sah dann aber davon ab, weil solche Sklaven zu teuer waren, während man die Indios nicht zu kaufen brauchte und diese zudem kostenlose Nachkommen produzierten - im Unterschied zu den schwarzen männlichen Sklaven. In der Sierra wurden ansonsten schwarze Sklaven in der Regel als Aufseher über die Indios eingesetzt.

Aus heutiger marktwirtschaftlicher Sichtweise waren die spanischen Großgrundbesitzer für neue Produktionsmethoden und Vermarktungsstrategien nicht aufgeschlossen und erkannten nicht die Möglichkeiten der damals modernen Sklavenwirtschaft - im Gegensatz z.B. zu den Engländern in deren Kolonien.

(12) Campos, Víctor: Historia de Bambamarca, Band I, S. 215. Daraus auch die folgenden Angaben und Zitate zum Massaker, sowie aus eigenen aufgezeichneten Erzählungen der Menschen von Llaucán.

(13) Ebd. S. 217.

(14) Das Massaker in Llaucán kann als Paradebeispiel für die Verdrehung der Tatsachen in ihr Gegenteil gelten. Die Mächtigen definieren, was wahr ist, wer die Verbrecher sind etc. Militärische Aktionen der heutigen Zeit, vornehmlich der USA, folgen demselben Muster - in Guatemala, El Salvador, Nicaragua, Irak u.v.m. Der absolute Wille zur Alleinherrschaft auf der Basis wirtschaftlicher Interessen und zur Vermehrung von Besitz und Einfluss bestimmt das Geschehen und ist diesem vorgelagert (als Option). Auch auf die Wirtschaft bezogen, zeigen sich auffallende Parallelen: die Produktion von Exportgütern unter menschenunwürdigen Bedingungen für den Weltmarkt, Rückgang der Grundnahrungsmittel, Verelendung, militärische Gewalt und deren (religiöse) Rechtfertigungen.

(15) Dieses Vorhaben ist vergleichbar, nur noch als größer, mit dem Staudamm Gallito Ciego (siehe den Beitrag von Hans Meister „Wasser fürs Leben“ in dem Sammelband „Die globale Verantwortung“, S. 113 - 130). Darin ist nachzulesen, dass solche Projekte vornehmlich dazu dienen, Produkte für den Export zu produzieren, um dadurch die notwendigen jährlichen Zinsen der Auslandsschulden bezahlen zu können.

(16) Da viele Parallelen zu Llaucán bestehen hier nur einige Ergänzungen. Über Chala siehe auch: Knecht, W.: „Die Wehklagen derer, die leiden, lassen mich nicht ruhen“. In: Meier, Johannes (Hrsg.): „Die Armen zuerst! - Zwölf Lebensbilder lateinamerikanischer Bischöfe. Mainz, 1999.

(17) Die Kapellen der beiden Hazienden waren bis dahin die einzigen Kirchen in der Provinz. Die Priester waren Angestellte des Großgrundbesitzers und in erster Linie dessen Hauskapläne.

Copyright © 2016 - Willi Knecht
All Rights Reserved