Inkulturation als Chance

Thomas Belke: Abschließend möchte ich Ihnen sagen, dass es bei „Partnerschaft" nicht um einen Mythos, sondern vielmehr um eine Vision geht, so wie wir es heute Morgen in einer Meditation (Auszüge aus "Die Wahrheit im Dialog" von M.A. Thomas) gehört haben: „Die kommende neue Welt ist eine Welt, die im Dialog lebt. Wir werden herausgerissen aus unserer Vereinsamung, unseren Elfenbeintürmen, unseren kleinen Inseln. Langsam, aber beständig bewegen wir uns aufeinander zu... Deshalb müssen wir offen sein, Herr, offen füreinander, damit der Reichtum der anderen uns bereichert und unsere Armut sie reich macht."

Statement zur Partnerschaft Freiburg  - Peru

Eichstätt, 3.-5. Juni 1999,   Statement zur Partnerschaft Freiburg  - Peru
                                                          
Als im Herbst vergangenen Jahres das 40-jährige Bestehen von Misereor gefeiert wurde, fand in Aachen unter dem Titel „Mythos Partnerschaft" ein ganztägiger Workshop statt. Ich erinnere mich gut, dass daran Vertreter aus dem Bistum Eichstätt teilnahmen. Bei der Vorstellungsrunde kam von dieser Seite u.a. die Rede auf den „Mythos Partnerschaft Freiburg - Peru". Was meint „Mythos"? Der Duden bietet uns u.a. folgende Deutung an: „Person, Sache, Begebenheit, die (aus meist irrationalen Vorstellungen heraus) glorifiziert wird, legendären Charakter hat."   
Dass die Partnerschaft Freiburg - Peru keineswegs „legendär", sondern aktuell und in einer interessanten Phase ist, möchte ich Ihnen in drei Schritten aufzeigen:  

  • einem kurzen Bericht über zwei Partnerschaftstreffen in Rastatt und Lima;  
  • einer Beschreibung der jüngsten peruanischen Partnerschaftsentwicklung und ihrer Bedeutung für die Erzdiözese Freiburg;  
  • einiger abschließender Anmerkungen zu einem „Lernprozess Partnerschaft".  

Ob ich damit die Partnerschaft Freiburg - Peru „glorifiziere", soll Ihrem Urteil überlassen bleiben. Jedenfalls ist das Bemühen um Objektivität kein ganz leichtes Unterfangen für jemanden, der seit mehr als zehn Jahren die Möglichkeit - und das Glück! - hat, diesen Prozess einer Partnerschaft zu begleiten.

Partnerschaftstreffen im April 1999

Schauen wir zunächst nach Rastatt: 17. April, 16. diözesanes Partnerschaftstreffen. Eingeladen sind zwei Personen aus jeder Gemeinde; nur zwei, weil ansonsten nicht 200, sondern wohl 250 kämen und damit das Tagungszentrum überfordert wäre. Dreizehn Jahre Partnerschaft, mehr als 150 Verbindungen bestehen aktuell - aber auch mehr als dreißig wurden, aus verschiedenen Gründen, wieder beendet. Zurück nach Rastatt: Am Vormittag geht um die Verschuldungssituation Perus. Ein Thema, das auf dem Hintergrund der weltweiten Kampagne „Erlassjahr 2.000" im Mittelpunkt steht.

Peru hat mit über 1,7 Millionen Unterschriften die meisten weltweit gesammelt, wohl in erster Linie, weil die peruanische Kampagne „Zuerst das Leben, dann die Schulden" (La Vida antes que la Deuda) von der Kirche ins Leben gerufen und gefördert wurde. Die Kirche genießt in der peruanischen Gesellschaft ein sehr hohes Vertrauen. Referenten in Rastatt sind der deutschstämmige Bischof der Diözese Chosica sowie der Peru-Vertreter aus dem „Entwicklungshilfeministerium" (BMZ) in Bonn. Am Nachmittag werden dann Foren angeboten, die wegen ihres Themenspektrums kurz genannt werden sollen:

  • Partnerschaftsperspektiven am Beispiel der Verbindungen in die Diözese Chosica.
  • Entwicklungshilfe des BMZ für Peru.  
  • Projekte in der Partnergemeinde. Möglichkeit der Zusammenarbeit zwischen Pfarrgemeinden und den Werken Adveniat und Misereor.  
  • Besuche im Rahmen der Partnerschaft. Erfahrungen und praktische Hinweise.  
  • Voluntarios berichten von ihrem Dienst in Peru.  
  • Was tut unserem Peru-Kreis gut?  

Szenenwechsel: Lima, 22.-24. April, erstes nationales Treffen für Delegierte aus den Diözesen Perus. Sechzig Engagierte aus über 25 Bistümern (bzw. Jurisdiktionen) sind in die Hauptstadt gekommen, etwa 2/3 Laien, 1/3 Priester, weiteste Anreise: drei Tage. Der Eröffnungsgottesdienst lässt beim Blick in den Altarraum ein bedeutsames kirchliches Ereignis erwarten: acht Bischöfe, darunter der Vorsitzende der Bischofskonferenz, sind versammelt. Dieser weist bei der anschließenden Eröffnung des Kongresses auf ein entscheidendes Merkmal der Partnerschaft hin: Es gehe nicht um Hilfsmaßnahmen, sondern um die Dimensionen der Spiritualität, Kommunikation und Solidarität in den Verbindungen zwischen Peru und Freiburg. Spiritualität, Kommunikation und Solidarität, das ist auch das inhaltliche Raster, um während der kommenden anderthalb Tage die Partnerschaftserfahrungen zu beleuchten und weiter zu entwickeln. Hinzu kommt noch der Aspekt der Organisation. Ausgangspunkt ist dabei ein Arbeitspapier, das eine Zusammenschau mehrerer, bereits erarbeiteter diözesaner Leitlinien bietet. Vorrangiges Ziel des Kongresses ist es, einen Konsens im Blick auf Verständnis und Ausgestaltung der Partnerschaft zu schaffen. Es wird sich zeigen, dass die Dimension der Spiritualität, also der geistlich-religiöse Bereich, von herausragender Bedeutung für eine lebendige Partnerschaft ist.  
 
An dieser Stelle möchte ich zwei definitorische Versuche für den „Pacto de Hermandad“ (Bund der Geschwisterlichkeit), wie die Peruaner anstatt Partnerschaft auch sagen, einschieben:  

  • Bischof Lorenzo León: „Partnerschaft ist ein vom Heiligen Geist inspirierter Lebensausdruck unserer Kirche, der Gemeinschaften und Gemeinden auf denselben Weg bringt, damit sie gemeinsam am Reich Gottes bauen."  
  • Eine Frau aus Lima bringt es auf eine verblüffend einfachen Nenner: „Partnerschaft bedeutet: Somos Cristianos - Wir sind Christen." Was ist damit gemeint? Christsein, mit einem weiten Blick über den eigenen Kirchturm hinaus und mit Freude am Austausch mit anderen Kulturkreisen; Christsein, das aber auch vom Teilen, von der Solidarität her lebt, ja glaub-würdig wird; Partner als pars, Teile eines größeren Ganzen, die aufeinander verwiesen und, letztlich, angewiesen sind.  

Perspektiven der Partnerschaft

„Wir befinden uns in einem Prozess des Wachstums und der Reifung." Am Schluss des Kongresses in Lima wurde dieses positive und hoffnungsvolle Fazit gezogen. Es weist auf, dass „Partnerschaft" auf peruanischer Seite immer mehr als ein dynamisches Geschehen begriffen wird. Ein Arbeitspapier mit „nationalen Leitlinien" entstand. Diese Leitlinien sollen jetzt in den Diözesen und Pfarrgemeinden weiter präzisiert und dann umgesetzt werden. Die Herausforderungen hinsichtlich der oben genannten Dimensionen der Partnerschaft werden dabei wie folgt charakterisiert:

  • Spiritualität: Es gilt, die Dimension der Spiritualität als zentrales Thema auf den Ebenen der Pfarrei, der Diözese, der Region sowie im Austausch mit den Partnern in Deutschland zu vertiefen.  
  • Kommunikation: Die Partnergemeinden in Deutschland sollen über unser Verständnis von Spiritualität, über die pastorale Arbeit, das tägliche Leben, Bräuche und Sitten, etc. informiert werden.  
  • Solidarität: Es gibt nicht nur die materielle Solidarität, sondern auch eine geistliche, z.B. im Gebet. Konkretes gemeinsames Anliegen kann z.B. die Unterstützung der Entschuldungskampagne „Zuerst das Leben, dann die Schulden" sein.  
  • Organisation: Strukturen helfen, Partnerschaft zu leben. Die Teams auf Pfarrei- und Diözesanebene motivieren für Partnerschaft, sind aber nicht in sich geschlossen Kreisen offen und beziehen die Gläubigen der Pfarrei mit ein.  

Geprägt von den Eindrücken aus Lima fragt Domkapitular Sauer in einem Interview unserer Bistumszeitung (Konradsblatt 22/99): „Sind die Peruaner nicht schon einen oder zwei Schritte weiter als wir hier im Erzbistum Freiburg?" Im Blick auf die in Peru zusehends praktizierte Rückbindung der gemeindlichen Partnerschaftsinitiativen an die Diözesen stellt er eine deutliche Differenz zu unserer Situation fest: „Hier in Deutschland betonen die Pfarreien ja mit gutem Grund ihre Eigenverantwortung, gerade auch in solchen Initiativen wie der Partnerschaftsarbeit. Belehrende oder gar regulierende Worte aus dem Referat Weltkirche sind nicht immer erwünscht. Der Kongress in Lima hat uns die Erkenntnis gebracht: Die Partnerschaftsarbeit kann nur gelingen, wenn wir auch Partnerschaft nach innen realisieren, das heißt: Partnerschaftsarbeit einer Pfarrei darf kein exklusiver Kontakt nach Übersee sein, sondern sie ist eingebunden in eine große, vernetzte Pastoral unseres Bistums mit den Konsequenzen der Transparenz und Solidarität untereinander."
 
Für eine Bewertung des Kongresses in Lima kann es hilfreich sein, einen groben Rückblick in die Entwicklungsgeschichte der Partnerschaft zu tun:  

  • 1980-1985, Sondierung: Angestoßen vom Diözesanrat der Katholiken und dann von Domkapitular Zwingmann vorangetrieben fand eine Verständigung mit einigen peruanischen Bischöfen über die Idee „Partnerschaft" statt.  
  • 1986-1992, Entwicklung unter den Begleitumständen von Armut und Gewalt: Auf deutscher Seite wurden die Verbindungen von Anfang an durch Partnerschaftsgruppen getragen, in Peru war es zunächst fast ausschließlich der Priester. Bedingt durch die wachsende terroristische Gewalt konnte in Peru zunehmend weniger öffentlich von Partnerschaft gesprochen werden. Ein Austausch mit anderen Pfarrgemeinden war vielfach nicht möglich. Gewalt und Verarmung forderten auf deutscher Seite zu solidarischer Hilfe heraus.  
  • 1993-1996, Partnerschaft bekommt in Peru Konturen: Besuche sind nach Rückgang des Terrorismus wieder möglich; Austausch unter den Pfarreien einer Diözese beginnt. Zum zehnjährigen Jubiläum kommen 1996 fast 400 Delegierte aus peruanischen Diözesen nach Lima; vor allem Bischöfe beleuchten dabei die verschiedenen Dimensionen von Partnerschaft in Form von Referaten.  
  • 1997-1999, Partnerschaft gewinnt in Peru ein eigenes Gesicht: Immer mehr Laien beteiligen sich an den Verbindungen, bilden „Partnerschaftskreise". Erste diözesane Leitlinien entstehen, diözesane Teams werden ernannt. Mit dem Kongress in Lima rückt die Herausforderung in den Mittelpunkt, vor allem die spirituelle Dimension von Partnerschaft zu gestalten.  

Im Blick auf Impulse oder Initiativen, die von der einen oder anderen Seite in die Verbindung eingebracht wurden, lässt sich feststellen, dass zumindest bis 1992 ein deutliches Übergewicht auf deutscher Seite lag. Nach dem jüngsten Kongress in Lima neige ich zu der Einschätzung, dass nicht nur ein Gleichgewicht - was Verständnis, Erwartungen und Handlungsperspektiven hinsichtlich Partnerschaft anlangt - erreicht ist, sondern zukünftig sogar mehr Impulse aus Peru kommen werden, die zu einer Auffrischung unserer Peru-Kreise, zu einer Erneuerung ihres Selbstverständnisses und damit auch der Gestaltung von Partnerschaft beitragen können. Dabei wird es vor allem interessant sein,
wie sich die peruanische Stärke „Spiritualität" mit unserer Stärke „Solidarität" verbinden lässt. Im positiven Fall kann es zu Horizonterweiterungen und fruchtbaren Prozessen auf beiden Seiten kommen - zwei Beispiele:

  • Die Partnergemeinde in Peru könnte anregen, dass ein Teil der von Deutschland erhaltenen Hilfe zukünftig an den peruanischen Bischof geht, der damit Gemeinden oder Anliegen fördern kann, die nicht in der Gunst einer direkten Partnerschaft stehen. Teilen und Solidarität bekäme so nochmals eine erweiterte Dimension.  
  • Bibel-Teilen zwischen Partnergemeinden wäre ein weiterer Anstoß, der meines Wissens bisher in einer Verbindung seit längerem praktiziert wird. Auch ein Austausch über die Leitworte der Partnerschaft, die bisher in Peru eine wesentlich größere Rolle als bei uns spielen, stellt ein Chance dar. „Geeint im Heiligen Geist Kirche sein für die Welt von heute", so lautet das aktuelle Leitwort.   

Lernprozess Partnerschaft als Aufgabe

Drei Bereiche scheinen mir für einen gemeinsamen Partnerschaftsweg bedeutsam:  

  •  Was wollen wir? Partnerschaft meint ein wechselseitiges Geschehen, das sich in Spiritualität, Kommunikation und Solidarität ausdrückt. Gegenüber dem bisherigen, „klassischen" Verständnis von „Dritte-Welt- Engagement" zielt Partnerschaft eine geistige und praktische Horizonterweiterung an: es geht nicht in erster Linie um „den Armen" auf der anderen Seite, sondern um die bereichernde Erfahrung eines geschwisterlichen Austausches auf beiden Seiten. Ideal wäre es, wenn zu Beginn einer Partnerschaft eine Vergewisserung über Partnerschaftsverständnis und -erwartungen stattfindet und dieses auch aufeinander abgestimmt wird. Aber es darf sicherlich auch hier gelten: Der Weg entsteht beim Gehen.  
  • Wer trägt die Partnerschaft? In allen Partnerschaftsgemeinden in der Erzdiözese Freiburg sind es „Peru- Kreise", die Verantwortung übernehmen. Auch auf der peruanischen Partnerseite ist es in der Zwischenzeit so, dass Laien einbezogen sind. Wichtig ist, dass sie - auf beiden Seiten - für ihre Arbeit von den Pfarrgemeinden beauftragt werden und die Partnerschaft immer wieder in die Gemeinden hinein vermitteln. Es geht um Gemeinde-Partnerschaft.  
  • Wie wird Partnerschaft lebendig? Geistliche Verbundenheit kann sich z.B. ausdrücken in einem gemeinsamen Partnerschaftsgebet oder einem Lied der Partner, das im Gottesdienst gesungen wird. Kommunikation - Austausch und Kennen lernen - vollziehen sich z.B. in bewährter Form (Briefe, Fotos, Videos) und beziehen zum Teil auch die Segnungen der modernen Technik in Form von Fax oder sogar Internet mit ein. Höhepunkte einer Partnerschaft sind aber die Besuche. Sie erweisen sich als entscheidend für die Entwicklung der jeweiligen Verbindungen.  

Um das eingangs herangezogene Wort vom „Mythos" als „Glorifizierung" nochmals aufzugreifen: Ich halte es in den wenigsten Fällen für angemessen, von Partnerschaft als einer bereits eingelösten Wirklichkeit zu sprechen. Vielmehr verwende ich den Begriff, um damit zunächst und vor allem eine Zielperspektive zu beschreiben: Partnerschaft als ein Ideal, an dem wir unser konkretes Handel ausrichten und auch reflektieren können. Trotz mancher Ernüchterungen in den vergangenen Jahren - die mehr als dreißig Abbrüche sind ein Beispiel dafür - ist es meine Überzeugung, dass es sich lohnt, den Weg des „Somos Cristianos" in einer weltweiten Dimension zu beschreiten, auch wenn Partnerschaft zwischen Gemeinden verschiedener Kulturkreise wohl immer anfanghaft bleiben wird. Trotz aller Begrenzungen - ich sehe keine geeignetere Möglichkeit für einen „Lernweg Weltkirche" im Konkreten. Besser, den Anderen als Partner - wenn auch zunächst verbal und intentional - mit sich auf eine Ebene zu stellen, als ihn auf einen Bettler bzw. eine Melkkuh zu reduzieren, um es einmal plakativ auszudrücken. So stellt die Erfahrung eines Peru-Kreises aus der Nähe von Freiburg doch eine wirklich tragfähige Motivation dar: "Sie leben den Glauben, wir leben ihn auch, wir vertiefen ihn im sozialen Engagement."  
 
Abschließend möchte ich Ihnen sagen, dass es bei „Partnerschaft" nicht um einen Mythos, sondern vielmehr um eine Vision geht, so wie wir es heute Morgen in einer Meditation (Auszüge aus "Die Wahrheit im Dialog" von M.A. Thomas) gehört haben: „Die kommende neue Welt ist eine Welt, die im Dialog lebt. Wir werden herausgerissen aus unserer Vereinsamung, unseren Elfenbeintürmen, unseren kleinen Inseln. Langsam, aber beständig bewegen wir uns aufeinander zu... Deshalb müssen wir offen sein, Herr, offen füreinander, damit der Reichtum der anderen uns bereichert und unsere Armut sie reich macht."
 
Thomas Belke, 3. Juni 1999 

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