Geleitwort zum Abitur

".....Denn wenn man diesen neuen (aber auch schon ungefähr 2.587 Jahre alten) Leitlinien glauben darf, dann ist die Schule und speziell das Gymnasium (!) die denkbar beste Vorbereitung auf das wirkliche Leben. Mal davon abgesehen, dass diese Konzepte, Lehrpläne etc. von Menschen ausgeheckt wurden, die selbst seit dem Kindergarten kaum etwas anderes kennen, als das Leben in der Schule - welche Fähigkeiten brauchen wir aber wirklich? Eigentlich könnte man diese Frage auch außer Acht lassen, wo man doch ohne all dies (…) sogar Präsident der USA oder italienischer Ministerpräsident werden kann. Also alle Bildung - intellektuell und moralisch - auf den Müll werfen oder die Schule so schnell als möglich vergessen?"

Geleitwort zum Abitur - Abi-Zeitung 2006 (Anna-Essinger-Gymnasium Ulm)

Ob man sich nach (mindestens) 13 Jahren noch ein Leben ohne Schule vorstellen kann? Schließlich war man in der Zeit davor noch im Kindergarten und irgendwie gut aufgehoben. Nun muss man aber das „Leben danach“ erst entdecken. Und das geht mitunter schneller und brutaler als mensch sich das vorstellen kann und will. Aber auch das Gegenteil kann eintreffen: man findet die Eingangstür nicht, oder sie ist gar verriegelt. Wie wird das Leben danach aussehen? Ist man gut ausgerüstet (worden), ist der ursprüngliche Entdeckergeist (kindliche Neugier) eher gefördert oder gründlich ausgetrieben worden?

Wenn man sich die neuen und staatlich verordneten Leitbilder und neu zu erlernenden Kompetenzen ansieht (sachliche, soziale, personale…; Medien- Methodenkompetenzen etc. etc.) - welch glänzende Zukunft steht uns da offen! Einfach phantastisch! Denn wenn man diesen neuen (aber auch schon ungefähr 2.587 Jahre alten) Leitlinien glauben darf, dann ist die Schule und speziell das Gymnasium (!) die denkbar beste Vorbereitung auf das wirkliche Leben. Mal davon abgesehen, dass diese Konzepte, Lehrpläne etc. von Menschen ausgeheckt wurden, die selbst seit dem Kindergarten kaum etwas anderes kennen, als das Leben in der Schule - welche Fähigkeiten brauchen wir aber wirklich? Eigentlich könnte man diese Frage auch außer Acht lassen, wo man doch ohne all dies (…) sogar Präsident der USA oder italienischer Ministerpräsident werden kann. Also alle Bildung - intellektuell und moralisch - auf den Müll werfen oder die Schule so schnell als möglich vergessen?

Gerade die gegenwärtigen und zukünftigen Abiturienten stehen vor einer großen Herausforderung und sie haben eine große Verantwortung - vielleicht mehr als andere Generationen je zuvor. So könnte doch die Jugend von heute die letzte Generation sein, die noch halbwegs frei entscheiden kann, wohin der Weg dieses Planeten und seiner Bewohner führen soll. Die Widersprüche in dieser Gesellschaft (und weltweit) sind gewaltig: Immer mehr Menschen müssen immer mehr arbeiten, während gleichzeitig die Arbeit (Lohnarbeit) immer weniger wird; es gibt immer mehr Kommunikationsmittel und die Menschen verstehen sich immer weniger; es gibt immer mehr Informationen über alles und doch wissen die Menschen immer weniger; es gibt immer weniger Kinder und die wenigen die es gibt, werden eher als Last oder als störend empfunden… Und global: Immer mehr Dinge werden produziert, doch immer mehr Menschen haben immer weniger. Nahrungsmittel werden im Überschuss produziert und verschleudert, aber immer mehr Menschen verhungern - usw. usw. Die Erde wird zur Wüste….

Wir scheinen vor einem Epochenwechsel globalen Ausmaßes zu stehen: über Tausende von Jahren hat die Menschheit bestimmte Verhaltensregeln entwickelt, um die destruktiven Seiten des Menschen einigermaßen zu zähmen und die Gleichheit aller Menschen zu entwickeln (Kultur, Humanismus, Menschenwürde). Doch nun scheint dies zur Disposition zu stehen: jeder für sich und einer gegen alle; wer etwas hat, der hat Recht und wer nichts hat, hat bestenfalls Pech gehabt oder ist selbst schuld. Zurück in die Steinzeit im Namen des Fortschritts? Das Sprechen von Solidarität oder gar Fordern nach mehr Gerechtigkeit gelten schon als Zeichen von Senilität. Ihr Gott ist das Geld und die Gier nach immer mehr Besitz und Macht ist die weltweit herrschende Religion. Die Schule lehrt dies natürlich nicht so, im Gegenteil. Doch haben in der Schule diese Fragen nach der Zukunft, nach Werten und Orientierung ihren gebührenden Platz? Und selbst wenn: mit welcher Glaubwürdigkeit und mit welcher Kompetenz (!) kann sie etwas glaubwürdig vermitteln? Und haben wir denn in der Schule gelernt, wie diese Welt (- Wirtschaft) wirklich tickt und was in Wahrheit unser Leben bestimmt?

In Zeiten der Beliebigkeit (manche nennen das „Postmoderne und sind auch noch stolz darauf) ist der Bedarf an Orientierung größer als je zuvor. Nichts gilt mehr und doch suchen alle nach einem Halt. Weit und breit scheint es anstelle der „alten Autoritäten“ (die zu Recht auch obsolet geworden sind) keine Alternativen zu geben. Doch meine Erfahrung ist diese: Es gibt Alternativen - Alternativen zu dieser barbarischen „neuen Weltordnung“, die auf Gewalt gegründet ist, auf hemmungsloser Ausbeutung aller Güter der Schöpfung, dem Recht des Stärkeren (oft „individuelle Freiheit“ genannt), auf der Zerstörung solcher kultureller Errungenschaften wie Humanismus und Solidarität zwecks Bereicherung einer selbst ernannten Elite.

Man muss diese Alternativen nur suchen wollen! Neun Jahre Gymnasium haben - so bin ich überzeugt - trotz aller Wenn und Aber - ein Grundgerüst vermittelt, um sich auf diese Suche machen zu können. Denn die Schule besteht auch aus Lehrern, Frauen und Männer wie alle anderen auch, die Erfahrungen eines humanen und menschenwürdigen Umgangs miteinander haben, die Sehnsüchte haben, die bereit sind, diese den nächsten Generationen weiter zu vermitteln und die mit jungen Menschen zusammen ebenfalls von einer besseren Welt träumen und sich auch dafür einsetzen - „neue“ Schulreformen, neue Verwaltungsstrukturen, neue und alte Kompetenzen hin oder her!

Zum Schluss: Dieser „Geleitbrief“ zum Abitur 2006 enthält viele Fragen, vielleicht wenige Antworten. Doch mir ist wichtiger, viele Fragen zu stellen, auch manches immer wieder in Frage zu stellen, als gar keine Fragen zu haben. Oder auf alles immer nur dumme und vorgefertigte Antworten zu erhalten, auch auf Fragen, die man gar nicht gestellt hat (als Reli-Lehrer weiß ich, wovon ich rede…). Macht euch also auf die Suche, auf den Weg, denn jenseits der ausgetrampelten Pfade findet man oft die schönsten Früchte. Es geht um eure Zukunft und von jedem von uns hängt es ab, wie diese Zukunft sein wird. Macht das Beste daraus, denn ihr könnt es... und das wünsche ich euch!

Dr. theol. Willi Knecht


Als Reaktion - was sonst bisher nicht üblich war - kam es zu einigen sehr positiven Rückmeldungen von Eltern (und auch Lehrern), u.a. stellvertretend die folgende:

Guten Tag Herr Dr. Knecht (Ulm, den 4. Juli 2006 - Ihr Vorwort in der ABI-Zeitung 2006),
als allein erziehender Vater des Schülers …. habe ich heute Ihr Vorwort in der ABI-Zeitung gelesen. Dieses Vorwort ist so reich und inspirierend, dass es in unserer von Wahn und Gier regierten Zeit Hoffnung macht, Hoffnung, dass in unserem Bildungssystem Menschen ihre Arbeit tun, welche ihr Herz und ihre Seele offen halten für das Wesentliche und welche junge Menschen aufrufen, sich selbst und damit den Kern der Schöpfung zu finden.

Ich habe das Entstehen der ABI-Zeitung miterlebt, da die „Redakteure“ allesamt diese Zeitung in unserem Büro außerhalb der Arbeitszeiten erarbeiteten. Ich war von der Art angetan, mit der diese jungen Menschen daran gingen und mit wie viel Achtung sie versuchten, das Projekt zu erschaffen. Ich erinnere mich an die Diskussion, wie weit eine Veralberung der Lehrer gehen dürfe. Mit dieser Diskussion wurde mir klar, die Younsters haben echt etwas gelernt und haben eine Sicht, welche die Welt braucht, um aus dem derzeitigen Sog der Inhaltslosigkeit und der Herzlosigkeit herauszukommen.

Lese ich heute Ihr Vorwort, so scheint es mir, als zeige dies eine Richtung an, eine Richtung, die ich in der Art der ABI-Zeitung wieder erkenne. Ich danke Ihnen für dieses wundervolle Vorwort und die damit verbundene innere Haltung den jungen Menschen gegenüber und hoffe, dass diese Art des Lichtes sich weiter ausbreiten möge.

In Achtung und Dank …

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