Andine Kosmovision - buen vivir

Der Glaube und die Kultur der Menschen in den Anden (Cosmovisión andina)

In seinem Beitrag über den Glauben und die Kultur der Menschen in den Anden (Peru, Bolivien, Ekuador) wirft Willi Knecht u.a. die Frage auf, inwieweit die spirituellen Grundlagen der andinen Kultur Auswege aus der Sackgasse aufweisen könnten, in die uns die "Kosmovision"(Philosophie, Theologie, Wirtschaft) des christlichen Abendlands weltweit geführt hat. In der kommenden Ausgabe von "imprimatur" (1/2018) wird der Autor über die nachkonziliare Entwicklung der andinen Kirche berichten. Ausgerechnet in den Anden, exemplarisch u.a. in der Diözese Cajamarca, Peru, entstand seit 1962 eine „neue Kirche“, ausgehend von der befreienden Botschaft, dass Jesus der Christus inmitten der Indios „zur Welt kam“ und sich mit ihnen auf den Weg macht - hin zu einem Leben in Fülle, in Gemeinschaft mit Gott und der Menschen untereinander und in dem die Güter von Mutter Erde allen zugutekommt. Wie konnte dies geschehen? (Veröffentlicht in der Zeitschrift "imprimatur", 3/2017) Siehe auch den umfassenderen Abschnitt aus meiner Dissertation: Glaube und Kultur der Menschen in den Anden (exemplarisch: Diözese Cajamarca)

Vorbemerkungen

Die andine Kosmovisionwurde zuletzt in Europa eher unter dem Begriff „Buen Vivir“ („Gutes Leben“) bekannt. „Buen Vivir“ wird zunehmend als mögliche Alternative für das von Europa ausgehende Wirtschaftsmodell (Kapitalismus, alias Neoliberalismus) diskutiert. Leider werden in der aktuellen Diskussion um „buen vivir“ die tieferen Zusammenhänge (kulturell, phil.- theol.) kaum verstanden oder willkürlich benutzt und instrumentalisiert. Die spirituellen Grundlagen der andinen Weltsicht wie auch anderer Jahrtausende alter Kulturen könnten aber Auswege aus der Sackgasse aufzeigen, in die uns die "Kosmovision" (Philosophie, Theologie, Wirtschaft) des christlichen Abendlands weltweit geführt hat. 

a) Wenn auf wesentliche Unterschiede zur europäischen Kultur hingewiesen wird, dann nicht im Sinne einer Abgrenzung. Vielmehr soll angesichts der Übermacht eines universellen Anspruchs der abendländischen Tradition die Andersartigkeit der andinen Tradition als eine Wirklichkeit dargestellt werden, die das Leben der Menschen noch heute - oft verfremdet und rudimentär - bestimmt.[1] Es geht auch nicht um eine Idealisierung der andinen Kosmovision, im Gegensatz etwa zum Christentum westlicher Prägung. Die Folgen der Eroberung und die Auswirkung weltweiter ökonomischer Zwänge sind so stark, dass ein Zurück in „idyllische Zeiten“ eine Illusion ist. Meist von Intellektuellen formulierte Bestrebungen, die andine Kosmovision von europäischen Einflüssen „reinigen“ zu wollen, ignorieren die Wirklichkeit, in der die Menschen im Andenraum heute leben. Vielmehr soll angesichts der Übermacht eines universellen Anspruchs der abendländischen Tradition, gestützt von militärischer, wirtschaftlicher und politischer Dominanz, die Andersartigkeit der andinen Traditionen als eine Wirklichkeit dargestellt werden, die das Leben der Menschen noch heute bestimmt.

b) Es wird meist als selbstverständlich vorausgesetzt, dass das Christentum als eine europäische Religion verstanden wird. Dabei wäre eine Untersuchung über die geglückte oder nicht geglückte Inkulturation des Evangeliums als Zeugnis einer vorderasiatischen Religion[2] in Europa vermutlich dringlicher und spannender als die entsprechenden Untersuchungen in Bezug auf Amerika. Dabei könnte die Frage aufgeworfen werden, ob das Evangelium dem Verständnis der indianischen Völker nicht viel näher ist als den Völkern Europas und ob daher das Evangelium nicht auf dem „Umweg“ über die nichteuropäischen Völker die Europäer lernen könnten, das Evangelium  unter Beachtung interkultureller Kriterien besser zu verstehen.

c) Vor allem in Lateinamerika und Afrika macht das Wort von einer notwendigen De-Kolonialisierung die Runde, manche sprechen gar von einer De-Okzidentialisierung. Dies geschieht im Kontext und auf dem Hintergrund einer Wirtschaftsordnung und unserer imperialen Lebensweise, die die Menschheit immer mehr spaltet und ins Chaos zu stürzen droht. So heißt es im Aufruf des Deutschen Katholischen Missionsrats 2014: „Kehrt um! Der Tanz um das goldene Kalb wird zum Totentanz für Mensch und Natur“. Diese Wirtschafts- und Denkweise hat - so wird es eher „von außen“ als „von innen“ gedeutet - ihre Wurzeln in einer eurozentrischen Kosmovision: der abendländischen, griechisch-christlichen Tradition in Philosophie und Theologie.[3]

1. Die Europäische Kosmovision

Seit ihrem Entstehen vor mehr als 2.500 Jahren begreift sich diese Weltanschauung insofern als eine totalitäre Weltanschauung, als sie andere Sichtweisen und Erfahrungen fremder Völker als „barbarisch“ bezeichnet und daher nicht als dialogfähig anerkennen kann. Der Andere wird in seiner Andersheit geleugnet und umgekehrt ergibt sich daraus automatisch ein Anspruch auf universelle Gültigkeit, die dazu führt, den Anderen nicht nur nicht anzuerkennen, sondern ihn noch nicht einmal als solchen wahrnehmen zu können.[4] Er ist schlichtweg entweder nicht existent oder er wird vereinnahmt und zwangsweise in die eigene Welt integriert. Ist es noch relativ leicht nachzuweisen und einzusehen, dass die Eroberer und manche Missionare den „Indio“ nicht als gleichwertigen Menschen mit eigener Kultur, Würde und Identität wahrnehmen konnten, so fällt die Einsicht, dass sich dies bis heute möglicherweise nicht sehr geändert hat, wesentlich schwerer. Philosophie und Theologie fällt es nicht leicht, nichteuropäische Entwürfe als gleichwertig anzusehen oder gar von ihnen zu lernen. Da gleichzeitig der Faktor der Abhängigkeit weitgehend unberücksichtigt bleibt, kann man nur schwer erkennen, dass die von Europa ausgehende realpolitische und wirtschaftliche Eroberung der Welt als konsequente Weiterführung einer totalitären Weltanschauung gedeutet werden kann.

Diese Weltanschauung findet ihre aktuelle Konkretisierung (quasi ihre „Inkarnation“, sie wird Fleisch und Blut) in der von den weißen Eliten ausgehenden Definition und Gestaltung einer Globalisierung, die - wie schon seit Beginn der Moderne um 1.500 - den Rest der Welt in maßloses, nicht nur materielles, Elend stürzt. Der Ausschluss der Armen erweist sich als konsequente Weiterführung dieser Art von Philosophie und Theologie. Wer ideell die Andersheit nicht erkennen kann oder sie bewusst ausschließt, liefert den Anderen der Gefahr auch der realen physischen Vernichtung aus. Eine exklusive abendländische Theologie rechtfertigt de facto diesen Tatbestand oder sie kann sich zumindest nicht glaubhaft dagegen wehren, wenn sie eventuell auch gegen ihren Willen von den Herrschenden dazu benutzt wird.[5]

In den abgelegenen Zonen der Anden kann man auch heute noch den Ausspruch hören: „Ich bin doch ein Christ“. Ein Christ zu sein bedeutet für ihn, Kultur und Rechte zu haben, sowie die Möglichkeit, in der Stadt leben zu dürfen und alles das haben und sein zu können, was ein „zivilisierter Mensch“ als selbstverständlich besitzt. So zumindest wurde dies mit Taten und Worten von der Kirche vermittelt und führte zu einem entsprechend entfremdenden Bewusstsein („Christsein“) bei den Adressaten. Der christlichen Verkündigung scheint es gelungen zu sein, Menschsein mit Christsein gleichzusetzen, sowie Christentum mit Kultur und Religion schlechthin. Eine bestimmte Weltauffassung, die in einer kleinen Ecke dieser Welt entstanden ist, wird zum absoluten Maßstab erhoben. Die Erfahrungen der Chinesen und der Mayas werden dann bestenfalls als Objekte studiert und der „Indio“ und seine Welt werden bestenfalls zu einem folkloristischen Gegenstand, den man gesehen haben muss, um als moderner Weltbürger zu gelten. Außerhalb des Abendlandes gibt es demnach kein Menschsein - so zumindest die Erfahrung und die Interpretation der Adressaten dieser Botschaft.

Die räumlich und zeitlich begrenzten Erfahrungen bestimmter Menschen in einer bestimmten Gegend dieser Welt können aber nicht für alle Welt verbindlich gemacht werden. So haben z.B. bestimmte Voraussetzungen der abendländischen Geistesgeschichte wie die Trennung von Geist und Materie, Subjekt und Objekt, Diesseits und Jenseits, heilig und profan etc. für die Menschen der Anden keine Bedeutung und erscheinen gar als unsinnig, weil sie den Jahrtausende alten Erfahrungen dieser Menschen widersprechen. Die europäischen Konzepte konnten nur mit Gewalt und im Gefolge der Sieger durchgesetzt werden, nicht durch Überzeugung. Erst die Anerkennung anderer Konzepte und Weltanschauungen als eigenständige und Sinn stiftende Kulturen ermöglicht einen echten Dialog und kann helfen, die Einschränkungen der eigenen Kosmovision zu erkennen und aufzubrechen.

2. Einige Grundelemente der andinen Kosmovision[6]

Ausgangspunkt der andinen Kosmovision ist die gelebte und erlebte Erfahrung der real existierenden Menschen und nicht zuerst ein Logos oder eine übernatürliche Offenbarung. Diese Erfahrungen werden gewonnen aus der Beobachtung der Natur und der kosmischen Ordnung, von Krankheiten und Ursachen des Todes und der Art und Weise des Zusammenlebens. Diese Erfahrungen sind existentiell. Der andine Mensch hat zu diesen Erfahrungen einen überwiegend emotionalen Zugang. Rein objektive Erfahrungen kann es nach seinem Verständnis gar nicht geben, denn jede Erfahrung ist gebunden an eine ganz konkrete Wirklichkeit, die wiederum von z.B. so zufälligen Gegebenheiten wie Klima und Geographie abhängig ist. Aus den gemeinsam erlebten Erfahrungen bildet sich ein kollektives Bewusstsein, das seinerseits dazu führt, neue Erfahrungen von diesem Bewusstsein her zu deuten und einzuordnen. Erfahrungen werden von der Wirklichkeit geprägt und sie helfen gleichzeitig, diese Wirklichkeit zu deuten. Gemäß dieser Wirklichkeit zu leben und einen Sinn darin zu finden, ist vernünftig - in europäischer Begrifflichkeit ausgedrückt. Vernunft und Rationalität bedeutet für den andinen Menschen, in der Mitwelt, in der er lebt, seinen rechten Ort zu finden.

Der wichtigste Aspekt in der andinen Kosmovision ist die Erfahrung und Gewissheit, dass alles Existierende miteinander in einer Beziehung steht. Es handelt sich um das Prinzip der Relationalität. Die Beziehung ist die Basis für alles und das Gegenteil für die Beziehung ist das Nichts und nicht etwa das „Absolute“, das aus sich selbst heraus existieren könnte. Eine solche Weltsicht hat konkrete Folgen für die Auffassung von der Natur, vom Menschen und von Gott. Denn der gesamte Kosmos ist nichts anderes als Beziehung. Es gibt verschiedene Hauptachsen, die den Kosmos und die Wirklichkeit zusammenhalten. Oben und Unten als räumliche und Vorher und Nachher als zeitliche Achse sind die wichtigsten. Diese beiden Achsen sind nicht zu verwechseln mit den europäischen Vorstellungen von horizontal und vertikal. Für den andinen Menschen ist im Oben jeweils auch das Unten präsent, das Vorher im Nachher usw. Von daher ergibt sich, dass z.B. Tod und Leben keine unvereinbaren Gegensätze darstellen, sondern sich gegenseitig ergänzen. Tod bedeutet immer auch das Entstehen von neuem Leben. Es gibt grundsätzlich keine sich gegenseitig ausschließende Gegensätze, es gibt weder „das Böse“ noch „das Gute“. Es gibt keine absoluten Wahrheiten, und nie ist etwas völlig falsch. Im alltäglichen Leben zeigt sich dies z.B. darin, dass ein Campesino[7] nie strikt Nein sagt oder etwas völlig ablehnt. Eine strikte Verneinung bedeutet nämlich nichts anderes, als dass zu dem Verneinten keine Beziehung mehr möglich wäre, was aber nicht sein kann. Es gibt nichts, was aus dem Netz der allgemeinen Verbundenheit herausfallen könnte.

Die Knotenpunkte in diesem Netz heißen Chakanas. Sie gleichen Brücken, sie vermitteln und setzen die verschiedenen Ebenen der Wirklichkeit miteinander in Beziehung. Wichtige Knotenpunkte wie die Bergspitzen, der Blitz und der Regenbogen halten das Netz zusammen und symbolisieren den Zusammenhang zwischen „Unten und Oben“. Vor allem die Gipfel der Berge als Sitz der Apus (der Geister) haben eine große Bedeutung. Auf den Berggipfeln werden Kreuze aufgestellt, sie repräsentieren die Schnittstellen und verbinden die verschiedenen Bereiche des Kosmos. Der Mensch ist in diesem Geflecht keine unverzichtbare, aber eine sehr wichtige Chakana. In ihm berühren und kreuzen sich verschiedene Bereiche der Wirklichkeit und er hat die Fähigkeit, mit allen Bereichen der Wirklichkeit Kontakt aufzunehmen. Jeder Mensch hat seinen ganz bestimmten Ort im kosmischen Geflecht und seine größte Aufgabe ist, diesen Ort so gut auszufüllen, dass er zu einer beständigen Brücke für andere und zu anderen wird. Gelingt ihm dies, gilt er als ein weiser Mensch und er hat Autorität. Aus dieser Verflechtung zu allem Seienden ergibt sich, dass ihm das Seiende in allen seinen Erscheinungsformen nicht als etwas Fremdes gegenübertritt. Die Natur ist ihm nicht wesensfremd und er unterscheidet sich von ihr nicht wesensmäßig. Die Natur wird damit auch nicht zu einem Objekt und damit zur Beute des „überlegenen“ Menschen, sondern der Mensch wird zum Diener, zu einer Brücke, und je besser er diese Funktion ausfüllt, desto harmonischer lebt er in seiner Umwelt. Es ist für ihn selbstverständlich, dass er existentiell von der Natur abhängig ist - und entsprechend behandelt er sie.[8]

Die Natur wird dem Menschen am Vertrautesten in der Mutter Erde, der Pachamama. Pachamama hat wie alle lebenden Wesen ihre ganz eigenen Bedürfnisse und Launen. Sie will gehegt und gepflegt werden, sie hat Durst, sie zürnt dem Menschen, der Mensch verdankt ihr sein Leben. Er ist aber nicht nur Hüter seiner Pachamama, sondern in dem Behüten und Kultivieren der Pachamama ist er zugleich Behüter aller Lebensgrundlagen für sich selbst und den gesamten Kosmos, die sich in der Pachamama bündeln - auch für die Tiere, Pflanzen und alle Phänomene der Natur. Dieses Kultivieren ist eine kultische Aufgabe, in christlicher Ausdrucksweise: es ist ein Gottesdienst. Die Natur als Ganzes ist ein lebendiger Organismus und der Mensch hat die Aufgabe, diesen Organismus nicht nur am Leben zu erhalten, sondern er ist auch für die Harmonie zwischen allen Bereichen verantwortlich. Leidet Pachamama, leidet der Mensch und leidet der Mensch oder die Beziehung der Menschen untereinander, dann leidet der ganze Kosmos. Bringt der Mensch die Harmonie durcheinander, dann können große Katastrophen die Folge sein.

Der Campesino kennt die unfruchtbaren Tage und die besonders fruchtbaren Tage der Mutter Erde. Er bittet sie um Erlaubnis, wenn er ihr etwas entnimmt und gibt dies wieder in symbolischer Gabe zurück. Tiere und Pflanzen sind Teil der Mutter Erde, sie sind die natürlichen Gefährten des Menschen. Dennoch kommt es immer wieder zu Störungen im Gleichgewicht der Natur. Dann hat der Mensch als Chakana die heilige Aufgabe, durch symbolische Handlungen im Rahmen einer Feier das Gleichgewicht wieder herzustellen. In der Feier und durch die Feier kann die aus den Fugen geratene Schöpfung wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. In dieser Aufgabe liegt die eigentliche Bedeutung des Menschen innerhalb der kosmischen Ordnung. 

Mensch – Gott – Gemeinschaft

Trotz der Bedeutung des Menschen ist der Mensch nicht Mittelpunkt oder gar die „Krone der Schöpfung“. Der Mensch als Individuum, das sich kraft seiner Vernunft aus den Verstrickungen mythologischer Mächte und den Fesseln der Natur emanzipiert, hat in der andinen Kosmovision keinen Platz. Besser gesagt: es kann dieses so verstandene Individuum gar nicht geben. Der Mensch findet seine Begründung nicht aus sich selbst heraus, sondern in der Beziehung zur Gemeinschaft der Menschen untereinander und mit dem gesamten Kosmos. Ein Mensch ohne Beziehung ist tot. Die Gemeinschaft ist seine Lebensgrundlage und die oben erwähnten Aufgaben kann er nur innerhalb und mit der Gemeinschaft erfüllen. Die Gemeinschaft ist das eigentliche Subjekt, die Beziehung ist der Ursprung von allem. Die Beziehung verleiht dem Menschen seine Identität. Diese Beziehung ist nicht nur eine Beziehung zwischen Personen und auch nicht nur die Beziehung zwischen Mann und Frau. Sie bezieht sich auf alles, was existiert, weil der Mensch ja Teil eines Netzes ist, das alle Bereiche umfasst. Wer sich aus dieser Einheit ausklingt, schadet der Gemeinschaft und setzt gar deren Überleben aufs Spiel.

Ausgehend von der Erfahrung und Gewissheit, dass alles Existierende miteinander in einer Beziehung steht, kann es auch nicht den konstruierten Gott der europäischen Philosophen geben. Die europäische Konzeption von Gott geht ja gerade davon aus, dass das Wesen Gottes darin besteht, dass Gott absolut transzendent ist, d.h. auch, dass er nicht auf Beziehungen, sei es zur Schöpfung insgesamt, sei es zu den Menschen, angewiesen ist und er vielmehr aus sich heraus existiert. Die Bibel sagt zwar etwas anderes, denn Gott ist Beziehung, in sich selbst und mit den Menschen. Doch hier soll gesagt werden, dass der Gott der Philosophen in der griechisch-christlichen Theologie oft die Oberhand über den biblischen Gott gewonnen hat und dass dadurch die Botschaft Jesu verdunkelt oder gar in ihr Gegenteil verkehrt wurde. Die Botschaft Jesu aber hat wesentliche Berührungspunkte mit der andinen Kosmovision (Gemeinschaft, Schöpfung, soziale Verantwortung, „Brot“ teilen, etc.).

Jede Tätigkeit des Menschen hat automatisch eine sakrale Dimension. Wenn z.B. ein Campesino die Erde bearbeitet, dann steht er mit Gott und allen göttlichen Mächten des Universums in einer unmittelbaren Beziehung. Die Erde ist für ihn nicht nur eine Mutter. Über seine Arbeit steht er mit dem gesamten Universum und damit auch mit allen Menschen in Beziehung. Schließlich bezieht er seine eigene Identität aus der Erfahrung, Teil eines sinnvollen und Sinn stiftenden Ganzen zu sein. Es gibt keine Trennung von profan und sakral, weltlich und überweltlich - und damit im christlichen Sinne von sozial und pastoral. Das bedeutet nicht, dass alles unterschiedslos gleichgesetzt werden kann. Es gibt bestimmte Zeiten, Orte und Tätigkeiten, die mehr das Profane oder das Sakrale hervorheben, aber dies geschieht nicht in Abgrenzung zum jeweils anderen, sondern in Einheit. In der andinen Kosmovision ist die christliche Vorstellung der „Fleischwerdung Gottes“ sehr nahe liegend: Himmel und Erde werden eins, Gott wird Mensch, und der Mensch hat dadurch Teilhabe am Göttlichen. Der leidende und mitfeiernde Gott ist für den andinen Menschen eine Realität, die im Alltag und jeden Tag neu erfahren wird.

Gott ist immer jemand (im bereits christianisierten Verständnis von Gott als Person), der mitleidet, mitfeiert und dem das Schicksal der Welt und des Menschen gar nicht gleichgültig sein kann. Denn wenn der Mensch leidet, leidet auch Gott. Auch von der andinen Kosmovision her lässt sich sagen: Jesus als der Messias ist das Bild Gottes für den Menschen, als Mensch repräsentiert er Gott und Gott zeigt durch ihn, wie sein Verhältnis und seine Beziehung zu den Menschen ist. Durch Jesus zeigt Gott den Menschen, dass er der Garant einer guten und gerechten Ordnung ist. Er garantiert, dass das Gleichgewicht und die Harmonie immer wieder neu hergestellt werden und dass damit die universale Gerechtigkeit - gerechter Austausch, Brot teilen am Tisch der Gemeinschaft und Teilhabe an allem - garantiert wird.

Die herausragende Aufgabe für jeden Menschen ist es, seinen je eigenen Platz im Rahmen einer größeren Ordnung und einer größeren Gemeinschaft zu finden und zu erkennen. Je mehr ihm das gelingt, umso weiser ist er. Weisheit und Wissen bedeutet nicht, durch intellektuelle Bemühungen sich abstraktes Wissen anzueignen, sondern im Strom der über Jahrhunderte angesammelten kollektiven Weisheit und Erfahrungen wie ein Fisch im Wasser zu schwimmen. Sein Zugang zur Wirklichkeit geschieht zuerst über die Sinne, auch über die üblichen fünf Sinne hinaus. Bildlich gesprochen (für Europäer bildlich, für die Campesinos real) hört der andine Mensch, „das Herz der Mutter Natur schlagen“ und er spürt auch, wenn sie leidet. Die kultische Feier ist die dichteste Weise, um die Wirklichkeit zu begreifen und sich als Teil einer größeren Gemeinschaft zu erleben. Die Feier eines aus europäischer Sicht nur symbolisch gedachten Geschehens ist für die andinen Menschen ein Eintauchen in das Geschehen selbst, das dadurch wirklich und gegenwärtig ist. Eine Feier ist deshalb nicht zuerst eine Erinnerung, sondern sie ist eine stets neue und kreative Neuschöpfung, in der sich der Mensch stets neu seiner Beziehung zu Natur, Mitmensch und Gott vergewissert. In einer solchen Feier zeigt sich auf verdichtete Weise die sonst auch im Alltag gelebte und erfahrene Beziehung des Einzelnen bzw. der Comunidad zur gesamten Wirklichkeit.

Von diesem Verständnis her lassen sich für die christliche Auffassung von Gott und der Welt drei Grundsätze ableiten, die für christliche Theologie und Glauben von höchster Bedeutung sind: 

  • Die Welt (und jedes Teil von ihr, der Mensch) ist heilig, sie ist das „Sakrament des Göttlichen“.
  • Die christliche Lehre von der Menschwerdung Gottes gewinnt von daher eine neue Bedeutung.
  • Die Bedeutung von Gemeinschaft und sozialer Verantwortung für Mitmensch und Natur, d.h. auch für „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“.

Reziprozität als weitere Grundlage andiner Kultur und Religion 

Seit Jahrtausenden und über verschiedene Kulturepochen hinweg existiert in den Anden das Prinzip der Reziprozität, des wechselseitigen Gebens und Nehmens. Es hat seine Grundlage in der wirtschaftlichen Notwendigkeit des Warenaustausches und der gegenseitigen Hilfe. Die geografischen Notwendigkeiten in den Anden führten dazu, dass bestimmte Produkte nur in einem eng begrenzten Raum angebaut werden konnten. Nicht weit davon entfernt wurden aufgrund anderer Bedingungen wiederum andere Produkte angebaut. Es kam notwendigerweise zu einem Austausch und einer Verteilung der Produkte auf der Basis einer freien Übereinkunft nach den Regeln von Angebot und Nachfrage - allerdings nur bis zu einer gewissen Grenze, die nicht überschritten werden durfte. So war bei einem Ausfall der Ernte oder generell in Notzeiten der Austausch sozial verträglich. Im Interesse der Gesamtheit und im Einklang mit den natürlichen und göttlichen Kräften mussten Notleidende, die unverschuldet keinen entsprechenden Gegenwert liefern konnten, dennoch mit Gütern versorgt werden und der sonst übliche Tauschwert konnte symbolisch verrechnet und verbucht werden. Solche Gaben an Notleidende hatten denselben Stellenwert wie die Gaben an die Mutter Erde. Die Mitversorgung eines Waisenkindes war genauso notwendig wie der Dank an die Mutter Erde, deren Güter schließlich allen Menschen zur Verfügung stehen sollten. Auf dieser Basis konnte weder eine Comunidad, noch eine Großfamilie oder ein Einzelner in den Ruin getrieben werden. Es gab keine Insolvenz. Weil jeder lebendiger Bestandteil eines kreativen Netzwerkes war, konnte auch jeder - auch die alte Witwe und das Waisenkind - etwas beitragen und einbringen. Unter einem Totalausfall (z.B. Hungerstod) hätte die gesamte Gemeinschaft, ja sogar der ganze Kosmos gelitten. Schon allein deswegen war es undenkbar, ein Mitglied der Gemeinschaft dem Hungerstod zu überlassen.

Geld oder vergleichbare Zahlungsmittel waren bis zur Ankunft der Spanier nicht bekannt. Gold diente nur zur Verehrung der Götter. Der Wert eines Produktes (im materiellen Sinne) und eines Geschehens (im rituellen und spirituellen Sinne) war daher unmittelbar erfahrbar und für alle transparent und einsichtig. Innerhalb der Comunidades war das Prinzip der gegenseitigen Verpflichtung die Grundlage des sozialen Zusammenlebens auf der Basis der erwähnten Sozialverträglichkeit. Das Prinzip der Reziprozität war das ethische Grundprinzip. Diese Verpflichtungen und Handlungen sind nicht zuerst Ergebnisse einer individuellen ethischen Selbstverpflichtung und somit nicht als individuelle moralische Handlungen aufgrund einer freien und souveränen Entscheidung eines individuell geformten Gewissens klassifizierbar, sondern der andine Mensch versteht sein Handel als Teil der kosmischen Ordnung, ohne die diese Ordnung zusammenbrechen und er seine Existenzberechti­gung verlieren würde. Dies schließt eine persönliche Verantwortung nicht aus, doch ist diese Verantwortung gebunden an eine dem Menschen vorgegebene kosmische Ordnung, deren Sinn ja gerade darin besteht, dem Menschen das Leben zu ermöglichen und innerhalb des Netzwerks des Lebens seinen Ort und seine Orientierung zu finden. 

3. Einige exemplarische Unterschiede bzw. verschiedene Zugänge zur „Wirklichkeit“

a) Diese Auffassung von der Wirklichkeit Gottes und der Welt ist für Eu­ropäer schwer zu durchschauen und zu verstehen. Man ist als Außenstehender stets geneigt festzustellen, dass es entweder nur so oder so sein kann, nie aber beides zugleich. Denn das würde der Logik widersprechen. Aus der Sicht der andinen Kultur ist ein solch logisch-euro­päisches Denken nicht nachvollziehbar, weil es die Wirklichkeit und damit lebensnotwendige Zusammenhänge („das Gewebe allen Lebens“) zerreißt und dadurch zerstört. Die Wirklichkeit besteht nun einmal aus „unvereinbaren“ Gegensätzen, darin besteht ihre Dynamik. Und sie ist größer, als wir sie je fassen können.

b) Diese andine Auffassung hat auch einen anderen Zugang zu dem, was Europäer Wahrheit zu nennen pflegen. Es gibt nicht die eine Wahrheit, die etwas anderes ausschließt, das notwendigerweise selbst ein Teil des Ganzen ist. Wie könnte Gott - so der Glaube der Indios - etwas ausschließen oder zerstören, das er selbst geschaffen hat und in dem er selbst gegenwärtig ist? So war von Anfang an der Anspruch der Missionare, den allein wahren Gott zu verkünden, für die Indios eine unzumutbare und nicht verstehbare Anmaßung. Die Verkündigung einer absolut wahren Lehre stieß auf taube Ohren, weil für das andine Denken der Erwerb und die Kenntnis abstrakter Theorien ohne wesentliche Bedeutung sind. Von Bedeutung ist vielmehr, eine als tragfähig und Sinn stiftend erfahrene und erlebte Erkenntnis von Gott und der Welt zu leben, weiterzugeben und in Gemeinschaft zu feiern.

c) In dieser Weltsicht spielt das Individuum nicht die herausragende Rolle, so wie wir dies in der europäischen Denkweise verstehen. Diese Diskussion kann aber an dieser Stelle nicht geführt werden. Stattdessen ein Zitat von Bischof Oscar Romero, dessen 100. Geburtstag in diesen Tagen, am 15. 8. 2017, gefeiert wird:„Eine der wichtigsten Botschaften der Kirche heute ist, dass die Christen ihre vom Individualismus geprägte Mentalität aufgeben sollten. Wir sollten nicht mehr von „meiner“ Erlösung und „meinem“ Gott sprechen, sondern davon, wie Gott will, dass wir leben: Als sein Volk, als pilgerndes Volk, so wie Israel aus dem Auszug aus der Sklaverei, durch die Wüste in das Gelobte Land. Daher ist es eine große Freude zu sehen, wie heute neue Basisgemeinden entstehen“ (Predigt  am 19. 11. 1978).

Auch Luther hat diesen Widerspruch nicht aufgehoben, im Gegenteil. Denn er war noch mehr auf das Individuum und dessen Errettung fixiert. Dies nun zwar unter Ausschaltung aller Vermittler (Kirche, Priester, Heilige etc.), aber in unmittelbarer Konfrontation des Einzelnen mit „seinem“ Gott. Eine Rechtfertigungslehre, die die augustinische und nichtbiblische Lehre von der Erbsünde und damit zusammenhängend eine „Theologie des Opfertodes“ Jesu voraussetzt, treibt den individualistischen Ansatz zumindest in der Praxis auf die Spitze. Ob das die Ängste des Individuums steigerte oder verminderte, sei dahingestellt. Die Tendenz zu einem übersteigenden Individualismus und zu einer noch stärkeren Trennung zwischen „Himmel und Erde“ dürfte durch Luther und seine Lehre aber eher verstärkt worden sein - bei gleichzeitiger Aushöhlung der sozialen Verantwortung des Christentums und einer Bestärkung und Rechtfertigung weltlicher Macht. Diese Aussage wäre von der Praxis her zu überprüfen.

d) Ein anderer Aspekt der christliche Lehre ist dagegen für den andinen Menschen schwer zu verstehen: die Liebe und die Gnade als bedingungsloses Geschenk. Gnade bedeutet, dass Gott einseitig und bedingungslos handelt, während nach der andinen Konzeption der Mensch dadurch gerechtfertigt wird (seiner Rolle gerecht wird), wenn es ihm gelingt, das beschädigte Gleichgewicht wiederherzustellen oder zumindest seinen notwendigen Beitrag dazu zu leisten. Im Sinne der Reziprozität ist für den andinen Menschen auch die „selbstlose Liebe“ - zumal oft nur als abstraktes, abgeleitetes Ideal gepredigt - nichts anderes als eine unbegreifliche Einseitigkeit. Dagegen ist für ihn in der Praxis die Hingabe an die Gemeinschaft und an einzelne Menschen eine Selbstverständlichkeit, weil dies notwendig ist, um die Funktionsfähigkeit oder das Überleben der Gemeinschaft zu garantieren.

4. Wie wirkte die neue Religion auf die „Indios“?

Die von den Christen ausgehende Gewalt war für die Indios nicht fassbar, sie konnten sie nicht verstehen und sie nicht „einordnen“.[9] Es gab selbstverständlich auch vor dem Eintreffen der Christen Gewalt, Eroberungen und Kriege in den Anden. Aber selbst die schmerzlich erlittene Eroberung durch die Inkas war in den Augen der Eroberten ein Geschehen, das sie einordnen und innerhalb ihres bisherigen Weltbildes erklären konnten. Die Inkas beließen den Eroberten im Wesentlichen ihre Kultur, ihre Lebensgrundlagen (Landwirtschaft, soziale Organisation) und ihre Identität. Auch der Strafkatalog sah drastische Strafen vor, bis hin zur Verhängung der Todesstrafe. Doch diese Strafen und der Tod des Verurteilten standen in einem kausalen Zusammenhang und erfüllten innerhalb der indianischen Werteordnung einen „Zweck“: die Wiederherstellung der göttlichen Ordnung und der Harmonie zwischen Mensch und Gemeinschaft, Mensch und Natur, Mensch und göttlichen Mächten. Sie folgten dem andinen Prinzip des Gebens und Nehmens, nachdem jede von Menschen verursachte Störung der kosmischen Ordnung und der menschlichen Gemeinschaft als Spiegelbild der kosmischen Ordnung durch entsprechende Handlungen oder Opfer wieder gut gemacht werden musste.

Die von den Spaniern ausgehende Gewalt sprengte jedoch alle bisherigen Dimensionen und entzog sich sowohl kausalen Kriterien als auch dem Kriterium des Gebens und Nehmens. Die Indios mussten ohnmächtig erfahren, dass sie nicht einmal als Menschen betrachtet wurden, geschweige denn als gleichwertige Menschen. Vollends erschüttert wurde ihr Weltbild aber, als sie feststellen mussten, dass die Spanier ob ihrer Frevel und Gottlosigkeit offensichtlich nicht zur Rechenschaft gezogen wurden, noch nicht einmal von ihren eigenen Göttern. Im Gegenteil: deren Götter schienen sie zu beschützen und überreich zu belohnen. Die Spanier erschienen als „Wesen von einem anderen Stern“, im Bündnis mit göttlichen Mächten, die den eigenen Göttern wohl überlegen waren, denn sonst hätte ja das alles nicht geschehen können, was geschehen ist. Die Götter der Weißen erschienen den Indios auf diese Weise als noch nie erlebte Ungeheuer, denn sie belohnten offensichtlich die Ungeheuerlichkeiten der Weißen. Sie mussten aber bald anerkennen: Diese Götter und deren Repräsentanten und Verkünder erwiesen sich als allmächtig, und ein Kampf gegen sie erschien aussichtslos. So blieb den Indios nichts anderes übrig, als sich in ihr Schicksal zu ergeben und zu versuchen, sich mit den Eroberern und deren Göttern zu arrangieren bzw. sie gnädig zu stimmen.

Der Kolonialmacht mit seiner Symbiose mit dem Christentum scheint es gelungen zu sein, auch die Seelen der Opfer zu kolonialisieren. Die Opfer der Geschichte übernehmen nicht nur die Werte der Sieger, sondern sie glauben sich nur dann Mensch, wenn sie selbst zu „Siegern“ werden.[10]Selbstverständlich bestätigt und rechtfertigt ein derartiges Verhalten die angebliche Überlegenheit der Herrschenden. Es sind die „Reliquien des Kapitalismus“ und die entsprechenden Statussymbole, die Indios und Weißen dann in gleicher Weise als erstrebenswert erscheinen: Anteilnahme an der Welt der Mächtigen vermittels bestimmter Waren und davon abgeleiteter Symbole. Auf dieser Ebene wird die Illusion der Gleichheit und Freiheit aller Menschen begründet und verkündet. Die eine Religion geht nahtlos in die andere Religion über, weil es sich offensichtlich um dieselbe Religion handelt: je mehr Besitz und Macht, je mehr gerechtfertigter Mensch - egal ob Indio oder Weißer.

Die Prinzipien der andinen Religion und Kultur wurden entwickelt, gelebt und als heilsam erfahren im Kontext einer Gesellschaft, Kultur und Geschichte, die sich gemäß diesen Prinzipien entwickelt und die von daher ihre Legitimität erhalten hat. Eingebettet in diesen Kontext, erfuhr sich der Einzelne als getragen und akzeptiert. Die Fundamente und Ziele einer solchen Gesellschaft standen im Einklang mit denen des Einzelnen und umgekehrt. Dies war Identität stiftend, es vermittelte einen Sinn und gab Orientierung für die Bewältigung des Lebens und seiner Aufgaben. Doch diese Gesellschaft ist in ihrer Macht- und Sinnstruktur zerstört worden - nicht nur äußerlich, sondern auch in ihrem tiefsten Inneren, in ihren tiefsten Fundamenten. Die Allmacht des weißen Gottes war so offensichtlich, dass die bisherige Auffassung von Gott und der Welt von den Indios zumindest in Zweifel gezogen wurde. Das Einbrechen einer neuen und als allmächtig erfahrenen Wirklichkeit schien dem Bisherigen keinen Raum mehr zu lassen. Die Indios wurden dadurch in ihrem innersten Selbstwertgefühl getroffen und tief verletzt. Derart aus der Bahn geworfen war die Versuchung groß, bei dem neuen Gott Zuflucht zu suchen. Es war unbegreiflich für die Indios, dass die Weißen offenbar nicht dem Prinzip der Reziprozität unterworfen schienen, weder auf wirtschaftlicher, sozialer noch religiöser Ebene.

  • Auf wirtschaftlicher Ebene führten die neuen Herren u.a. die Zwangsarbeit ein (exportorientierte Landwirtschaft, Bergbau, Manufakturen). Diesen Terror bezahlten Millionen von Indios mit ihrem Leben. Die Indios mussten erkennen, dass die Weißen immer nur nahmen und nichts gaben - noch nicht einmal der Mutter Erde, der sie wertvolle Metalle raubten und diese nicht zur Verehrung der Götter brauchten, sondern zur Sicherung ihrer eigenen Macht. Die Christen wurden dafür augenscheinlich auch noch von ihren Göttern belohnt.
  • Auf sozialer Ebene wiederholte sich diese Beobachtung. Die Spanier zerstörten das Leben in der Comunidad und zerstörten das über Jahrtausende gewachsene Gleichgewicht und die für den Kosmos lebensnotwendige Harmonie zwischen allem Seienden - ohne dass der Kosmos deswegen einstürzte. 
  • Auf religiöser Ebene, auf der alle anderen Ebenen sich treffen, machten die Indios die Erfahrung, dass ihre eigenen Götter sie vor all dem nicht beschützen konnten und dass der Gott der Weißen so mächtig ist, dass den Weißen im Schutz und im Namen dieses Gottes eine geradezu übernatürliche Macht zukam. Gott beschützt die Weißen und belohnt sie mit allen Gütern dieser Erde. Deren Macht und Reichtum waren offensichtlich von Gott so gewollt. Als einzige Chance zum Überleben erkannten die Indios, dass sie sich diesem Gott und seinen Schützlingen bedingungslos unterwerfen mussten.

Konsequenzen für das Selbstbewusstsein und das alltägliche Verhalten (vor einer befreienden Evangelisierung)

  • Wenn der Campesino sich die Schuld an seinem Elend selbst gibt, dann wird er nur schwerlich nach Wegen suchen wollen und können, die ihn aus diesem Status herausführen könnten. Das Entscheidende ist aber, dass es nach seiner Auffassung Gott selbst ist, dem er dieses Schicksal zu verdanken hat. Er ist arm, weil er vor Gott versagt hat bzw. weil seine eigenen Götter ihm nicht mehr helfen konnten. Das von Gott so gewollte und auferlegte Schicksal ändern zu wollen, wäre eine noch größere Sünde und würde nur noch mehr Unheil oder gar eine endgültige Verdammung zur Folge haben (laut damaliger Lehre).
  • Vor diesem Hintergrund können die wahren Ursachen des Elends und der Ungerechtigkeit nicht erkannt werden, was aber gerade der erste notwendige Schritt wäre, um diese Bedingungen verändern zu können. Umgekehrt haben die Nutznießer dieser Situation kein Interesse an der Aufdeckung der Ursachen. Jeder Versuch, den Armen nicht nur Brot zu schenken, sondern mit ihnen die Verhältnisse ändern zu wollen, wird nicht nur politisch bekämpft, er wird gar als Sakrileg diffamiert.
  • Einen Ausweg scheint es doch zu geben: Da die eigene Identität nur als eine „sündhafte“, eine minderwertige und eine schuldbeladene Identität verstanden wird, die der Weißen und Erfolgreichen aber als eine von Gott gesegnete, ist der Weg vorgezeichnet: Sein wie der Weiße! Die Flucht vom Land in die Städte wird als eine Art von Menschwerdung verstanden, als Neugeburt. Wenn man in der Stadt lebt und am Leben der Weißen teilhaben kann, Anteile an deren Leben, deren Erfolg und Reichtum erlangen kann, dann wird man ein neuer Mensch. Erst dadurch - so der neue Glaube - kommt man zu sich selbst, gewinnt man die Achtung und den Respekt der Mitmenschen. Und erst dann kann man sich der Gunst Gottes sicher sein. Die Welt des Unterdrückers wird zum Modell, das es zu kopieren gilt. Die Welt, aus der man kommt, wird verachtenswert. Mit den Worten eines Indio-Katecheten: „Der Eroberer hat nicht nur die andine Kultur und die Lebensgrundlagen ihrer Menschen zerstört, er hat auch von der Seele des Indios Besitz ergriffen. Er hat sich im Innersten des Indio eingenistet und ihn so endgültig besiegt“.

Es gibt Hinweise dafür, dass der Erfolg der neoliberalen Weltordnung gerade darauf basiert, die Seele der Völker zu zerstören und an ihrer Stelle eine neue Werteordnung zu etablieren, die ihrerseits die Menschen absolut beansprucht und die ohne Alternative erscheint. Sie bezieht ihre Legitimität von ihrem Erfolg, ihrer universalen Einzigartigkeit und dem damit verbundenen Machtmonopol. Und auch diese neue Religion hat ihre Heiligen, ihre Heilsverheißungen, Sakramente (Heilszeichen), Kulte etc. Deren Achtung ist Prinzip und Ziel dieser Religion.

Aber ausgerechnet in den Anden, exemplarisch u.a. in der Diözese Cajamarca, Peru, entstand seit 1962 eine „neue Kirche“, ausgehend von der befreienden Botschaft, dass Jesus der Christus inmitten der Indios „zur Welt kam“ und sich mit ihnen auf den Weg macht - hin zu einem Leben in Fülle, in Gemeinschaft mit Gott und der Menschen untereinander und in dem die Güter von Mutter Erde allen zugutekommt. Wie konnte dies geschehen? Dazu mehr im 2. Teil: „Befreiende Evangelisierung“ (ausgehend von der Bibel und in Folge des Konzil, 1962-65).

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Dieser Beitrag, eine aktualisierte Neufassung, basiert auf einer breit angelegten Studie (1997 - 2004), in Zusammenarbeit der theol. Fakultäten Würzburg (Prof. Dr. Elmar Klinger), Tübingen (Prof. Dr. Ottmar Fuchs), dem Instituto Bartolomé de Las Casas, Lima (damalige Leitung: Gustavo Gutiérrez), und deutschen und peruanischen Partnergemeinden. 2001 erschien als Zwischenergebnis der Sammelband: „Die globale Verantwortung“, Hg. E. Klinger, W. Knecht, O. Fuchs, Würzburg 2001 und 2005 meine Promotion (Fundamentaltheologie): „Die Kirche von Cajamarca - die Herausforderung einer Option für die Armen“ (LIT, 2005).

Alle Daten, Recherchen, Dokumente und Ergebnisse auf: www.williknecht.de  und www.cajamarca.de   

Willi Knecht, u.a. von 1976 -1980 als „agente pastoral“ in den Indiogemeinschaften (comunidades campesinas) in der Pfarrei San Carlos de Bambamarca, Diözese Cajamarca, Peru.


[1]Kultur und Religion werden hier so verstanden, wie es die lateinamerikanischen Bischöfe in Puebla (1979) ausgedrückt haben: „Mit Kultur wird die Art und Weise bezeichnet, wie die Menschen eines Volkes ihre Beziehung untereinander, mit der Natur und mit Gott pflegen, um ein wahrhaftes und humanes Leben führen zu können". (Kapitel 386, zitiert und übersetzt aus: Puebla, Ediciones CELAM, Bogotá 1979. S. 120).

[2]Es handelt sich um das Glaubensbekenntnis, eines Volkes von den „Rändern der Welt“, das zum Glauben an einen Gott gefunden hat, der es aus der Sklaverei befreit hat – aus den Klauen der damals mächtigsten Nation der Erde.

[3]„Erkennen wir, dass dieses System die Logik des Gewinns um jeden Preis durchgesetzt hat, ohne an die soziale Ausschließung oder die Zerstörung der Natur zu denken? Wenn es so ist, sagen wir es unerschrocken: Wir wollen eine Veränderung, eine wirkliche Veränderung, eine Veränderung der Strukturen. Dieses System ist nicht mehr hinzunehmen; die Campesinos ertragen es nicht, die Arbeiter ertragen es nicht, die Gemeinschaften ertragen es nicht, die Völker ertragen es nicht … Und ebenso wenig erträgt es »unsere Schwester, Mutter Erde«, wie der heilige Franziskus sagte.“ (Papst Franziskus, 2. Welttreffen der Volksbewegungen in Bolivien, 9. Juli 2015)

[4]Auch bei manchen anderen Völkern und Kulturen ist dieser Anspruch zu beobachten. Doch im Unterschied zu denen, konnte Europa weltweit seine Maßstäbe durchsetzen und diese globalisieren.

[5]Während es in der andinen Kosmovision undenkbar ist, wirtschaftliches Handeln und Ökonomie von den anderen spirituellen (!) Quellen des Lebens zu trennen, geschieht dies in den europäischen Geisteswissenschaften, die dies als Fortschritt gegenüber einem „primitiven, magischen oder mythologischen Denken“ verstehen. Teilt man den Menschen in Geist und Materie und die Welt in „Himmel und Hölle“,  können die Ursachen des materiellen Elends umso leichter ausgeblendet werden.

[6]Für die Erklärung der Grundelemente der Cosmovisión Andina waren mir die Studien von Josef Estermann: „Andine Philosophie – eine interkulturelle Studie zur autochthonen andinen Weisheit“ (IKO, 1999), eine große Hilfe. Siehe auch aus meiner Dissertation: Glaube und Kultur der Menschen in den Anden(http://cajamarca.de/theol/glaube-kultur.pdf)

[7]Die Bezeichnung „Indio“ bzw. „Campesino“ ist nicht zuerst (aber auch) rassistisch zu verstehen, sondern bezeichnet eher einen soziologischen und kulturellen Status. In der Rang- und Werteordnung der andinen Gesellschaften gelten ausgeprägte indianische Gesichtsmerkmale immer noch als Zeichen für „primitive“ Herkunft und Unkultur. So spricht man z.B. in Peru seit der Militärrevolution von 1968 offiziell von „Campesinos“, die Diskriminierung aber bleibt bis heute bestehen. Es gibt einige wenige Campesinos und einige Intellektuelle indianischer Abstammung, die sich bewusst und voller Stolz als Indio bezeichnen.

[8]Was bedeutet es demnach, wenn die Natur zur Ware wird, zum Spekulationsobjekt, und man inzwischen auch das Erbgut von Mutter Erde patentieren kann und damit vollends zu deren „Eigentümer“ wird? Dies ist die logische Konsequenz einer Weltanschauung, die die Natur als ein feindliches Gegenüber versteht, das es zu besiegen und zu beherrschen gilt, analog zur Herrschaft des Menschen über die „Un-Menschen“.

[9]Die bisher umfangreichsten Studien zur ursprünglichen Bevölkerungszahl in Peru werden von G. Gutiérrez in „Gott oder das Gold“ zitiert (S. 10). Danach lebten z.B. in Peru vor der Eroberung etwa neun Millionen Menschen. 1570 war die Bevölkerung auf eine Million geschrumpft. Noch gravierender war das Ausmaß dieser Katastrophe in Mexiko, wo die Bevölkerung von 25 Millionen auf eine Million (1605) dezimiert wurde (Todorov: Die Eroberung Amerikas. Das Problem des Anderen, Frankfurt 1985, S. 161). Gutiérrez nennt die hauptsächlichen Gründe: „Man weiß um die drei Gründe für den Rückgang der Bevölkerung: Krankheiten, gegen welche die Indianer nicht immunisiert waren (z.B. Pocken, Masern und Typhus), Zwangsarbeit und Kriege. Doch handelt es sich dabei nicht um voneinander unabhängige, sondern um sich wechselseitig verstärkende Faktoren“. Gutiérrez, Gustavo: Gott oder das Gold - Der befreiende Weg des Bartolomé de Las Casas.: Herder, 1990. S. 10, 11. Ich möchte noch einen Grund hinzufügen: die gezielte Zerstörung der hochentwickelten andinen Landwirtschaft, der Lebensgrundlage.

[10]Es sei auf den psychoanalytischen Faktor in der Geschichte von Herrschaft und Beherrschung hingewiesen, nach dem die Beherrschten die herrschenden Werte verinnerlichen und gerade dadurch ihre eigene Unterdrückung rechtfertigen. Die Herrschenden können erst dann auf Dauer ihre Herrschaft als von der Natur gegeben oder als göttlich begründen, wenn ihnen die Opfer gerade dies zubilligen, weil sie damit als Opfer eine Erklärung für ihr Elend haben und eine solche Erklärung dann auch brauchen, um es ertragen zu können. Sie wollen sein wie die Herren und festigen damit ihre Stellung als „Knechte“. Erkennen sie sich aber als Opfer, entziehen sie der Herrschaft das Fundament bzw. sie stürzen sie „vom Thron“ - so ist z.B. das Magnifikat für die seit 1962 „neu-evangelisierten“ Campesinos von großer Bedeutung.

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