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Was ist Theologie – Begriffsklärung aus der Sicht der Armen

„Theologie ist ‚Glaubenswissenschaft’ (genauer: Wissenschaft des christlichen Glaubens), d.h. das reflektierende, methodisch geleitete Erhellen und Entfalten der im Glauben erfassten und angenommenen Offenbarung Gottes“. Und weiter heißt es am gleichen Ort: „Die Theologie ist bezogen auf die Verkündigung von Kirche, der sie dient“.[1] Theologie ist der zweite Schritt. Sie ist sekundär und sie hat eine dienende Funktion. An erster Stelle steht der Glaube an den sich offenbarenden Gott. Dieser hat sich Moses offenbart und ist schließlich in Jesus Mensch geworden. Für die Hebräer bedeutete dies den Aufbruch aus dem „Sklavenhaus“ und in die Befreiung. Christen knüpfen an diese Erfahrung an und bekennen, dass mit Jesus das Reich Gottes begonnen hat und sich vollenden wird. So lautet die Botschaft der Kirche. Die Theologie leistet die notwendigen Hilfsdienste für diese Aufgabe.

Im Mittelpunkt von Kirche und Theologie steht der Glaube Jesu an den Gott von Abraham und Moses und an Jesus den Christus. Die Campesinos haben erfahren, dass dieser Jesus in ihrer Mitte geboren und einer von ihnen wurde („zur Welt kam“). Ausgehend von dieser Erfahrung entwickeln sie eine Theologie, das reflektierende, methodisch geleitete Erhellen und Entfalten dieser Erfahrung. Das führt zu einer neuen Praxis. Dabei wurde ihnen von außen geholfen. In der Begegnung mit Menschen, die schon etwas von der Offenbarung gehört hatten, konnten sie ihre Erfahrungen einordnen, deuten und in einen ihnen bisher unbekannten Zusammenhang stellen. Doch letztlich waren sie es, die daraus entsprechende Lehren zogen und diese Konsequenzen oft bitter erleiden mussten. Die Lehren der Campesinos, ihre Überlegungen und manchmal auch nur Versuche, ihren Glauben auf dem Hintergrund ihrer als leidvoll erfahrenen Realität als befreienden Glauben zu deuten und zu praktizieren, ist eine authentische Theologie. Sie sind die Subjekte dieser Theologie, sie haben das erste Wort. Im Mittelpunkt dieser Theologie steht die Menschwerdung Gottes, die Botschaft Jesu vom Reich Gottes, sein Kreuz und seine Auferstehung. Menschen - besonders arm gemachte Menschen - die sich auf der Basis gemeinsamer Erfahrungen mit Jesus dem Christus versammeln und ihren Glauben in die Tat umsetzen, bilden die Kirche Jesu Christi. Sie werden durch ihr Zeugnis zu einem Zeichen des Heils für diese Welt und für ihre Mitmenschen. Sie sind dies auch dann, wenn sie von Vertretern einer abendländisch geprägten römischen Institution, die sich ebenfalls auf diesen Jesus Christus beruft, nicht als solche anerkannt oder noch nicht einmal wahrgenommen werden.

Es ist aber gerade die Aufgabe und die Chance von europäischer Theologie und Kirche, mit ihren Mitteln und ihren immer noch beträchtlichen Möglichkeiten, die Campesinos auf die Bühne zu stellen und ins Rampenlicht zu rücken. Die am Rande stehen müssen in die Mitte gestellt werden - um der Armen und der Botschaft Jesu willen. Dies ist auch um der Institution und der europäischen Kirche selbst willen zu geschehen, quasi zu deren eigenen „Heil und Rettung“. Denn wie könnte sie die Menschwerdung Gottes im „Stall von Bambamarca“ und ähnlichen Orten leugnen, ohne sich selbst aufzugeben? Wenn das so ist, dann muss sich die Kirche auf den Weg zur „Krippe im Stall“ machen und zu den Menschen, die um die Krippe herum sich versammeln. Doch die Option für die Armen ist immer noch nicht institutionell verankert. Daher ist sie beliebig veränderbar. Was dies konkret bedeutet, wird wiederum am Beispiel der Diözese Cajamarca deutlich.

Die Indios dieser Welt ins Zentrum zu rücken wäre freilich für die europäische Kirche nur der erste Schritt. Der entscheidende und dem Evangelium gemäße Schritt wäre, selbst die eigene Mitte am Rand, in der Ohnmacht und bei den scheinbar Ohnmächtigen zu finden. Das gilt auch für die Theologie. So wie die Kirche als ganzes, findet die europäische akademische Theologie zu ihrer eigenen Mitte, wenn sie aus der Mitte der Armen heraus entsteht.

Theologie einer „Kirche der Armen“ (Campesinos)  und einer „Kirche der Reichen“

Wenn nun unterschiedliche Theologien verglichen werden, dann ist dies auf den ersten Blick ein unzulässiger Vergleich. Denn es wird zwischen einer Glaubenspraxis und einer wissenschaftlichen Disziplin verglichen. Wenn hier trotzdem (aus europäischer Sicht) von einer Theologie der „Kirche von Cajamarca“ gesprochen wird dann deshalb, weil die Campesinos über ihre Glaubenserfahrungen in reflektierter Form berichten. Sie können ihren Glauben und ihre Praxis zu begründen. Zudem kennen sie sehr gut die entsprechenden kirchlichen Dokumente und vergleichen damit ihre Praxis.

Es ist müßig, bei den Campesinos explizite Begründungen für theologische Aussagen oder solche theologische Fragestellungen zu suchen, die offensichtlich vor allem theologisch gebildete Leser bei uns bewegt. Ein Beispiel: das Brot teilen, die Eucharistie, hat für die Campesinos immer sowohl eine ganz konkrete Bedeutung - die Campesinos teilen wirklich das, was sie zum Leben brauchen - als auch eine sakramentale, zeichenhafte und ekklesiologische (Gemeinschaft stiftende) Dimension. Und alles zusammen hat sein Fundament in Jesus Christus, der mitten unter ihnen geboren wurde, mit ihnen lebt und leidet („kämpft und sich hingibt“ - in der Sprache der Campesinos), mit ihnen aufersteht und so zum Brot für alle wird. Er ist der Sohn Gottes, weil er Leben schenkt. Die Eucharistie ist für die Campesinos die kondensierte Form einer Praxis, in der das schon erwähnte Gleichnis vom Festmahl als Grundlage und Leitvision praktischen Handelns dient.[2] Wenn die Menschen sich an einen Tisch setzen und geschwisterlich Essen und Trinken teilen, werden das Reich Gottes zeichenhaft sichtbar und das endgültige Hochzeitsmahl vorweggenommen. Die Gewissheit der Verheißung und die Erfahrung der Gegenwart Gottes im Vollzug des Brot-Teilen gibt den Campesinos die Kraft, ihr Leben in den Dienst des Reiches Gottes und seiner Gerechtigkeit zu stellen.

In Cajamarca war es nicht notwendig, über die soziale Dimension des Glaubens und die Einheit von Sozial und Pastoral zu theoretisieren oder einen erst mühsam zu begründeten Zusammenhang zwischen Theorie und Praxis, zwischen Mystik und Politik, Spiritualität und gesellschaftliches Engagement und zwischen Befreiung und Erlösung herzustellen. Alle diese rationalen Verkomplizierungen gehen am realen Glauben der Campesinos und der Armen vorbei. Sie sind eher ein Symptom dafür, dass man in den reichen Kirchen die Mitte und damit die Orientierung verloren hat. Das heißt nicht, dass man sich nicht mit diesen Fragestellungen beschäftigen könnte, sondern vielmehr, dass diese von außen heran getragenen Fragestellungen, Konzepte und Begrifflichkeiten wenig hilfreich sind, um einen Zugang zu den Glaubenserfahrungen der Campesinos und zum Evangelium insgesamt zu finden. Wenn dieser Zugang möglicherweise für Außenstehende schwerer ist, so ist dies nicht das Problem der Campesinos, sondern das Problem der Außenstehenden, die vielleicht nicht den Vorzug erleben durften, Kreuz und Auferstehung existentiell erfahren zu haben. Deshalb fällt es ihnen schwerer, sich mit den Armen wirklich an einen Tisch zu setzen und mit ihnen das Brot und ihren Hunger nach Gerechtigkeit zu teilen, um so Christus erkennen zu können. Es bleibt offen, ob die strukturelle Schwierigkeit der Außenstehenden, die geschilderten Glaubenserfahrungen zu verstehen, nicht die Frage aufwerfen muss, ob es nicht für sie noch viel schwieriger ist, das Evangelium angemessen zu verstehen, das räumlich, zeitlich und vor allem in einem inneren Sinne noch weiter weg ist, als es die Campesinos sind. Denn von der Geschichte des versklavten Volkes Gottes her gesehen haben die reichen Kirchen eher ihren Standort bei denen, die als Herrscher dieser Welt die Mehrheit der Menschen in Schuldknechtschaft und Abhängigkeit halten. Die Campesinos dagegen verstehen die Verkündigung von der Menschwerdung Gottes in ihrer Mitte, indem sie anfangen, an „einem Neuen Himmel und einer Neuen Erde“ zu arbeiten. Und sie tun dies, weil es ihnen verheißen ist.

Am Beispiel einer befreienden Glaubenspraxis  werden einige grundsätzliche Unterschiede zwischen der Theologie der Campesinos und der Theologie Europas deutlich. Der erste Unterschied besteht schon darin, dass die Campesinos keine eigene Theologie als Disziplin entwickeln, so wie das in Europa geschehen ist. Das bedeutet nicht, dass die Glaubenserfahrungen und die Praxis nicht reflektiert werden - sei es von den Campesinos selbst oder von außen. Dies ist aber dann der zweite Schritt und ist nicht das Wesentliche. Dieser zweite Schritt kann aber eine notwendige Brücke sein, um in einen konstruktiven Dialog einzutreten. Die Unterschiede lassen sich an folgenden markanten Punkten festmachen:

  • Der jeweilige Standort ist verschieden. Innerhalb der globalen Wirtschaft seit Beginn der Neuzeit kommt den Campesinos die Rolle der Objekte und der Opfer zu, die Europäer sind die Subjekte und die Nutznießer ungerechter globaler Strukturen. Die europäische Kirche und Theologie ist im Rahmen dieser Rollenverteilung zu sehen (muss aber nicht notwendigerweise darauf fixiert sein, denn Ausbrüche sind möglich).
  • Der verschiedene Standort bedingt einen verschiedenen Zugang zur Realität und zum Glauben. Entsprechend verschieden ist die Deutung im Lichte des Glaubens. In Europa wird der eigene Standort nicht hinreichend analysiert oder er wird ganz ausgeklammert. Für die Campesinos ist dagegen die Analyse und Deutung des eigenen Standorts der Ausgangspunkt zur Veränderung. Es geht darum, die Realität zu verändern. Dies führt zu einer konkreten Option und einer befreienden Praxis. Es gibt keine neutrale Erkenntnis.
  • Für die Campesinos ist die Frage „Glaube oder Unglaube“ nicht entscheidend. Es geht für sie nicht um die Frage der Existenz Gottes, sondern darum, die herrschenden Götzen zu entlarven. Die europäische Theologie setzt sich zuerst mit dem Atheismus auseinander und diese Auseinandersetzung ist bis heute geprägt von antimarxistischen Reflexen.
  • Die Glaubenspraxis, z.B. Einsatz für Gerechtigkeit, Reich Gottes, ist für die Campesinos wahrer Gottesdienst und Gotteserkenntnis. Der europäischen Theologie fällt es schwer, ausgehend von eigenen (fehlenden) befreienden Erfahrungen zu einer entsprechenden Praxis zu finden und diese dann zu reflektieren. Stattdessen (meta-) reflektiert sie ihre eigenen Konstrukte.
  • Die Menschwerdung Gottes und seine Auferstehung stehen bei den Campesinos im Zentrum des Glaubens. Dies verändert ihr Leben. In Europa hat der historische Jesus zuerst seine Bedeutung als Forschungsobjekt. Der Christus des Glaubens ist für die Campesinos identisch mit dem historischen Jesus. Die europäische Theologie findet einen Zugang zu Christus eher mit Hilfe von Dogmen und Hoheitstiteln, Christus wird „definiert“.
  • Der historische Jesus fordert zur Nachfolge auf. In der Nachfolge werden Passion und Auferstehung Jesu real erfahrbar. Die Nachfolge erfolgt in Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft versteht sich von Jesus Christus als Zentrum her und nicht zuerst als Institution wie in Europa. Europäische Glaubenspraxis scheint sich daher eher an Kult und Gesetz zu orientieren und weniger am Beispiel Jesu und den Bedürfnissen der Menschen.

Fazit

Bei allen Unterschieden zur europäisch - wissenschaftlichen Theologie, kann und muss die Theologie der Campesinos auch von europäischen Kriterien her als echte Theologie bezeichnet werden. Denn sie erfüllt die grundlegenden Voraussetzungen für Theologie, wie sie Karl Rahner formuliert hat, nämlich: „Theologie ist ‚Glaubenswissenschaft’ (genauer: Wissenschaft des christlichen Glaubens), d.h. das reflektierende, methodisch geleitete Erhellen und Entfalten der im Glauben erfassten und angenommenen Offenbarung Gottes“.  Die Campesinos haben das Wort Gottes gehört (Offenbarung), auf ihre eigene Situation bezogen, diese im Lichte der Offenbarung analysiert und gedeutet und die entsprechenden Methoden entwickelt, um diese Situation mit Hilfe des Wortes Gottes zu verändern.  


[1]Rahner, Karl: Theologie. In: Herders Theologisches Taschenlexikon, Band 7;  Freiburg i. Br.: Herder, 1973, S. 238 und S. 245.

[2]Eine Unterscheidung zischen einer Eucharistiefeier mit oder ohne Priester wird hier nicht angestellt. Sie stellt sich aus einer konkreten Praxis heraus nicht, selbst wenn die Präsenz eines Priesters von den Campesinos gewünscht und begrüßt wird. Dennoch erweist sich eine solche Frage als zweitrangig, denn für die Campesinos steht das, was durch die Eucharistiefeier ausgedrückt und real dargestellt werden soll, im Mittelpunkt. Eine solche Unterscheidung entspricht zudem nicht der Praxis Jesu und den Erfahrungen der ersten Christen und christlicher Basisgruppen, die aus der Situation heraus feiern und die Gegenwart Gottes erleben, wenn sie das Brot miteinander teilen. Dieses Bedürfnis hat oberste Priorität. Die Frage nach Amt und Weihe ist dem untergeordnet. Wird diese jedoch zur obersten Norm erhoben, wird die Masse der Gläubigen de facto ausgegrenzt bzw. ihr wird das Wichtigste vorenthalten, das die Kirche nach eigenem Selbstverständnis zu bieten hat und letztlich ihr Wesen ausmacht: die sakramentale Einheit der Menschen untereinander und mit Gott. Die Kirche stellt sich dadurch selbst in Frage. Lehramtliche Fixierungen bedeuten zudem, Gott selbst vorschreiben zu wollen, unter welchen Bedingungen er wann und mit wem sich an den Tisch setzen darf. Die Art der Behandlung dieses Themas durch die römischen Behörden zeigt, dass es letztlich um die Rolle des Priesters geht (d.h. um Macht) und danach erst um die Bedürfnisse des Volkes Gottes.

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