AmazonasSynode

Amazonien – Neue Wege für die Kirche und für eine ganzheitliche Ökologie

Franziskus bittet den Heiligen Geist, den Teilnehmern der Synode die Gabe des Zuhörens zu geben. Denn im Schrei der „Wegwerfmenschen“ spricht Gott selbst zu uns. Er offenbart sich und identifiziert sich mit den Ausgestoßenen, Verfolgten, den Opfern der Geschichte. Schon bei seinem Besuch in Puerto Maldonado im Januar 2018 wollte er nicht als Erster sprechen, sondern er wollte hören, was ihm die indigenen Völker zu sagen hatten. Deshalb stand auch vor der Ausarbeitung des Vorbereitungsdokuments ein ausführliches Zuhören und eine Beratung durch die indigenen Völker.

Und was hören wir von den Ureinwohnern? Es ist ein vom Tod bedrohtes Volk, ein Volk, das durch die Konzessionen zum Abholzen der Wälder, durch Megaprojekte wie Wasserkraftwerke, Ölbohrungen, Bergbau, Drogenhandel, Landraub und Vertreibung, durch Kriminalisierung und Ermordung ihrer Anführer in ihrer Existenz als Volk bedroht ist. Noch nie waren die Amazonasvölker so bedroht wie heute.

(Siehe auch: "Die Kosmovision der indigenen Völker Europas"

„In Übereinstimmung mit der Ankündigung von Papst Franziskus vom 15. Oktober 2017 wird die Sonderversammlung der Bischofssynode vom 6. - 27. Oktober 2019 stattfinden, um über das Thema: „Neue Wege für die Kirche und für eine ganzheitliche Ökologie“ zu beraten. Diese neuen Wege der Evangelisierung sollen für und mit dem Volk Gottes erarbeitet werden, das in dieser Region lebt: Bewohner der Gemeinden und des Landesinneren, der Städte und der großen Metropolen, Flussanrainer, Zuwanderer und Vertriebene und in besonderem Maße für und mit den indigenen Völkern.“ (Aus dem Vorwort des Vorbereitungsdokuments der Synode, deutsche Übersetzung: Misereor)

Einleitung

a) Aktueller Kontext: Die Amazonasregion und speziell Brasilien, das den größten Teil der Amazonasregion bildet, sind durch die aktuellen Ereignisse im August 2019 in den Mittelpunkt der weltweiten Öffentlichkeit gerückt. In die aufgeheizten Debatten um die lokal und global immer sichtbarer werdende Klimakatastrophe erreichen uns nun auch noch die schrecklichen Bilder eines „Amazonien in Flammen“. Und es wird deutlicher als zuvor: Es geht um uns – um unseren Lebensstil, unsere Zukunft, ja um das Überleben aller. Was bisher eher versucht wurde zu verdrängen, wird uns nun täglich vor Augen geführt und schon werden wieder neue Formen der Verdrängung debattiert.

Einige Wochen davor wurde das Abkommen über den Freihandel zwischen dem MercoSur (Brasilien, Argentinien, Paraguay, Uruguay) und der EU beschlossen (ist noch nicht ratifiziert). Außer einer kleinen informierten Minderheit hat dies niemanden interessiert. Falls es aber zustande kommt, wird es fatale Auswirkungen auf das Weltklima haben und würde alle unsere nationalen Maßnahmen zum Schutz des Klimas konterkarieren – falls diese es denn geben würde. Kurz gesagt: Wir können mehr Autos, Maschinen und Chemie in die 4 Staaten exportieren und bekommen dafür billigeres Viehfutter sowie Fleisch- und Landwirtschaftsprodukte. Man kann dies als Aufruf zur Brandstiftung und Verwüstung der Erde und damit als Verbrechen gegen die Menschheit deuten.

b) Die Amazonas-Synode hat selbstverständlich zuerst die Situation im Amazonasgebiet im Blick, aber sie geht weit darüber hinaus. Man kann sogar sagen, dass sie exemplarisch aufzeigen kann, wie es um die Menschen, die Schöpfung und die Kirche (in ihrem Verhältnis zu Mensch, Schöpfung und in ihrem Selbstverständnis) steht. Bei der Amazonas-Synode geht es für die Kirche auch darum, ihre Fähigkeit (wieder-) zu gewinnen, unter den komplexen Umständen, die noch zu schildern sind, die glaubwürdige Verkünderin einer befreienden Botschaft in Wort und Tat zu sein. Angesichts zunehmender Formen von Herrschaft, Ausbeutung und Zerstörung ist dies eine sehr große Herausforderung, zumal unter Berücksichtigung der kulturellen Vielfalt seiner indigenen Gemeinschaften und der Art und Weise, wie diese ihre Hoffnungen und ihren Widerstand leben. Letztlich geht es aber nicht zuerst um die Kirche und ihre Erneuerung, sondern um die Menschen, ihre Umwelt und Lebenswelt in der Amazonasregion, die hier auch stellvertretend für alle Ausgegrenzten dieser Welt stehen. Dieser Herausforderung kann die Kirche wiederum nur gerecht werden, wenn sie zu einer grundlegenden Erneuerung fähig ist, inhaltlich und strukturell. Dabei könnten die Erfahrungen und Weisheiten der indigenen Völker eine große Hilfe und wesentliche Bereicherung sein.

Amazonien ist ein großes Gebiet von 7,5 Millionen km2, mit etwa 33 Millionen Einwohner, von denen etwa 3 Millionen Indigene und Afro-Nachkommen sind. Das Amazonasgebiet teilen sich 9 Länder: Bolivien, Peru, Ecuador, Kolumbien, Venezuela, Guyana, Suriname, Französisch-Guayana und vor allem Brasilien. Es gibt mehr als 380 verschiedene Völker oder Nationalitäten, zusätzlich zu etwa 140 indigenen Völkern, die noch in freiwilliger Isolation leben; rund 240 Sprachen werden im Amazonasgebiet gesprochen.

In der Folge werde ich mich auf Brasilien konzentrieren, nicht nur wegen Größe, sondern wegen der klaren Option brasilianischer Bischöfe für die Belange der Indigenen und Ausgegrenzten (Option für die Armen) seit den 60-er Jahren.

Vorbereitung der Synode

Bereits bei der II. Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe 1968 in Medellín, Kolumbien, wurden wesentliche Aussagen des II. Vat. Konzils auf die konkrete Situation in Lateinamerika hin ausgelegt. Die Ursachen des Elends wurden benannt. Gleich in Kap. I. 1 heißt es: „Über die Situation des lateinamerikanischen Menschen gibt es viele Studien. In allen wird das Elend beschrieben, das große Menschengruppen in die Randzonen des Gemeinschaftslebens drängt. Dieses Elend als Massenerscheinung ist eine Ungerechtigkeit, die zum Himmel schreit“ (siehe auch „50 Jahre Medellín – Option für die Armen“, imprimatur 3/2018). Es war u.a. der Beginn der Abkehr vom Euro-Zentrismus hin zu einer Weltkirche, die sich eher von „den Rändern“ her definiert. Mit dem Pontifikat von Papst Franziskus wurde diese Option wieder aufgegriffen und mit neuem Leben gefüllt. Auch die Amazonas-Synode knüpft verständlicherweise an diese bahnbrechende Bischofskonferenz an und führt sie weiter. In direkter Weise ist das Vorbereitungsdokument von den beiden wegweisenden Enzykliken „Evangelii Gaudium“ und vor allem von „Laudato Si“ beeinflusst. Diese beiden Schreiben des Papstes sind gewissermaßen die Paten für die kommende Synode. Mehr als bisher stehen nun aber die indigenen Völker im Mittelpunkt, ihre Kultur, Lebensweise und die Bedrohungen, die sie erleiden.

Die eigentliche Vorbereitung für die Synode begann offiziell mit der Reise des Papstes nach Puerto Maldonado (Peru) im Januar 2018. Dort brachte er seine Sorge um die Indigenen und deren Heimat zum Ausdruck: „Ich habe mehrfach auf die Wegwerfkultur hingewiesen. Eine Kultur, die sich nicht nur damit begnügt auszuschließen, sondern dazu übergegangen ist, zum Schweigen zu bringen, zu ignorieren und abzulehnen, was nicht ihren Interessen dient; der entfremdende Konsumismus mancher kann scheinbar das erdrückende Leiden der anderen nicht ermessen. Es ist eine anonyme Kultur ohne Bindungen und ohne Gesichter. Mit der Erde wird in gleicher Weise nach dieser Logik umgegangen. Wälder, Flüsse und Bäche werden bis zu den letzten Ressourcen genutzt und dann brach und unbrauchbar zurückgelassen. Auch Menschen werden nach dieser Logik behandelt: Sie werden bis zur Erschöpfung ausgenutzt und dann als ´unbrauchbar` fallengelassen. Man entledigt sich der Kinder, man entledigt sich der alten Menschen - eine Wegwerfkultur. Die falschen Götter, die Götzen der Gier, des Geldes, der Macht verderben alles. Sie verderben die Menschen und die Institutionen und sie zerstören auch den Wald. Jesus hat von Dämonen gesprochen, deren Austreibung auch viel Gebet verlangt. Dies ist einer von ihnen.“ (Aus der Ansprache des Papstes bei der Ankunft in Puerto Maldonado, 19.01.2018).

Anschließend wurde das vorbereitende Dokument erstellt, rund 87.000 verschiedene Voten wurden gehört, etwa 22.000 in direkter Konsultation und 65.000 in Anhörungen und Beratungen. Indigene Gemeinschaften, Pfarreien, Vikariate und Diözesen nahmen teil. Es gab 260 Veranstaltungen, territoriale Versammlungen und thematische Foren. 90 % der Amazonasbischöfe nahmen an diesem Prozess teil. All dies wurde von REPAM (Red Eclesial Panamazónica) gesammelt und ausgewertet. REPAM ist eine kirchliche Einrichtung, die gegründet wurde, um pastorale Leitlinien zu entwickeln und die ein Entwicklungsmodell sucht, das die Armen begünstigt und dem Gemeinwohl dient. Die Ergebnisse dieses Konsultationsprozesses trugen zur Entwicklung des Arbeitspapiers „Instrumentum laboris“ (IL) bei. Dieses Dokument wurde dann am 17. Juni 2019 veröffentlicht und wird die Grundlage der Synode bilden.

Was hat diese Synode mit unserem Glauben und unserer Spiritualität zu tun? Die Sorge um das "gemeinsame Haus" betrifft uns alle und hat mit unserem Glauben zu tun. Das Buch Genesis bezeugt Gott als Schöpfer des Himmels und der Erde und alles, was darin wohnt, einschließlich des Menschen. Diese Welt wurde in unsere Hände gelegt, um sie zu bewahren und das Leben in seiner Fülle für alle zu garantieren. Mit anderen Worten, ökologische Sorge ist nicht nur ein globales Problem und eine aktuelle Herausforderung, sondern es ist auch eine inhärente Verpflichtung zum Glauben, falls wir an den biblischen Gott glauben. Von daher ist die Enzyklika von Franziskus, "Laudato si" (2015), in der er uns zur "sozio-ökologischen Bekehrung" aufruft, zu verstehen. Diese so von Gott gewollte Leben in seiner Schöpfung und all seiner Geschöpfe wird nun von einer irrationalen Ausbeutungsorgie bedroht, die ausschließlich den maximalen Profit anstrebt. Davon betroffen sind zuerst die Allerärmsten dieser Erde.

Inhaltliche Annäherung an das Vorbereitungspapier

In Lateinamerika ist die dreifache kirchliche Methode des Sehens, Urteilen und Handelns bereits üblich, eine Methode, die von Kardinal Joseph Cardijn eingeführt wurde und die aus der christlichen Arbeiterbewegung (CAJ) stammt. Aber im Arbeitspapier für die Amazonas-Synode wird diese Methode bereichert, denn wir reden nun nicht nur über das Sehen, sondern über das (Zu-) HÖREN. Wie wichtig ist diese Ergänzung?

Gliederung und Hauptaussagen

Der erste Schritt, mit dem Titel "Die Stimme des Amazonas", entspricht dem „Sehen" (Hören), dem Schrei der Menschen und der Natur und den Möglichkeiten, die diese Zeit der Gnade (Kairos) darstellen. Der zweite Schritt, rund um die "Integrale Ökologie", bietet Kriterien für die Deutung der Realität, u.a. die Zerstörung durch Extraktivismus,,  Urbanisierung, Verletzlichkeit von Familien, Gesundheit und Bildung. Der dritte Schritt zeigt „Wege zum Handeln" auf, ausgehend von den Herausforderungen und Hoffnungen der "Prophetischen Kirche im Amazonasgebiet": Eine missionarische Kirche, die unter Einbeziehung der indigenen Kosmovision den interreligiösen Dialog fördert und der ganzheitlichen menschlichen Entwicklung dient. Der peruanische Kardinal Pedro Barreto SJ, Vizepräsident des REPAM, hat die Aufgabe der Synode auf den Nenner gebracht: „Amazonizar a la iglesia“ und „laudatosificar la sociedad“, was heißt, der Kirche ein Amazonasgesicht geben und der Gesellschaft ein ökologisches Bewusstsein.

a) Die territoriale Dimension.

Selbstverständlich ließe sich angesichts der aktuellen Pressemeldungen über die Waldbrände in Amazonien („Die Erde   brennt“) sehr viel berichten. Diese ausführliche Berichterstattung, manchmal sogar unter Einbeziehung der komplexen Ursachen, Hintergründe und der planetarischen Bedeutung für uns alle, sind zu begrüßen. Sie lenken die weltweite Aufmerksamkeit auf eine Weltregion, die bisher eher wegen Fußball, Samba und Karneval interessant war. Doch die aktuelle Situation in Amazonien hat nicht nur eine Vorgeschichte, sie geht über ein halbes Jahrtausend zurück. Und seither wird diese ferne Region, wie viele andere vergleichbare Regionen, von „unseren“ europäischen, westlichen, christlichen Wertvorstellungen und Lebensweisen bestimmt. Das neue Interesse am Amazonasgebiet entstand wohl auch aus berechtigter Sorge, dass die Zerstörungen im Amazonas letztlich auch uns und unsere Art zu leben und zu konsumieren betreffen: „Unsere Lunge droht, zerstört zu werden“.

An dieser Stelle geht es eher um theologische Fragestellungen, Standpunkte und den theologischen Ort (locus theologicus), spezifischer: die Armen und ihr Ort in der Theologie. Dieser Ort mit seinen Menschen und ihrer Umwelt wird zum Subjekt und damit zum Ausgangspunkt der Theologie, will sie christlich sein - die Offenbarung in Jesus dem Christus vorausgesetzt. Die Inkarnation ist ein Grundelement christlichen Glaubens. Die Menschwerdung Gottes geschieht an ganz bestimmten Orten, Zeiten und Kontexten. Gott kommt heute zur Welt und zu den Menschen z.B. in den Hängematten der Indigenen am Amazonas, in den Blechhütten der Elendsviertel und den Lehmhütten der Andenbewohner. „Im Amazonas-Regenwald wurde eine tiefe Krise durch anhaltendes menschliches Eingreifen ausgelöst, bei dem eine ´Kultur des Wegwerfens` (LS 16) und eine extraktivistische Mentalität vorherrschen. Der Amazonas ist eine Region mit einer reichen Artenvielfalt, er ist multiethnisch, multikulturell und multireligiös, ein Spiegel der ganzen Menschheit, die zur Verteidigung des Lebens strukturelle und persönliche Veränderungen aller Menschen, Staaten und der Kirche fordert.“  (Präambel - Vorbereitungsdokument). 

b) Universalität

Kirche sein bedeutet immer auch Weltkirche sein, also Katholische Kirche (altgriechisch „katholikos“) im ursprünglichen Sinn. Wird Kirche eher von den „Rändern der Welt“ und vom Standort der weltweit Ausgegrenzten und „Aussätzigen“ aus betrachtet und definiert, statt von einer Metropole (Rom, Berlin, New York), dann sprechen wir von einer anderen Kirche, als die real existierenden Kirchen (gilt auch für die lutherischen Kirchen). Wenn nun also bei der kommenden Synode die Situation im Amazonasgebiet und die Bedürfnisse der dort lebenden Menschen und zudem der „Mutter Erde“, deren Güter für alle Menschen in gleicher Weise bestimmt sind, im Mittelpunkt stehen, dann hat das auch enorme Auswirkungen auf die weltweite Kirche.

„Neue Wege für die Kirche“, so im Titel der Synode, bezieht sich auf die pastorale Agenda von "Evangelii Gaudium".

Die Verkündigung des Evangeliums in der gegenwärtigen Welt ist das pastorale Anliegen von Papst Franziskus. Es geht ihm darum, die Zeichen der Zeit zu interpretieren und einen Weg zu finden, eine Kirche zu sein, die tief in Gemeinschaft mit und im Dienst des Reiches Gottes steht – ausgehend von dieser Realität wie sie ist und von einer anachronistischen Lektüre oder von philosophischen Spekulationen. Es ist ein Moment, den wir definitiv als "Kairos" bezeichnen können.

Für eine integrale Ökologie – so im weiteren Teil des Titels: Es geht nicht mehr und nicht weniger als um das Überleben der menschlichen Spezies. Mehr als je zuvor in der Menschheitsgeschichte steht die Menschheit vor einem Abgrund, selbst verschuldet. Wenn das kein Zeichen der Zeit, ein Zeichen zur Umkehr ist, was dann? Der „Homo oeconomicus“ ist dabei, den „Oikos“, die Haus- Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft der Menschen zu zerstören. Denn er sieht die Natur, ihre Geschöpfe und alle Lebewesen als Ware an, die man kaufen, benutzen und vermehren kann. Und wer das am besten kann…! Dieser Sichtweise widersprechen fundamental die Lebensweisheiten der indigenen Völker und nicht zuletzt der Bibel, die schließlich von einstigen Nomadenvölkern konzipiert worden war. Doch schon die Schriftgelehrten zurzeit Jesu und dann die von der griechischen Philosophie beeindruckten christlichen Kirchenfürsten (besonders Augustinus und seine Schüler bis heute) brachten es fertig, die Botschaft Jesu in ihr Gegenteil zu verdrehen.

Das Vorbereitungsdokument fordert nun, sich zu dieser so von Gott gewollten Gemeinschaft neu zu bekennen, also umzukehren. Sie fordert gar, diese „Seinsweise“ als eine Lebensweise für die Kirche werden zu lassen: „Dies ist im Wesentlichen der Aufruf zu einer ökologischen Bekehrung, deren Weg in der Enzyklika "Laudato Si" beschrieben ist. Dabei hilft, wie auch am vorherigen Punkt, eine klare und tiefgründige Lektüre der Zeichen der Zeit. Wir stehen vor der Herausforderung, unsere Beziehung zu unserer Schwester, der Mutter Erde, von Grund auf zu ändern. Wir brauchen eine neue Beziehung zu den Gütern dieser Schöpfung, die Gott für alle Menschen zu deren Wohl zur Verfügung gestellt hat. Ebenso brauchen wir einen grundlegenden Wandel in der Beziehung der Menschen untereinander. Stattdessen haben wir eine Dynamik der Ausbeutung und eine beispiellose Anhäufung von Gütern entwickelt. Dies hat unseren Planeten an seine Grenzen gebracht. Wir müssen erkennen, dass wir unsere Spiritualität überdenken müssen, um eine nüchternere zu finden, die auf dem Wesentlichen basiert und die es uns ermöglicht, eine wahrhaftige Gemeinschaft mit unserer Mutter Erde und mit den Schwestern und Brüdern dieser Welt zu leben. Dies gilt insbesondere den am meisten Ausgegrenzten und all denjenigen, die unser gemeinsames Zuhause beschützen wollen - in Gemeinschaft mit dem Gott des Lebens, der eine lebenswerte Zukunft für diejenigen will, die noch kommen werden“ (Kap. „Ökologische Umkehr“).

c) Erneuerung der Kirche

Es geht um eine Erneuerung, die innerkirchlich sehr umstritten ist. Seit dem 2. Vatikanum kam es schon zu wichtigen Reformen. Doch vieles bleibt – wesensgemäß - noch bruchstückhaft, nie vollkommen, Kirche auf dem Weg. Auf der einen Seite stehen die, denen die Kontinuität sehr wichtig ist. Damit meinen sie aber vor allem eine Kirche, die von einem Zentrum aus geleitet und geführt wird. Dieses Zentrum ist und bleibt Rom. Im Vorbereitungsdokument wird gesagt, dass dieses Modell nicht mehr der Wirklichkeit mit seiner zunehmenden Dynamik gerecht wird. Stattdessen, wie oben ausgeführt, gilt es mehr als je zuvor, die Zeichen der Zeit zu sehen und als Zeichen der Offenbarung zu verstehen. Das Beharren auf dem Bisherigen lässt uns blind werden vor den notwenigen Herausforderungen unserer Zeit, erstrecht angesichts der zunehmenden sozialen Verwerfungen und ökologischen Katastrophen. Es gilt gewohnte strukturelle Sicherheiten und Gewohnheiten aufzugeben und hinauszugehen zu jenen, die auf der Strecke bleiben oder überflüssig gemacht wurden. Auf diesem Weg sind die Frauen unverzichtbar, mehr noch: sie sind die ersten Zeugen der Auferstehung und bis heute diejenigen, die besonders in prekären Situationen standhafter und oft mutiger sind als Männer, die in ihrem Machowahn meinen, davonlaufen oder sich betrinken zu müssen. 

Wir müssen den „Reichtum der Verschiedenheit“ entdecken. Und selbst die Bischofssynoden sollten zuerst ein Ort des Zuhörens werden (dazu müsste man natürlich diejenigen einladen und sprechen lassen, die auch etwas zu sagen haben).

Auf dieser Ebene gibt es einige Aspekte des Kanonischen Rechts, das dem (noch) im Wege steht, z.B. gleichberechtigte Mitwirkung der Frauen. Das Kanonische Recht ist nicht Teil der Offenbarung, und wenn es uns hindert, die Zeichen der Zeit zu erkennen, dann müssen wir es ändern, um Raum zu schaffen für den notwendigen Wandel. „Hoffentlich gelingt es uns, einen Samen der Bekehrung zu säen, die Zeichen der Zeit zu erkennen und den Kairos zu nutzen. Dann werden wir fähig sein, auf prophetische Weise der schweren sozio-ökologischen Krise gewachsen zu sein und sie im Geist der Märtyrer des Amazonas überwinden zu können“ (IL). Anmerkung: Warum findet aber diese Bischofssynode in Rom statt? Wäre es nicht viel glaubwürdiger, sich in der Amazonasregion zu treffen?

Hören den Schrei der Armgemachten nach Gerechtigkeit und den Schrei der verwundeten Mutter Erde

Es ist sicherlich notwendig, den Amazonas, seine geographische Ausdehnung, seine Bewohner, den Reichtum seines Bioms und seiner Flüsse und die Vielfalt seiner Kulturen zu sehen und zu kennen. Nun will die Kirche in der Synode einen weiteren Schritt tun, nämlich dem Amazonas-Volk zuhören, sich von seinem Schrei nach Gerechtigkeit und von der Geschichte ihres Leidensweges erschüttern lassen. Franziskus bittet den Heiligen Geist, den Teilnehmern der Synode die Gabe des Zuhörens zu geben. Denn im Schrei der „Wegwerfmenschen“ spricht Gott selbst zu uns. Er offenbart sich und identifiziert sich mit den Ausgestoßenen, Verfolgten, den Opfern der Geschichte. Schon bei seinem Besuch in Puerto Maldonado im Januar 2018 wollte er nicht als Erster sprechen, sondern er wollte hören, was ihm die indigenen Völker zu sagen hatten. Deshalb stand auch vor der Ausarbeitung des Vorbereitungsdokuments ein ausführliches Zuhören und eine Beratung durch die indigenen Völker.

Und was hören wir von den Ureinwohnern? Es ist ein vom Tod bedrohtes Volk, ein Volk, das durch die Konzessionen zum Abholzen der Wälder, durch Megaprojekte wie Wasserkraftwerke, Ölbohrungen, Bergbau, Drogenhandel, Landraub und Vertreibung, durch Kriminalisierung und Ermordung ihrer Anführer in ihrer Existenz als Volk bedroht ist. Noch nie waren die Amazonasvölker so bedroht wie heute. Die Völker bedauern auch, dass die Kirche trotz ihrer großen Hilfe immer noch sehr distanziert wirkt, sich oft noch kolonial und klerikal zeigt und ihre Sprachen, ihre Kulturen und ihre Spiritualität nicht kennt. Sie ist eher zu Besuch als präsent.

Nur wenn wir dem Amazonas-Volk zuhören, können wir ihre Wahrheit kennenlernen, eine Wahrheit, die nicht zuerst rationaler Ausdruck ihrer Weltanschauung ist, sondern Ausdruck ihrer Gefühlswelt, ihres Lebens und ihres Leidens.

Nur wenn wir dem Schrei des Amazonasvolkes zuhören, können wir prophetisch die Ungerechtigkeit der Mächtigen anprangern und eine umfassende ökologische Bekehrung der Gesellschaft und der Kirche anstreben, um eine Amazonaskirche mit indigenem Antlitz zu errichten, um so den Amazonas und den Planeten Erde zu retten.

Die Gläubigen der jüdisch-christlichen Tradition sollten sich nicht wundern über dieses Bedürfnis, den Schrei des Volkes zu hören: Das Blut Abels schreit zum Himmel (Gen 4,10), der Schrei des Volkes Israel, das in Ägypten ausgebeutet wird, erhebt sich in den Himmel, der HERR hört diesen Schrei und er ruft Mose, damit er das Volk befreie (Ex 3,7-10). In den Evangelien hört Jesus den Schrei der Armen, der Kranken, der Ausgegrenzten, der Frauen (Lk 18,35-43). Die biblische Wahrheit ist keine hellenistische oder rein rationalistische Wahrheit. Das biblisch-semitisches Wissen stammt aus dem Hören auf das, was aus dem Innersten des Menschen kommt und das aus dem Leiden der Menschen geboren wird. Als Pilatus Jesus fragt, was die Wahrheit ist (Joh 18,38), antwortet Jesus ihm nicht und gibt ihm keine philosophische Antwort. Die Wahrheit entsteht aus dem Schrei des Gekreuzigten, die Wahrheit entsteht aus den Gekreuzigten der Geschichte, aus den Opfern der Ungerechtigkeit. Der christliche Glaube erwächst aus dem Hören auf das Wort Gottes.

Man vergleiche dies mit Karl Rahner „Hörer des Wortes“, daraus: „Der Mensch als Geist ist in seiner Transzendenz offen für das in sich lichte und unendliche Sein alles Seienden. Offenbarung als besondere Erfüllung dieser Offenheit ist damit grundsätzlich möglich". Der von mir sehr geschätzte Karl Rahner, einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jh., fasst hier eine seiner Grundaussagen zusammen. Das war in seiner Zeit ein großer Schritt nach vorn. Bleibt man aber im „Ontologischen“ stecken, vermag man keine Antwort zu finden darauf (bzw. man glaubt, diese gar nicht finden zu müssen), wie und unter welchen Umständen (Kontexten) man das Wort Gottes hören kann oder auch nicht. Die simple Antwort findet sich in der „Frohen Botschaft“: Jesus der Christus, das Fleisch gewordene Wort Gottes, identifiziert sich in der Tradition der biblischen Propheten mit den „Verdammten dieser Erde“ (Mt 25, 35-46). Wer im „Metaphysischen“ verharrt, übersieht allzu leicht das „Physische“ - die Verdammten dieser Erde. Europäische Theologen laufen Gefahr, bequemerweise im „Metaphysischen“ zu verharren und sich daher auch noch für besonders kompetent zu halten.

Unsere scheinbar so weise – „katholisch“ und alles umfassende – Theologie erweist sich als „weiße“ Theologie, solange sie nicht die Theologie der „Nicht-Weißen“ als zumindest gleichberechtigt ansehen kann und/oder will. („Weißsein“ bedeutet hier nicht nur die Farbe der Haut, sondern vielmehr ein sozio-kulturelle Konditionierung). Eine solche Theologie ist auch genuin sexistisch. Macht und Herrschaft werden damit begründet, an Gottes Stelle (und seinem Sohn!) Macht ausüben zu „müssen“. Und auch die Erlösung allen Übels wird allen Menschen verheißen, wenn sie sich dieser Macht und sich dieser von schwülen Männerphantasien erfundenen Gotteslehre unterwerfen… (siehe auch Dostojewski: Der Großinquisitor, aus „Die Brüder Karamasow“).

Eine imperiale Lebensweise und Herrschaftsform gebiert eine imperiale Theologie - und umgekehrt. Wir sonnen uns gerne darin, auf der richtigen Seite zu stehen, wenn wir uns nur emotional und rational ausreichend betreffen lassen (was sicherlich meist sehr ernst gemeint ist und tatsächlich die Voraussetzung für echtes Engagement, Umkehr und Widerstand ist), leben aber weiterhin auf Kosten der „Müllmenschen“ weltweit (auch lokal).

Wir sind auch Teil einer globalen Bildungselite, die sich auch in der Tat in der Welt umsehen können - Früchte der herrschenden Globalisierung, die einer Minderheit ermöglich „frei und flexibel“ ihr Leben gestalten zu können, u.a. weil uns auch nahezu unbegrenzt alle Ressourcen zur Verfügung stehen, während der großen Mehrheit der Menschen eben dies nicht möglich ist. Was eben die einen zu viel haben, können die anderen nicht auch haben.

Ein Beispiel aus der aktuellen Diskussion um die Amazonas-Synode: Es ist erstaunlich, dass viele Medien sich lediglich auf die Nr. 129 (b) des IL stürzen, in dem es darum geht, ob erfahrene verheiratete indigene Männer zu Priestern geweiht werden können, während sie die übrigen 146 Kapitel übergehen bzw. verschweigen. Warum sind diese Medien so an der eucharistischen Seelsorge im Amazonasgebiet interessiert und verschweigen den Schrei der vom Tod bedrohten Menschen? Ist das nur Zufall? Ist dies nicht ein Ignorieren der Wahrheit? Aber was ist denn die Wahrheit? Wir können nur antworten: Den Schrei der Erde und der Armen hören. Nach der klassischen Theologie (siehe K. Rahner) ist grundsätzlich dies jedem Menschen grundsätzlich möglich. Das ist die Wahrheit des Amazonas.

Welche Folgen es hat, wenn man nicht von den Worten und Taten Jesu ausgeht, sondern von seinen eigenen theologischen Theorien, zeigt sich am Beispiel der „Lehre“ über die Eucharistie und deren aktuelle Praxis: Ein rein rituelles „Mahl“, losgelöst vom Alltag und oft auch von Verpflichtungen gegenüber den Mitmenschen, „ontologisiert“ und daher beliebig. Und weil das Fest der Erinnerung an die Befreiung aus der Sklaverei und an das Leben und Leiden Jesu und der Märtyrer in das rein „Innerliche“ oder das „Außerirdische“ abgeschoben wurde, braucht man deswegen einen extra geweihten Mann, ob rein oder unrein, der nun „im göttlichen Auftrag“ und an Gottes Stelle das Brot bricht.

Was war eigentlich das „Letzte Abendmahl“? Jesus feierte mit seinen Jüngern die Befreiung des Volkes Gottes aus der Sklaverei, als Erinnerung und als Auftrag zur Nachfolge. In der Eucharistie sagt die Kirche, was sie ist und wie sie im Geiste Jesu zu handeln hat. In dem Maße, wie Christen das Brot teilen, werden sie zur Kirche Jesu Christi. Wenn wir die Eucharistie feiern, gedenken wir des Lebens, des Todes und der Auferstehung Jesu Christi. Wir sagen Dank dafür, dass Jesus uns durch seine Worte und Taten ein neues Leben ermöglicht und uns den Weg zeigt. Wir nehmen in dieser Feier die endgültige Gemeinschaft aller Menschen untereinander und mit Gott vorweg. Das ist unser Ziel, unsere Berufung. Das biblische Bild: Hochzeitsmahl, Tischgemeinschaft mit denen, denen ansonsten der Zugang zum Tisch und damit zum Brot des Lebens verwehrt wird. Es ist das zentrale Sakrament unseres Glaubens. Kennzeichen dieser Tischgemeinschaft ist das Miteinanderteilen von Brot und Wein, d.h. all dessen, was wir zum Leben brauchen. Die Jünger von Emmaus erkennen den auferweckten Christus erst, als er mit ihnen das Brot teilt. Wenn wir miteinander all das teilen, was wir für ein Leben in Würde brauchen, dann ist Jesus mitten unter uns und wir werden selbst zu „Brot und Wein“ für andere. In einer Gemeinde, in der das geschieht, ist der lebendige Christus gegenwärtig, es ist Auferstehung spürbar, neues Leben.

Synode im Spannungsfeld verschiedenster Interessen

Ich möchte hier lediglich zwei komplexe Themenfelder herausgreifen: die aktuelle Situation und Herausforderung als solche (der Widerstand derjenigen, die von der bestehenden Situation in besonderer Weise profitieren, muss hier nicht explizit erwähnt werden) und den innerkirchlichen Widerstand.  

a) Die Expansion des Agrobusiness in Brasilien geht einher mit erschütternden Bildern und Zahlen über Ausübung unvorstellbarer Gewalt. Nach Angaben der Pastoralkommission für Landfragen (CPT) sind die im Exportgeschäft führenden Großgrundbesitzer seit 2016 für eine Zunahme von Landvertreibungen um 22 % und Morde um 26% verantwortlich. Allein 2016 – dem Jahr des parlamentarischen Putsches gegen Präsidentin Dilma Rousseff, an dem sich das Agrobusiness besonders aktiv und aggressiv beteiligte – nahmen Vertreibungen von wehrlosen Indigenen und Kleinbauern um 232% zu. Im Jahr 2016 waren insgesamt 910.000 Menschen von 1.536 Landkonflikten in ganz Brasilien betroffen. Die Hauptursachen für die Konfrontationen waren Kämpfe um Land, Arbeit und Wasserzugang. Zu den am meisten Betroffenen gehörten indigene Völker, verarmte Kleinbauern und afro-brasilianische Quilombola-Gemeinden. Zwischen 2015 und 2016 nahmen Mordversuche des Latifundiums von 59 auf 74, also um 25 Prozent, zu. Die Anzahl körperlich angegriffener Menschen stieg im gleichen Zeitraum von 187 auf 571; also um haarsträubende 205 %. Laut der CPT-Umfrage waren im vergangenen Jahr 482 Frauen Opfer von Gewalt aufgrund von Landkonflikten, ein Anstieg von 377 Prozent gegenüber 2017. Die vom Agrobusiness angezettelten Konflikte erstrecken sich auf über 37 Millionen Hektar; einer Fläche der Größe Japans. Amazonien ist Handlungsort von 85 % der Landdispute in Brasilien, wovon wiederum 54 % – mehr als die Hälfte – sich auf indigenen Gebieten abspielen, die Bolsonaro für “überfällig” hält und mit der allgemeinen Freigabe von Waffen an die Großgrundbesitzer tödlich bedroht. (Daten von der Comissão Pastoral da Terra, CP). Sie ist eine 1975 gegründete Organisation der kath. Kirche in Brasilien).

Widerstand der Mächtigen und Interessen

b) Wortführer der Angriffe auf Papst Franziskus und die Synode sind, zumindest im deutschsprachigen Raum, die Kardinäle Brandmüller und Müller. Müller z.B. warf dem Vorbereitungsdokument zur Synode schwere theologische Mängel vor. Es enthalte sogar eine „falsche Lehre“, wenn behauptet werde, dass ein bestimmtes Territorium „Quelle für die Offenbarung Gottes“ sei. Seit 2.000 Jahren lehre die katholische Kirche unfehlbar, dass die Heilige Schrift und die Apostolische Tradition bleibende einzige Quellen der Offenbarung seien. Die hinter dem Vorbereitungsdokument stehende „Theologia indigena“ (s.u.) und die „Ökotheologie“ hält Müller für eine „Kopfgeburt von Sozialromantikern“. Auf www.kath.net und der Wochenzeitschrift „Die Tagespost“ kann man, hier zusammengefasst, folgende Vorwürfe lesen: Was haben Ökologie, Ökonomie und Politik mit dem Auftrag der Kirche zu tun? Und vor allem: Welche fachliche Kompetenz legitimiert eine Bischofssynode, sich zu solchen Sachgebieten zu äußern? Es bedeute die Verwandlung des „Corpus Christi mysticum“ in eine säkulare NGO mit öko-soziologischem Auftrag. Es könne nicht verborgen bleiben, dass die „Synode“ vor allem dazu dienen sollte, zwei seit Jahrzehnten gehegte, bislang nie erfüllte „Herzensanliegen“ zu erfüllen: Abschaffung des Zölibats und Einführung des Frauenpriestertums – wozu mit geweihten Diakoninnen zu beginnen sei. Das „Instrumentum laboris“ für die Amazonien-Synode stelle einen bislang kaum für möglich gehaltenen Angriff auf die Grundlagen des Glaubens dar. Es sei festzuhalten, dass dieses Dokument in entscheidenden Punkten der verbindlichen Lehre der Kirche widerspricht, und darum als häretisch zu qualifizieren sei.

Eurozentrismus und „Teología india“

Als Koordinator der Studie (1996 – 2004) über die Aufbrüche der Kirche in Lateinamerika wurde ich von der CEHILA, der bischöflichen Kommission der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz für Kirchengeschichte in Lateinamerika, zu einem internationalen Colloquium eingeladen, um die Ergebnisse der Studie vorzustellen. Aus Brasilien nahmen u.a. Paolo Suess und José Oscar Beozzo teil. Das Colloquium fand vom 28.10.–1. 11. 2002 in Cuernavaca, Mexiko, statt. Dabei wurde die sozialpastorale Arbeit in der (Campesino-) Diözese Cajamarca, sowohl als beispielhaft für die Entwicklung einer befreienden Pastoral in Lateinamerika als auch als notwendig und richtungsweisend für die zukünftige kirchliche Entwicklung herausgestellt und im Schlussdokument entsprechend gewürdigt. Es gab bisher kaum eine wiss. Arbeit zur Kirchengeschichte, in denen die Campesinos im Mittelpunkt stehen oder gar selbst zu Wort kommen. Gerade dies aber ist ein Anliegen von CEHILA. Dies ist umso bedeutsamer, als es sich in der Mehrheit um „Indiogemeinden“ handelte (Campesinos). Die Campesinos haben Geschichte bisher überwiegend „erlitten“ und waren ohne Stimme geblieben. Nun aber wollen sie selbst „Geschichte schreiben“. Dies wurde in den Jahren 1962 - 1992 zusammen mit Bischof Dammert grundgelegt. Dasselbe geschah in gleicher Weise und in enger Verbundenheit (u.a.) in den Diözesen Riobamba, Ekuador (Bischof Leónidas Proaño) und Chiapas (Bischof Samuel Ruiz).

Mein Bericht vom Treffen in Cuernavaca, 2002, zu Zeiten des Hl. Johannes Paul II., mit wörtlichen Auszügen:

  • Man spricht hier oft von der „Iglesia Romana“; die „Theologie“ Roms ist nicht zuerst Theologie. Denn sie steht (bzw., wird missbraucht) im Dienst der Macht, es ist oft eher eine Praxis der Macht und nicht der Theologie.
  • Wir bestehen auf einem wahrhaften Dialog, ohne dass die Europäer die Regeln des Dialogs (oder Diskurses) bestimmen. Wenn z.B. die „Indígenas“ von Gott reden, dann dürfen wir keine Regeln aufstellen, in welcher Form und gemäß welcher Terminologie dies zu geschehen hat - aber genau dies geschieht.
  • Wir sind das Volk und wir machen Theologie; Theologie entsteht aus der Gemeinschaft heraus. Basisvertreter sagen: Theologie an den Universitäten hat oft nichts mit der Realität zu tun, in der das Volk lebt und leidet.
  • Der eigentliche Konflikt mit der „teología índia“ ist der Konflikt zwischen Herrschern und Beherrschten; was nicht eingegliedert (beherrscht) werden kann, ist eine Bedrohung, wird bekämpft - aus Angst. Gleichzeitig wird Geschichte der Conquista nicht aufgearbeitet.
  • Die römische Kirche scheint eher ein Hindernis als ein Verbündeter auf dem Weg zu einer gerechteren Welt zu sein (Widerstand gegen Neoliberalismus). Sie geht nicht von den Opfern aus, bzw. sie thematisiert dies nicht.
  • P. Suess: Die Kirche hat Angst vor dem „Anderen“, vor den Laien, vor den Frauen, vor der Realität (um sie nicht ändern zu müssen) und Angst, ihre Privilegien zu verlieren (auch Angst um die Rolle des Priesters). Kirchliche Neurose“: man malt sich die Realität entsprechend seiner jeweiligen Traumata aus.
  • Die Welt mit den Augen des „Anderen“ und der Opfer sehen; wir sind keine (neutralen) Richter, sondern wir sind „Teil von“ (parteiisch) und stehen in einem bestimmten Kontext.
  • CEHILA will eine Geschichtsforschung aus der Perspektive des Volkes, der Beherrschten (derer ohne Stimme) machen - im Unterschied zur „offiziellen“ Geschichtsschreibung, die eher eine Geschichte der Sieger ist.
  • Das europäische Konzept von Theologie, Philosophie (u.a. dualistisch; entweder - oder; eine Verkündigung von abstrakt abgeleiteten Prinzipien etc.) widerspricht völlig dem Leben und auch der Kosmovision der „Indígenas“.

Nach einem Besuch in Chiapas, Mexiko 1999, kritisierte der damalige Papst die „teología india“. Diese wurde in der Diözese Chiapas, eine der wichtigsten Zentren dieser Theologie, unter der Leitung von Msgr. Samuel Ruiz praktiziert. Der Papst: "Heute denken wir viel darüber nach, die Theologie der Befreiung durch eine indigene Theologie zu ersetzen, was eine andere Version des Marxismus wäre."

Zum 6. Treffen von CELAM, Arbeitsgruppe „teología india“, am 22. Mai 2019 in Paraguay schrieb Papst Franziskus: "Das Christentum kennt nicht nur einzige Kultur, in der die sie die Botschaft verkünden kann. In den verschiedenen Völkern, die die Gabe Gottes je nach ihrer eigenen Kultur hören und leben, drückt die Kirche ihre wahre Katholizität aus und zeigt die Schönheit dieses vielgestaltigen Gesichts. Jede Kultur trägt positive Werte und Gestaltungsformen bei, die die Art und Weise bereichern können, wie das Evangelium verkündet und gelebt wird" (EG 116).

Der Skandal der Inkulturation?

In der Folge des Konzils wurde das Thema der Inkulturation neu gesehen. Die Bischofssynode von 1985 (anlässlich von 20 Jahren Konzilsende) definierte Inkulturation bereits als „eine intime Transformation authentischer kultureller Werte durch ihre Integration in das Christentum und die Etablierung des Christentums in allen menschlichen Kulturen." Dies klang ganz gut und war gut geeignet, in Schubladen abgelegt zu werden. Aber in diesem Jahr wird die Kirche eine Synode über die Herausforderungen des Amazonas abhalten. Die Synode will neue Wege finden, um diese Mission zu vertiefen. Bisher verstand man unter Inkulturation, unsere (abendländische) Theologie den Indigenen verständlich zu machen, immerhin. Aber: „Wir haben versucht, eine indigenistische Kirche zu sein, die indigene Völker als pastorales Objekt betrachtet, aber noch nicht als Protagonisten ihrer eigenen Glaubenserfahrung. Aber das reicht nicht aus. Wir wissen jetzt, dass wir noch einen Schritt weiter gehen müssen: Wir müssen eine indigene Kirche fördern." (Kardinal C. Hummes, Generalberichterstatter der Synode, Interview mit „La Civiltá Cattolica“).

Inkulturation und Menschwerdung, beides hängt ganz eng zusammen und die Menschwerdung Gottes ist ein zentraler Inhalt christlichen Glaubens. Die Erkenntnis, dass "keine Kultur das Geheimnis der Menschwerdung und Erlösung Christi erschöpft" ist unvereinbar mit dem bisherigen Eurozentrismus in der Theologie und der weltkirchlichen Praxis. Was heißt „europäische Kultur“? Benedikt XVI.: "Die Kultur Europas wurde aus der Begegnung zwischen Jerusalem, Athen und Rom geboren; der Begegnung zwischen dem Glauben an den Gott Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem rechtlichen Denken Roms." Sokrates, Cicero und Jesus als Grundlage unseres Glaubens? Es war die „Pax Romana“, der Jesus und viele seiner Anhänger zum Opfer gefallen sind. Mit der Kolonialisierung der Welt hat sich diese Kultur dann in der ganzen Welt verbreitet und von daher kommt ihr Anspruch auf eine angebliche Universalität.

Im Kapitel mit dem Titel „Ein Volk mit vielen Gesichtern" begründet EG theologisch die Möglichkeit eines multikulturellen Christentums und weist mit Nachdruck ein monokulturelles Verständnis zurück. Sinngemäß: Wir können nicht so tun, als ob die Völker aller Kontinente, indem sie den christlichen Glauben zum Ausdruck bringen, die Wege, die die Völker Europas an einem bestimmten Punkt der Geschichte gefunden haben, übernehmen müssten. Denn der Glaube kann nicht in die Grenzen des Verständnisses und Ausdrucks einer Kultur eingeschlossen werden (EG 116-118). Vieles deutet daraufhin, dass viele Widerstände gegen Franziskus und die Synode darauf beruhen, nicht von diesem Eurozentrismus lassen zu können. So ist man z.B. eher bereit, christlichen Gemeinschaften die Feier der Eucharistie vorzuenthalten, als die „Kleiderordnung“ zu ändern.

Selbstverständlich können und wollen indigene Kulturen und Lebensweisen ebenfalls nicht den Anspruch auf universelle Gültigkeit erheben. „Ich bin gekommen, damit sie Leben haben und es reichlich haben", sagte Jesus (Joh10,10). Die Ureinwohner des Amazonas haben mit ihrer angestammten Weisheit eine Lebensweise gefunden, die sie das "gute Leben" nennen. Wie das Vorbereitungsdokument hervorhebt, ist es ein Verständnis des Lebens, das durch die Verbindung und Harmonie der Beziehungen zwischen Wasser, Territorium und Natur, Gemeinschaftsleben und Kultur, Gott und den verschiedenen spirituellen Kräften gekennzeichnet ist. Und auch für diese Kultur gilt: Erst  Christus führt das indigene "gute Leben" zur Vollendung, ein Christus mit indigenem Gesicht, der indigenen Weisheit, der alle Möglichkeiten "guten Lebens " verkörpert und diesen Menschen eine Gemeinschaft anbietet, die dieses "gute Leben" zu einem Leben in der verheißenen Fülle des Lebens werden lässt.

(Siehe auch den meinen Beitrag in imprimatur 3/2017: „Der Glaube und die Kultur der Menschen in den Anden“ (Cosmovisión andina). Im Vorwort der Redaktion heißt es: „In seinem Beitrag wirft Willi Knecht u.a. die Frage auf, inwieweit die spirituellen Grundlagen der andinen Kultur Auswege aus der Sackgasse aufweisen könnten, die uns die „Kosmovision“ (Philosophie, Theologie, Wirtschaft) des christlichen Abendlandes weltweit geführt hat.

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