Vamos Caminando - mit Christus auf dem Weg unserer Befreiung

"Obwohl Vamos Caminando kein Buch sein will, in dem alle Glaubenswahrheiten vollständig aufgereiht sind, wurden in den Einführungskursen immer wieder Fragen von höchster theologischer Brisanz und Kompliziertheit aufgeworfen und diskutiert. So zum Beispiel die Frage nach der Bedeutung und dem Status von Jesus, Hoheitstitel wie Sohn Gottes, Messias usw. Für die Campesinos ist es selbstverständlich, dass Gott etwas mit ihrem Leben zu tun hat und ihr Leben auch verändert. Und Jesus ist der Schlüssel für das neue Leben. Jesus zeigt ihnen tatsächlich den Weg. Er lebt mitten unter ihnen, gibt sogar sein Leben für sie hin und wird daher für sie zum Messias und Sohn Gottes, weil in ihm Gott sich mit den Armen solidarisiert und ihr Schicksal auf sich genommen hat (1). Er allein ist „der Herr“, denn es gibt keine Autorität außer ihm.

Das zentrale Dogma des christlichen Glaubens ist für die Campesinos nicht Gegenstand theoretischer Überlegungen, sondern täglich gelebte und erlebte Erfahrung. Für die Campesinos steht die Botschaft vom Reich Gottes im Zentrum ihres Glaubens. Diese Botschaft steht aber nicht deswegen im Zentrum ihres Glaubens, weil sie dies als zentrale Aussage vielleicht in einem Katechismus so gelernt hätten, sondern weil es die konkrete Vision eines Lebens in Fülle ist, die ihnen angesichts einer Situation des Elends die Kraft gibt, das Elend zu überwinden (2). Auf dem Hintergrund dieser Erfahrungen der Campesinos ist Vamos Caminando zu verstehen."

Don Panchito (Francisco Huamán), der ältere Katechet von Chala, erwartete mich schon voller Ungeduld. Vor der Kapelle der ehemaligen Hazienda von Chala hatte sich eine größere Gruppe der Gemeinde versammelt. Viele saßen auf der Erde, die vier im Rechteck aufgestellten Bänke reichten nicht für alle. Von weitem hatte ich sie schon singen gehört. Sie sangen ein Lied, das ein anderer Katechet getextet und mit einer uralten Melodie, einem Huayno, unterlegt hatte. Erst dachte ich, ich wäre zu spät zur Versammlung gekommen, denn dieses Lied wurde meist am Ende der Versammlung gesungen. Mich wunderte nur, dass dazu nicht getanzt wurde. Doch Don Panchito klärte mich auf. Sie hatten das Lied nur deswegen mitten in der Versammlung angestimmt, weil sie nicht mehr weiter wussten und daher auf mich warten wollten.

Es war eine lebhafte Diskussion entstanden, weil der jüngere Katechet von Chala, Segundo Ventura, gesagt hatte, die Leute bräuchten zu den Versammlungen nicht mehr die Bibel mitzubringen. Es gebe ein neues Buch, das die Campesinos selbst gemacht hätten und das zudem noch schöne Lieder und andere Geschichten aus ihrem Leben enthalte. Einige Ältere hatten widersprochen, schließlich sei die Bibel das Wort Gottes und wie sollten sie ohne das Wort Gottes leben können? Doch der Jüngere bestand darauf: das neue Buch sei nichts anderes als eine neue Bibel, oder besser gesagt: die alte Bibel wurde in unsere Zeit übersetzt. In diesem neuen Buch erzählten die Menschen, wie in ihrem eigenen Leben das Wort Gottes fruchtbar würde.

Außerdem seien in dem Buch - so erklärte der jüngere Katechet - auch die wichtigsten Stellen der Bibel enthalten, es sei also eine Zusammenfassung und gleichzeitig eine Fortschreibung der Bibel. Denn so wie das Volk Gottes im Alten Testament seinen Weg mit Gott in die Befreiung und die ersten Christen im Neuen Testament ihre Erfahrungen mit dem Auferstandenen weitererzählt hätten, so erzählten auch wir unsere Erfahrungen mit dem befreienden Gott weiter. Welchen Unterschied machte es schon, ob die Geschichten nun in Galiläa oder in Bambamarca spielen? Es gehe letztlich um dasselbe, nämlich dass Jesus die Menschen zur Umkehr auffordere, den Beginn einer Neuen Zeit verkünde und dass diese Zeit schon mitten unter uns begonnen hätte.

Die meisten der Anwesenden waren von der Rede des jüngeren Katecheten begeistert. Don Panchito ging diese Interpretation des neuen Buches etwas zu weit. Vor allem plagten ihn Zweifel, ob die Campesinos wirklich das Recht haben sollten, die Geschichte Gottes mit den Menschen selbst in die eigenen Hände zu nehmen, sie sogar eigenständig weiter zu schreiben. Und was würde der Bischof dazu sagen? Auf jeden Fall wollte man meine Meinung hören.

Zumindest was die Stellung des Bischofs anging, konnte ich sie beruhigen. Ich sagte ihnen - obwohl sie es im Grunde schon wussten - dass Bischof Dammert das neue Buch sehr begrüßte, dass er möchte, dass überall damit gearbeitet wird und dass die Campesinos darauf stolz sein könnten. Und was die Benutzung des neuen Buches und/oder der Bibel betraf, so schlug ich in Übereinstimmung mit Bischof und Pastoralteam vor, dass es aus praktischen und didaktischen Gründen ratsam sei, bei Versammlungen der Gemeinschaft mit dem neuen Buch Vamos Caminando zu arbeiten, dass es aber kein gleichwertiger Ersatz für die Bibel sei.

Vor allem bei Wortgottesdiensten wäre es besser, aus der Bibel zu lesen, schließlich dürfe unter keinen Umständen das Lesen aus der „richtigen Bibel“ außer Gebrauch kommen. Es stimme zwar auch, was der jüngere Katechet gesagt hatte, so fuhr ich sinngemäß fort - aber die Bibel sei deswegen einmalig, weil Gott in der Bibel in einzigartiger Weise den Menschen gesagt hätte, wer er sei, was er von den Menschen wolle und was wir tun sollten. Insofern gebe es nur die eine Bibel. Aber es liege an uns, das Wort Gottes lebendig werden zu lassen, Fleisch und Blut werden zu lassen, und dann diese Erfahrungen auch den Nachbarn und den eigenen Kindern weiterzuerzählen - durchaus auch mit eigenen Worten und Geschichten aus dem eigenen Leben. Genau dies geschehe in Vamos Caminando.

Wenn wir in Vamos Caminando lesen, sehen wir wie in einem Spiegel das Wort Gottes und unsere eigene Geschichte. Beides gehöre untrennbar zusammen. Sowohl der ältere als auch der jüngere Katechet waren nun mit dieser Erklärung zufrieden. Man einigte sich, dass in normalen Versammlungen, Besprechungen, Treffen usw. mit Vamos Caminando gearbeitet wird, in den wöchentlichen (Wort -) Gottesdiensten aber das Evangelium aus der Bibel vorgelesen und besprochen wird.

Diesmal nicht aus Verlegenheit, sondern als freudiger Abschluss der Versammlung wurde wieder das Lied vom glücklichen Paar vom Land angestimmt und ausgelassen getanzt: „Väterchen Gott sagt, dass es das Schönste ist, wenn Mann und Frau sich vereinen und ihre Liebe auch den Armen schenken“.

Meine Ankunft 1976 in Bambamarca fiel zusammen mit der Einführung von Vamos Caminando. Eine meiner wichtigsten Aufgaben neben der Mitarbeit im Despertar war, das neue Buch auf dem Lande noch bekannter zu machen und die Campesinos in das Buch und dessen Handhabung einzuführen. Als Neuling war dies ein verwegenes Unterfangen, waren es doch die Campesinos selbst, die das Buch am besten kannten. So lehrten sie mich ihre Realität und ihren Glauben und ich konnte mit ihnen ausprobieren, wie man am besten und effektivsten mit dem Buch umgeht.

Es gab aber auch immer wieder das Bedürfnis, etwas mehr über die Hintergründe der Bibel zu wissen, wie z.B. damalige Zeit, Geschichte und Umfeld Jesu, moderne Exegese, kirchliche Tradition, aktueller theologischer Kontext wie II. Vatikanum, Medellín, Zeitgeschehen usw. Dies war umso notwendiger, als 1976 das Redaktionsteam von Vamos Caminando auseinander gegangen war. Fast zwei Jahre lang hatte Bambamarca keinen Pfarrer, Manolo Sevillano mit seiner Familie und ich waren als Laientheologen am Ort.

Obwohl Vamos Caminando kein Buch sein will, in dem alle Glaubenswahrheiten vollständig aufgereiht sind, wurden in den Einführungskursen immer wieder Fragen von höchster theologischer Brisanz und Kompliziertheit aufgeworfen und diskutiert. So zum Beispiel die Frage nach der Bedeutung und dem Status von Jesus, Hoheitstitel wie Sohn Gottes, Messias usw. Für die Campesinos ist es nach der Lektüre der Bibel selbstverständlich, dass Gott etwas mit ihrem Leben zu tun hat und ihr Leben auch verändert. Und Jesus ist der Schlüssel für das neue Leben. Jesus zeigt ihnen tatsächlich den Weg. Er lebt mitten unter ihnen, gibt sogar sein Leben für sie hin und wird daher für sie zum Messias und Sohn Gottes, weil in ihm Gott sich mit den Armen solidarisiert und ihr Schicksal auf sich genommen hat (1). Er allein ist „der Herr“, denn es gibt keine Autorität außer ihm.

Das zentrale Dogma des christlichen Glaubens ist für die Campesinos nicht Gegenstand theoretischer Überlegungen, sondern täglich gelebte und erlebte Erfahrung. Für die Campesinos steht die Botschaft vom Reich Gottes im Zentrum ihres Glaubens. Diese Botschaft steht aber nicht deswegen im Zentrum ihres Glaubens, weil sie dies als zentrale Aussage vielleicht in einem Katechismus so gelernt hätten, sondern weil es die konkrete Vision eines Lebens in Fülle ist, die ihnen angesichts einer Situation des Elends die Kraft gibt, das Elend zu überwinden (2). Auf dem Hintergrund dieser Erfahrungen der Campesinos ist Vamos Caminando zu verstehen.

Entstehung, Grundmuster, Inhalt und Kontext des Glaubensbuches (3)

Im Despertar vom 13. April 1975 wird zum ersten Mal von der Idee eines Glaubensbuches der Campesinos und für Campesinos berichtet. Die Überschrift des Artikels im Despertar lautet: „Ein Buch, um zu sehen, was Sache ist“. Dann wird folgende Geschichte erzählt: Ein Campesino kommt in das Pfarrbüro und fragt nach einem handlichen Buch, worin er etwas mehr über seinen Glauben erfahren kann. Man bietet ihm die Bibel an, andere Bücher gibt es nicht.

Zwar gibt es viele einzelne kleine Schriften, neben vielen Schriften mit praktischen Themen wie „Wie können wir bessere Meerschweinchen züchten“ auch Schriften über Heilige wie San Martín de Porres, die Dokumente von Medellín oder Schriften über biblische Themen wie der Auszug aus Ägypten u.v.m. Aber es gibt kein Buch, in dem alles zusammengefasst ist, was die Menschen bewegt. Der Campesino sagt, dass er die Bibel schon habe, aber dass er ein Buch wolle, mit dessen Hilfe ihm klarer werde, was der katholische Glaube heute von ihm verlange.

Wörtlich heißt es dann in dem Artikel: „Der Wunsch dieses Campesinos ist sehr wichtig. Er wünscht sich keinen Katechismus im alten Stil. Er will nicht eine Lehre auswendig lernen um dann das auswendig Gelernte wie ein Papagei zu wiederholen. Außerdem immer diese schwierigen Wörter! Er möchte sich selbst überzeugen und betreffen lassen, begreifen und spüren, was Sache ist. So ein Buch gibt es leider noch nicht. Klar, es gibt viele Bücher über den Glauben. Aber diese sind geschrieben worden in anderen Gegenden. Was wir brauchen sind einfache Wörter aus unserer Gegend, Beispiele aus unserer Umwelt, der Sierra von Peru. So einfach hat nämlich auch unser Herr Jesus Christus geredet. Jesus benutzte viele Gleichnisse um seine Botschaft zu verkünden. Er hat sich den Fähigkeiten seiner Zuhörer angepasst. Er redete nur in Gleichnissen zu ihnen (Mk 4,33).

Das Wichtigste ist die Bibel. Aber manchmal begreifen wir nicht so gut, falls uns dies nicht irgendjemand erklärt. Jesus erzählte ein Gleichnis entsprechend der Gegend, wo er sich gerade aufhielt. In der Nähe des Meeres sprach er vom Fischfang, in der Sierra sprach er vom Weizen. Und so müssen auch wir ein Buch machen, um besser die Lehre Christi verstehen zu können. Padre Miguel Garnett hat schon begonnen, einige Kapitel aufzuschreiben. In den nächsten Wochen werden wir die ersten Artikel im Despertar veröffentlichen. Wir brauchen die Mitarbeit aller, je nach ihren Fähigkeiten, sei es in der Form von Fragen, Anregungen, eigenen Erfahrungen, Gebete oder Lieder. Am Ende des Jahres werden wir dann das Buch in unseren Händen haben“ (4).

Bereits in diesem Artikel zeigt sich das Grundmuster der dann entstehenden Kapitel, aus denen später das Buch Vamos Caminando entstehen sollte. Zuerst wird eine ganz konkrete Situation geschildert, die sich auch meist tatsächlich so ereignet hat, nur wenige Geschichten wurden später erfunden. Aber auch die erfundenen Geschichten spiegeln eine wahre Situation wieder. In der konkreten Geschichte wird ein Problem angesprochen, das viele beschäftigt und das immer wieder im Alltag der Campesinos wiederkehrt. Oder es wird von einer Erfahrung berichtet, die jemand gemacht hat und die er anderen mitteilen und mit anderen teilen möchte. Das Mittel, um das Problem zu präsentieren, ist in der Regel der Dialog mit Frage und Antwort. Durch den Dialogcharakter eignen sich die Texte für die Gruppenarbeit, in der Gruppe wird das Gespräch weitergeführt.

Der so dargelegte Sachverhalt wird danach mit einer Bibelstelle in Verbindung gebracht. Es war meist nicht schwer, zu jeder angesprochenen Alltagssituation eine entsprechende Bibelstelle zu finden. Parallelen zwischen ihrem eigenen Leben und dem Leben der Menschen zur Zeit Jesu zu finden, war für die Campesinos nichts anderes, als „in den Spiegel zu schauen“, wie es ein Katechet formuliert hat. Die in der Bibel angesprochenen Ängste, Leiden, Sehnsüchte und Hoffnungen entdeckten sie als ihre eigenen. Dies geschah weniger aufgrund einer tiefen gedanklichen Analyse, sondern eher im Erkennen - Erkennen als richtiges Deuten von Erfahrungen und Gefühlen - der in der Bibel vorhandenen Grundmuster von integralem Heil, Angenommen- und Geborgensein, gegenseitigem Respekt, Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Befreiung.

Die Exoduserfahrung und die Botschaft vom Reich Gottes sind für die Campesinos existentiell nachvollziehbare Erfahrungen des Leidens und der Hoffnung, die im Kontext ihrer historischen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Situation eine aktuelle Lebendigkeit und Sprengkraft erhalten, die ihnen die Kraft gibt, selbst die „Mauern von Jericho“ zum Einstürzen zu bringen. Völlig unbefangen werden die biblischen Geschichten weitererzählt, als wären es die eigenen.

Es war für einen Zuhörer, der die Bibel nicht so genau kannte, nicht auszumachen, wo die biblische Geschichte aufhörte und die eigene Geschichte begann. Nur Theologen merkten eventuell Unterschied. Dieser Unterschied ist für die Campesinos aber belanglos, denn die biblische Geschichte reicht in die eigene Geschichte und umgekehrt fühlen sie sich berufen, die biblische Geschichte weiterzuerzählen. Ohne dogmatische Skrupel fühlen sich die Campesinos als Mitautoren der Bibel und als Mitschöpfer einer neuen Welt. Wenn sie von ihrem Leid und von ihren Hoffnungen erzählen, erzählen sie die Geschichte Gottes. Sie verstehen sich als die Weggefährten Jesu.

Die biblischen Geschichten sind in ihren Grundanliegen zeitlich und räumlich grenzenlos gültig, weil die Campesinos ihre eigene Situation und ihr Leben in den biblischen Geschichten wieder erkennen und sie ihre Situation und ihr Leben im Geiste Jesu zu verändern suchen. Das bedeutet nicht, dass diese Erfahrungen eins zu eins beliebig in einen anderen Kontext übertragen werden können. Der verschiedene Ausgangspunkt und jeweilige Standort ist zu berücksichtigen - wobei aber sowohl im Rahmen der Globalisierung als auch einer universellen Kirche die jeweiligen Standpunkte voneinander abhängen bzw. sich aufeinander beziehen. Besonders die Gleichnisse Jesu erschließen sich den Campesinos sehr leicht. Aus den vielen Gleichnissen soll hier das Gleichnis als Beispiel dienen, in denen Jesus das Reich Gottes mit einem Festmahl vergleicht (5). 

Dieses Gleichnis sagt den Campesinos, dass mit Jesus eine Wirklichkeit begonnen hat, in der alle genug zu essen und zu trinken haben und in der alles, was der Mensch zum Leben braucht, sogar im Überfluss vorhanden ist. Zu diesem Festmahl sind alle eingeladen, alle haben einen Platz und niemand wird ausgeschlossen. Über diese Einladung freuen sich vor allem diejenigen, die sonst nicht genügend zu essen haben, die diskriminiert werden und die sonst keinen Platz in dieser Gesellschaft haben. Die Reichen dagegen ignorieren diese Einladung, weil „so viel Gesindel am Tisch sitzt“ und der Einladende daher selbst auch nicht viel besser zu sein scheint.

Die Sitzordnung auf diesem Festmahl widerspricht zudem völlig der tradierten Ordnung innerhalb der bestehenden Gesellschaft, es ist eine Umkehrung aller Verhältnisse. So wird dieses Fest von den Reichen als Anschlag auf die bestehende Ordnung empfunden, von den Armen dagegen als Befreiung und als Zeichen der Nähe Gottes. Es zeigt den verachteten Campesinos und allen Menschen, auch den Reichen, die Vision eines Lebens in Fülle und in Würde für alle. Weil es Gott ist, der dieses Fest mit seinem Volk feiern will, liegt es nun an den Menschen, die Welt im Sinne dieser Vision zu verändern, um so den Willen Gottes zu erfüllen.

Nachdem die angesprochene Situation präsentiert und im Lichte des Glaubens und der Bibel gedeutet wurde, werden nun Wege, Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten gesucht oder zur Diskussion gestellt. Zwar noch nicht im oben zitierten Artikel des Despertar, in der Folge aber in der Regel, wird zu einem Gespräch in der Gruppe aufgefordert. „Vamos conversando - kommt, wir sprechen miteinander!“ Es kam meist zu zwei oder drei Gesprächseinheiten, eine nach der Vorstellung des Problems, dann nach der Lektüre (oft nur freies Erzählen) der Bibelstelle und schließlich ging es darum, gemeinsame Lösungen zu finden. Dabei machten die Teilnehmer nie den Eindruck, eine bestimmte Ordnung oder Methode einhalten zu müssen, sondern eine geordnete Reihenfolge ergab sich aus der Sache und aus der Situation.

Es liegt nahe, an den methodischen Dreischritt Sehen - Urteilen - Handeln zu denken und anzunehmen, dass diese Methode bewusst eingesetzt wurde. Wenn diese Methode den europäischen Mitverfassern auch sicher bekannt war, so spielte sie in dem Bewusstsein der Campesinos keine Rolle, zumindest nicht als theoretisches Instrument. Es ist vielmehr Bestandteil ihrer uralten Kultur, dass die erfahrbare Wirklichkeit einschließlich ihrer Widersprüche der Ausgangspunkt ist. Die Wirklichkeit muss als solche existentiell wahrgenommen werden. Diese Wahrnehmung der Wirklichkeit wird im Lichte der jeweiligen Traditionen und Kulturen interpretiert und es werden daraus praktische Konsequenzen gezogen. Neu ist nicht die Methode, neu ist vielmehr, dass die Campesinos nach einer über vierhundertjährigen Kolonialisierung nun mit der Bibel und Vamos Caminando erstmals ein Instrument in die Hand bekommen haben, um ihre Wirklichkeit revolutionär - die Dinge vom Kopf auf die Füße stellend - interpretieren zu können.

Seit der Eroberung durch die abendländische Christenheit, wurde ihnen sowohl die Wirklichkeit als auch deren Definition und Interpretation aufgezwungen, z.B. Armut als gerechte Strafe Gottes. Die Bibel wurde ihnen vorenthalten oder war ihnen nur in der kulturellen Entfremdung durch die Europäer bekannt. Auch die Konzepte ihrer vorspanischen Traditionen halfen ihnen im Kontext der mit Gewalt aufrecht erhaltenen Herrschaft nicht viel weiter, weil sie sich als ohnmächtig oder nicht mehr tragfähig erwiesen haben. Erst der direkte eigene und authentische Zugang zur Bibel konnte diesen Teufelskreis der Unterwerfung durchbrechen.

Aber auch hier ist entscheidend, auf welche Art den Campesinos die Bibel in die Hand gegeben wurde: nicht so wie Padre Valverde, der dem Inka Atahualpa die Bibel unter dem Schutz der Schwerter und dem Anspruch der Unterwerfung überreichte, sondern im Hinhören und Zusammenleben mit den Campesinos. Segundo Leíva, Leiter des Despertar: „Für uns selbst gab es nie eine Evangelisierung, die uns verständlich machte, welche Bedeutung unser Herr Jesus Christus für uns hat, und uns zeigte, wie wir Nachfolger Christi würden. Aber seit dem Erscheinen unserer Zeitung vertiefte sich die christliche Reflexion und die Bildung christlicher Gemeinschaften nahm zu, weil wir immer wacher werden und entdecken, dass wir zusammenstehen müssen, um Christ und Sohn Gottes zu sein“ (6).

Eine wichtige Rolle für die Evangelisierung spielten Illustrationen, Zeichnungen und Fotos. Bereits im Despertar wurden typische Szenen des Alltags in Zeichnungen präsentiert. Nicht nur wegen fehlender oder schlechter Lesefertigkeiten der Mehrzahl der Campesinos ist die Illustration ein wesentliches Element ihrer Kultur. Dies entspricht der Ausdrucksweise der Campesinos, für die Worte allein nicht viel bedeuten. Während es im Despertar sehr talentierte junge Campesinos waren (Leonardo Herrera, José Espíritu) (7), die mit ihren Zeichnungen den Despertar bereicherten, wurde für die Zeichnungen in Vamos Caminando eine Künstlerin aus Lima gewonnen, die ein Jahr lang bei den Campesinos lebte und aus diesen Erfahrungen heraus exklusiv für dieses Buch ihre Zeichnungen gestaltete.

Die Mehrzahl der Fotos stammt von Arturo Rojas, dem ersten Leiter des Despertar (1972 - 1976). Die Zeichnungen und Fotos machten auch auf deutsche Gruppen einen großen Eindruck. So brachte z.B. das evangelische Hilfswerk „Brot für die Welt“ eine Sammlung ausgesuchter Zeichnungen als Poster und Diaserie für Deutschland heraus, die einen großen Absatz fanden. Unter dem Titel: „Wir machen uns auf den Weg - Meditationen aus Lateinamerika“ wurde zudem eine Broschüre verbreitet, in dem auszugsweise einige Kapitel aus Vamos Caminando vorgestellt wurden (8).

Wie der Despertar spielte Vamos Caminando eine wichtige Rolle in der Alphabetisierung - weniger in direkter Weise als Unterrichtsbuch, sondern als Motivation, um Lesen und Schreiben zu lernen, sowie als Lesematerial für die zahlreichen Halbanalphabeten. An weitere Parallelen zum Despertar sei hier noch einmal explizit erinnert. Es handelt sich um denselben Kontext, dieselben handelten Akteure, dieselbe Problematik. Despertar bildet den größeren Rahmen, ist noch authentischer und unmittelbarer, weil im Despertar die Campesinos selbst noch mehr zu Wort kommen. Der Despertar ist logischerweise aktueller und kann als Zeitung gezielter auf konkrete aktuelle Probleme eingehen, Missstände anklagen und Auswege suchen.

In Vamos Caminando dagegen werden die Lebensumstände exemplarisch gezeigt und systematisiert. Auch für die Gegner der Pfarrei waren Despertar und Vamos Caminando mit Recht lediglich zwei Facetten derselben Sache. So wurde nach den Ereignissen im Mai 1978 in Bambamarca das Buch Vamos Caminando als Beweismittel für die Anstiftung von Subversion und Aufruhr an das Innenministerium nach Lima geschickt. Es sollten damit die umstürzlerischen Umtriebe ausländischer Agenten unter den Campesinos nachgewiesen werden. Rudi Eichenlaub sagte in diesem Zusammenhang: „Wie aber, wenn ein gründlicher Beamter herausfände, dass das Evangelium selbst umstürzlerische Tendenzen enthält“? (9).

Im Despertar folgten im Verlaufe des Jahres 1975 immer mehr Artikel, die in der beschriebenen Weise aktuelle Themen aufgriffen, sie interpretierten, zur Diskussion einluden und Wege in die Zukunft wiesen. Ein Element, das zu Beginn noch fehlte und dann zur Regel in Vamos Caminando wurde, ist ein abschließendes Lied oder ein Gebet, ein besinnlicher Text und zusätzlich und abschließend - gleichsam als Kommentar und Wegbegleitung („Wir gehen mit dem Herrn“) - eine weitere Bibelstelle.

Auch in diesem letzten Teil ist die Mitarbeit der Campesinos hervorzuheben. Sie texteten nicht nur Bibelstellen um, gossen sie in uralte Melodien in Tanzform, sondern sie schufen auch ganz neue Lieder, schrieben Gedichte und spielten spontan Szenen aus dem Alltag, um so ihre Wirklichkeit auszudrücken. Diese Fähigkeit der Campesinos, auf spielerische Art und Weise sich das Evangelium anzueignen und auch Szenen des Alltags exemplarisch auf den Punkt zu bringen, erleichterte schon zu Beginn der sechziger Jahre den Zugang zu den Campesinos und deren Verständnis der neuen Botschaft.

Dank glücklicher Umstände waren mit Juan Medcalf, Miguel Garnett, Rudi Eichenlaub und Manolo Sevillano in der Entstehungszeit von Despertar und Vamos Caminando professionelle Mitarbeiter in Bambamarca, die ein großes Gespür für die natürliche Kreativität und die künstlerischen Talente der Campesinos hatten. Es gelang ihnen, diese schöpferischen Kräfte nicht nur anzuregen, sondern sie dann auch in eine durchsichtige, gegliederte und verständliche Form zu bringen. Ohne die europäischen Mitarbeiter wäre Vamos Caminando - zumindest nicht so - entstanden.

Sie begleiteten nicht nur die Campesinos, sondern hatten auch die Idee, das ganze Buch durchgängig an der Person eines Hauptdarstellers festzumachen, den sie Jesus nannten. Fast alle Namen der im Buch genannten Personen und Orte sind fiktiv; dies auch deswegen, um die Leser nicht mit individuellen Schicksalen abzulenken, sondern um die exemplarische Funktion der einzelnen Geschichten herauszuheben. Dennoch handelt es sich stets um reale Geschichten und Insider konnten bestimmte Personen und Orte identifizieren.

Rudi Eichenlaub und Manolo Sevillano schreiben über die Entstehung des Buches: „Wir möchten die Entstehung von Vamos Caminando mit einem Vergleich aus unserer alltäglichen Erfahrung beschreiben, der Minga. Bei der Aussaat gibt es die gemeinschaftliche Arbeit, Minga genannt. Jeder packt auf seine Weise kräftig mit an, und in froher und schneller Arbeit wird die Aufgabe zu Ende gebracht. Wenn der Acker bestellt ist, bleibt einem nur noch das Warten und Hoffen. Für die Familie, welche die hungernden Mäuler zu stopfen hat, ist dies eine harte Zeit. Vamos Caminando entstand als Frucht einer solchen Minga. Wir sind noch ganz überrascht vom Ausmaß und dem Ergebnis unserer Anstrengung. In vielen Tagen trugen wir in ernster und fieberhafter Arbeit zusammen, was wir selbst erlebt und was andere uns berichtet hatten.

Wir griffen Ideen auf und ließen unterschiedliche Meinungen zu Wort kommen. Wir sammelten oder komponierten Lieder, fotografierten oder suchten Zeichnungen und Fotos aus, überarbeiteten Seite für Seite in unendlichen Zusammenkünften mit vielen verschiedenen Gruppen von Campesinos. Und trotz allem, wie könnten wir den Anspruch erheben, dass wir unserer Wirklichkeit auf dem Land und außerhalb gerecht geworden wären oder der ganzen, befreienden Botschaft Jesu?

Auch wenn wir zweifellos auf die Fertigstellung und Ausrichtung des Buches einen großen Einfluss hatten, Tatsache ist, dass es unsere verantwortlichen Campesinos von Anfang an als ihre Sache angesehen haben. Sie reden von ‚unserem Buch‘, sie finden darin ihr Milieu, ihre Gegend und ihre Sprache wieder. Viele merken, dass in dem Buch, wenn auch unter anderem Namen, das drin steht, was sie selbst erlebt oder wozu sie ihre Ideen und Verbesserungen beigetragen haben. Sie entdecken sich oder ihre Bekannten auf einem der Fotos. Sie erkennen die Lieder wieder, die sie selbst komponiert haben“ (10).

Nach einer Revision durch die Campesinos, stets im praktischen Test, in der Arbeit mit Gruppen und der Auswertung von Erfahrungen, die Katecheten mit den Texten gemacht haben, war die Arbeit aber noch nicht vollendet. Eine vorläufige Textsammlung wurde an hundert verschiedene auswärtige Gruppen in ganz Peru und an berufene Kritiker geschickt. Das Echo war ermutigend groß, es liefen etwa sechzig Antworten ein: meist gut begründete Kritiken, auch Erweiterungen und neue Gesichtspunkte. Besonders wertvoll war die ausführliche Rezension einer peruanischen Theologengruppe in Lima. Danach wurden alle Kapitel noch einmal gründlich überarbeitet, der Umfang und die Zahl der Themen wurden erweitert.

Struktur, Anliegen und Wirkung nach außen

Das ganze Buch folgt in seinem Gesamtaufbau dem Beispiel der 177 Einzelkapitel, die wiederum in fünfzehn Einheiten zusammengefasst sind. In jedem einzelnen Kapitel sind be- reits die Konzeption und das Anliegen des gesamten Buches enthalten. Zunächst befassen sich die ersten fünf Einheiten mit der Wirklichkeit und dem Alltag der Campesinos. Diese Wirklichkeit wird in den nachfolgenden Einheiten im Lichte der Heilsgeschichte gedeutet, zu- erst mit zwei Einheiten (6, 7) über das AT und danach anhand des NT - von der Geburt Jesu (Einheit 8) bis zur Auferstehung (Einheit 12). Der letzte Teil schließlich handelt von der sich daraus ergebenden Praxis, von der Kirche und den Sakramenten (Einheiten 13 - 15). So wie bereits in der ersten Einheit immer auch der Bezug zur Bibel hergestellt wird, so ist bis zum letzten Kapitel über die Sakramente der Bezug zur Wirklichkeit immer gegeben.

Wenn es auch durchaus zu Beginn der Entstehungsgeschichte von Vamos Caminando ein Anliegen war, einen Katechismus zu schreiben, ein Glaubensbuch, das auch Antworten auf immer wiederkehrende Fragen gibt und den Katecheten eine gewisse Sicherheit geben sollte, so kann Vamos Caminando in keiner Weise mit einem üblichen Katechismus verglichen werden. Es war zu keinem Zeitpunkt die Absicht der Verfasser, ein Buch zu schreiben, das alle Glaubenswahrheiten enthält. Daher wäre es leicht, auf Versäumnisse und Unterlassungen hinzuweisen, um damit „nachweisen“ zu können, dass hier nicht der „ganze Glaube“ der Kirche verkündet wird. Es enthält aber sowohl die Leiden, Ängste und Hoffnungen der Campesinos von Bambamarca als auch die Erfahrungen, die sie mit Jesus und dem auferstandenen Christus gemacht haben.

Noch vor Fertigstellung des Buches schreiben Miguel Garnett und Rudi Eichenlaub im Mai 1976 an Freunde in Deutschland: „Ein solches Glaubensbuch wird ein wichtiger Schritt vorwärts sein, hin zu dem, was unser Bischof für notwendig erachtet: eine Kirche der Laien in den Anden. Es könnte ein wichtiger Schritt vorwärts in der Geschichte des Christentums sein. Der Klerikalismus hat die Kirche schon mehr als einmal von der Umkehr zurückgehalten; es ist naiv zu denken, dass der Klerikalismus schon abgewendet ist. Vielleicht ist es gut so, dass wir hier in Cajamarca weithin ohne Priester sind. Denn so sind wir gezwungen, eine Kirche zu bauen, die in der Lage ist, auch ohne die Mithilfe der Kleriker eine lebendige Kirche zu sein. Wir setzen dabei voraus, dass unsere Kirche hier so einfach und arm ist, wie die einst von Paulus in Korinth gegründete Kirche. Wir müssen heute der Ar- mut der Korinther dankbar sein, denn sie war es, die Paulus anregte, ihnen zu schreiben und uns so eine wertvolle Schrift zu hinterlassen“ (11).

Vamos Caminando wurde bald in ganz Peru und darüber hinaus bekannt, was aber nicht auch heißt, dass es in vielen Gemeinden und Gemeinschaften in Peru benutzt wurde. Auch hatte das Buch Auswirkungen auf die Theologie der Befreiung insgesamt: „Vamos Caminando ist die erste reife Frucht einer Theologie, die ihre Grundlagen aus der Bibel bezieht. So wird eines der fruchtbarsten Momente aus der frühkirchlichen Tradition zurück gewonnen, für die es keine echte Theologie gab, die nicht in direkter Weise eine Vermittlung des Wortes Gottes war“ (12).  Man kann es auch anders herum formulieren: die Theologie der Befreiung ist die Frucht einer befreiender Praxis, wie sie z.B. in Bambamarca seit 1962 entstanden ist.

Bischof Dammert sorgte dafür, dass Vamos Caminando bald auch in Rom Aufmerksamkeit erregte. Während der Römischen Bischofssynode „Die Katechese in der Welt von heute“ machte er am 3. Oktober 1977 eine Eingabe, in der er Vamos Caminando erwähnt. Das folgende Zitat zeigt noch einmal zusammenfassend den Gesamtkontext (Makrokontext) auf, von dem her Vamos Caminando eingeordnet und verstanden werden muss. Der Mikrokontext ist die bereits geschilderte Situation in Bambamarca.

„In der Diözese Cajamarca wird seit fünfzehn Jahren in der katechetischen Erwachsenenbildung gearbeitet. Gleichzeitig werden neben der Verkündigung des Evangeliums, gottesdienstliche Aufgaben von den Campesinos übernommen, die nicht speziell priesterliche Aufgaben sind. Die Campesinos leiten die Zusammenkünfte der Gemeinde, wenn kein Priester anwesend ist. Dieser kann die zu seiner Pfarrei gehörenden Comunidades im Allgemeinen nur einmal im Jahr besuchen. Die Katecheten bereiten die Eltern und die Taufpaten auf die Taufe und die Firmung vor.

Sie spenden die Taufe selbst oder assistieren bei der Taufe, sie sprechen die Totengebete bei der Beerdigung und unterstützen sogar die religiöse Unterweisung der Kinder, wenn der Lehrer es nicht gut gemacht hat. Diese Arbeit, die in einer Pfarrei begonnen wurde, hat sich auch auf andere Pfarreien ausgedehnt, und daraus entstand ein Buch (‚Vamos Caminando‘) zur Unterweisung im Glauben und mit dem Ziel, dass es von Gruppen gebraucht werden kann, die von Katecheten geleitet werden. Das ist eine liturgisch - katechetische Aktion, welche die Unterweisung in den christlichen Ländern ergänzt und die Fehler korrigiert, die bei der Unterweisung in den christlichen Ländern gemacht werden“ (13).

In einer 2. Eingabe an die Synode (17. 10. 1977) zitiert er das Dokument der peruanischen Bischofskonferenz vom Januar 1973, Evangelisierung: „Das Evangelium, das wahrheitsgetreu einem unterdrückten Menschen gepredigt wird, schließt notwendigerweise eine Bewusstseinsbildung ein, d.h. es trägt dazu bei, dass der Betreffende den Wert seiner Person und seine Würde als Kind Gottes erkennt. Eine solche Verkündigung trägt aber auch dazu bei, dass er erkennt, wie sehr er ausgebeutet und ungerecht behandelt wird; er erkennt seine Lage mit all den wirtschaftlichen, sozialen und politischen Unvereinbarkeiten, und er versucht, gegen diese Situation anzugehen, ‚mit Mitteln, die mit dem Evangelium in Einklang stehen‘.“ (14)

Rezeption

„Seit Jahrhunderten überqueren theologische Werke und auch Gebetbücher den Atlantischen Ozean. Sie kommen aus der Alten Welt in die Neue Welt, um die Einheimischen zu bilden und ihre Seelen zu Gott zu erheben. Unter der Mithilfe einiger pastoraler Mitarbeiter, vor allem aber von Katecheten, die selbst Campesinos sind, entstand das Buch ‚Vamos Caminando‘, das jetzt den Weg der Gegenrichtung geht. Angeboten wird es den Christen von Deutschland, das so voll von theologischer Kultur ist. Die schlichten Aussagen dieses Buches sind das Ergebnis von Reflexion und Gebet einfacher Campesinos, die ihr Christsein in Berichten und Liedern zum Ausdruck bringen. Vielleicht werden sie Anstoß erregen bei Leuten, die in einer anderen Kulturwelt aufgewachsen sind. Doch ihre Aussagen haben nichts anderes gewollt, als das Gedankengut von Katholiken auszudrücken, die Gott im ‚Geist und in der Wahrheit‘ anbeten“ (15).

Schon in der Entstehungsphase von Vamos Caminando kam der Gedanke auf, das Ergebnis dieser Minga aus Bambamarca auch in Deutschland bekannt zu machen. Es war den Herausgebern bewusst, dass dieses Buch Anstoß erregen kann. Um etwas anzustoßen, wurde es dann auch übersetzt und in Deutschland veröffentlicht. Hauptmotiv war, die Glaubenserfahrungen der Campesinos in Deutschland bekannt zu machen, um einen Prozess anzustoßen bzw. zu unterstützen, der sowohl die bisherige Glaubens- und Kirchenpraxis kreativ in Frage stellt, als auch die weltwirtschaftlichen Zusammenhänge aufzeigt.

Die Herausgeber der deutschen Fassung schreiben im Vorwort zur deutschen Ausgabe: „Die unterschiedliche sozio- kulturelle Lebenswelt hier und dort lassen eine unmittelbare Übertragung und ein naives Umsetzen von Vamos Caminando auf unsere Verhältnisse nicht zu. Vamos Caminando ist für uns allerdings eine Herausforderung, die Wirklichkeit aus dem Blickwinkel der Opfer unserer reichen Gesellschaft zu sehen und von unten her gemeinsam zu fragen, zu sprechen und zu handeln... Trotz der unterschiedlichen soziokulturellen Lebenswelt, in der die Campesinos dort und wir hier stehen, sind beide Welten durch den einen Weltmarkt miteinander verknüpft, der jene Länder zu unseren Gunsten ausbeutet“ (16).

Die treibenden Kräfte einer Übersetzung von Vamos Caminando und der damit erhofften positiven Auswirkungen waren Norbert Lauer und Bernhard Hergl, beide Neffen von Alois und Rudi Eichenlaub. Sie hatten 1976 als Theologiestudenten Peru besucht und das Leben der Campesinos ebenso wie die Arbeit der Mitarbeiter Bischof Dammerts hautnah miterlebt. Sie ließen sich von der Kraft des Glaubens armer Menschen begeistern und sie wurden von der Vision einer Kirche der Armen angesteckt. Zurück in Deutschland war es ihr erstes Anliegen, etwas von dieser Begeisterung mit anderen zu teilen und etwas zu bewegen. Es lag nahe, das in Cajamarca gerade entstehende Glaubensbuch als Ausgangspunkt und Vehikel für ihre Absichten zu nutzen, weil ihrer Meinung nach in diesem Buch das authentisch zur Sprache kommt, um was es im Glauben ging. Sie gründeten die „Gruppe Bambamarca“ in Tübingen. Diese Gruppe war es auch, die dann federführend in der Übertragung - nicht nur im sprachlichen Sinne - von Vamos Caminando war.

Da es nicht nur um die sprachliche Übersetzung ging, sondern um ein Anstoßen von Prozessen, ergab sich ein Problem. Ein gleiches Vorgehen wie bei der Entstehung des Buches in Bambamarca war nicht möglich. Denn Vamos Caminando stand am Ende einer Entstehungsgeschichte und entstand aus konkreten Aktionen und Erfahrungen. Dies war bei den Übersetzern (noch) nicht der Fall. In einem Vorbereitungstreffen kommen sie zu dem Schluss: „Deshalb können wir nicht leicht anfangen (mit der Übersetzung), ohne selbst Erfahrungen gemacht zu haben“ (17).

Sie hatten als Theologiestudenten auch keine praktischen Erfahrungen mit der Umsetzung dessen, was man in Vamos Caminando als so attraktiv erkannt hat, nämlich die Einheit von Glaube und Leben und von Theorie und Praxis. Eine weitere Schwierigkeit, um von den Erfahrungen der Campesinos lernen zu können war, dass es für die Beteiligten ungewohnt war, in persönlicher Form über den eigenen Glauben zu reden. Häufiges Thema in der Gruppe - und auch bei Treffen mit anderen Interessierten - war, was man bei uns tun und verändern müsste bzw. könnte. So kam man z.B. zu folgendem Ergebnis aus einer solchen Diskussion: „Das Hauptproblem, die Umverteilung der Güter, kann nicht von uns gelöst werden. Der Denkprozess kann vorerst nur in persönlichen Alternativen, z.B. in einem alternativen Lebensstil begonnen werden. Wenn eine Sozialarbeiterin auf ein Auto verzichtet, werden viele Leute zumindest nachdenklich. Kann man in Deutschland auf ein Auto ganz verzichten“? (18).

Von vorne herein bestand die Absicht, kein fertiges Buch, sondern eine in drei Teile aufgegliederte Arbeitsmappe (DIN A 4 - Ringbuch) mit herausnehmbaren Blättern herauszubringen: Der erste Teil mit Vorwort, Einleitung, Begründung für eine Übertragung ins Deutsche etc.; der zweite Teil mit einigen ausgewählten Einheiten; der dritte Teil mit eigenen Erfahrungsberichten. In einem weiterem Vorbereitungstreffen der beteiligten Gruppen hatten zwar alle ihre Hausaufgaben gemacht - nur für den dritten Teil lag nichts vor. So einigte man sich darauf, den dritten Teil einfach offen zu lassen. „Vielleicht könnte man einfach zwanzig leere Blätter ins Buch einlegen und am Schluss in einer Notiz darauf hinweisen, dass das Buch nicht zu Ende sei und in entsprechender Weise damit weitergearbeitet werden sollte“ (19).

Das Ringbuch (Arbeitsmappe im Selbstverlag) stieß in Deutschland auf großes Interesse, die 2.000 Exemplare der ersten Ausgabe waren bald vergriffen. Nach einer zweiten Ausgabe entschied man sich für eine dritte Ausgabe - nun als Buch und in vollständiger Übersetzung und begleitenden Kommentaren der Herausgeber und einiger Theologen. Einer der Theologen, Norbert Mette, gibt dem Buch mit auf den Weg: „Mit einer Verbreitung von Vamos Caminando im deutschsprachigen Raum verbindet sich darum die Hoffnung, dass auch hier eine Bewegung an der ‚Basis‘ in Gang kommt, die das Gesicht der Kirche in anderen Ländern bereits gewaltig hat verändern lassen.

Eine deutsche Übersetzung von Vamos Caminando kostet seinen Preis, der nicht in der Art von üblichen Publikationen abgegolten werden kann: Die Campesinos von Bambamarca haben einen Anspruch darauf, in nicht allzu ferner Zeit einen im deutschsprachigen Raum entstandenen Katechismus ‚Machen wir uns auf den Weg!’ lesen zu dürfen. Dass damit eine tief greifende Änderung sowohl ihrer als auch unserer Lebenssituation einher gehen muss, braucht nicht eigens betont zu werden“ (20).

Trotz dieser noch ausstehenden Hypothek bleibt die Herausforderung bestehen und sie ist dringender als je zuvor - gleichzeitig aber weit weniger realistisch geworden, als man damals erhoffte. Deutschen Gruppen und Gemeinden fällt es schwer, die Stimme der Armen zu hören und zu deuten. In Anlehnung an M. Ramminger lässt sich feststellen, dass dies vor allem daran liegt, dass zwar Schriften wie das „Evangelium der Bauern von Solentiname“ und "Vamos Caminando" bei Menschen, die in Deutschland von einer Erneuerung der Kirche träumten, viel Aufmerksamkeit oder gar Begeisterung hervorriefen. Doch man kann die in den Schriften kondensierten Erfahrungen nicht übernehmen, wenn man nicht wie die Campesinos existentiell betroffen ist und die Verhältnisse, die zu einem Glaubensbuch wie Vamos Caminando führte, gar nicht richtig wahrnehmen kann oder diese gleich völlig ignoriert.

„Deshalb wurde dieser Ausdruck von Befreiungstheologie, zu dem auch Vamos Caminando gehört, häufig unkontextuell rezipiert. In verschiedenen Veröffentlichungen - auch auf dem grauen Markt der Broschüren und Mitteilungsblätter christlicher Dritte-Welt-Gruppen und anderer linksliberal- christlicher Zusammenhänge - stößt man immer wieder auf unkommentierte Auszüge aus Vamos Caminando, dem Evangelium der Bauern von Solentiname und anderen liturgischen und literarischen Texten lateinamerikanischer Befreiungstheologen und Basisgemeinden. Gerade dies ist ein Ausdruck eines bestimmten Rezeptionsinteresses, das sich um die ‚Sozialform’ Basisgemeinde bewegte... während die Erfahrungen des politischen Kampfes in ihrer theologisch und liturgisch nicht reflektierten Alltäglichkeit undokumentiert und deshalb unsichtbar blieben“ (21).

Josef Estermann weist auf eine weitere Schwierigkeit hin. Erst spricht er von der andinen Kosmovision und dann von dem Bemühen mancher Europäer, die eigene Zerrissenheit zu überwinden und zur ursprünglichen Ganzheit zurückzufinden, auch im Glauben. „In Europa besteht ein großer Hunger nach Ganzheit. Das ist verständlich, weil der Europäer durch die Aufklärung und die technologische Revolution amputiert wurde. Er hat eine Seite seines Wesens überentwickelt, und die andere Seite reduziert. Die Frage ist nun: Kann man diese Ganzheit importieren? Ich glaube, nein. Es wäre nur eine neue Form der Ausbeutung, wie dies schon im ökologischen und spirituellen Tourismus in Peru zu sehen ist. Man beutet mit simplen Rezepten eine Weisheit aus, ohne die täglichen Anstrengungen und in diesem Rhythmus zu leben, die Teil dieser Weisheit sind. Diesen Rhythmus zu akzeptieren würde bedeuten, das andine Leben über Jahre hinweg zu teilen und nicht nur über einige Monate, um geistige Energien zu tanken“ (22).

Die vorschnelle Einordnung solcher Werke wie Vamos Caminando und die Beharrlichkeit der „parochial geprägten Mentalität“ und des „internalisierten Klerikalismus“ (Steinkamp) in den deutschen Gemeinden erschwerte zudem eine fruchtbarere Rezeption von Vamos Caminando. Noch wichtiger erscheint mir aber, dass weder Theologie noch Gemeinden in der Lage waren, eigene Befreiungsprozesse in Deutschland zu wagen, bzw. überhaupt die Notwendigkeit solcher Prozesse zu erkennen.

Der eigene Standort konnte oder wollte nicht hinreichend wirtschaftlich und theologisch analysiert werden, daher war es schwer, zu einer entsprechenden Praxis zu finden. Wenn man dagegen von der Einen Kirche als einer globalen Gemeinde ausgeht, kann man mit den Armen zusammen den globalen Kontext mit seinen konkreten lokalen Auswirkungen sehen und seinen jeweiligen Standort darin erkennen. Nicht nur ein Wechsel der Perspektive, sondern ein Wechsel des Standorts (das, was mit der Option für die Armen und Umkehr gemeint ist), ist gefordert.

Angeregt durch befreiende Erfahrungen der Armen könnten dann auch in reichen Gemeinden und Theologie befreiende Lernprozesse für das eigene Leben in Gang kommen. Für deutsche Christen und Gemeinden geht es nicht zuerst darum, die Armut in der Dritten Welt zu bekämpfen, sondern darum, in der eigenen Gesellschaft, aus der Perspektive der Opfer, die Mechanismen der Globalisierung zu entdecken, sie als Götzendienst zu entlarven und befreiende Alternativen zu entwickeln. Partnerschaften (im eingeführten Sinne) können dazu beitragen, die Augen zu öffnen und zu sehen. Aufgrund kirchenpolitischer Entwicklungen weltweit, sowohl in Deutschland als auch in Peru, scheint es heute noch viel schwerer geworden zu sein, das hier Geforderte in Angriff nehmen zu können. Schon der erste Schritt scheint zunehmend schwerer zu werden: die Campesinos überhaupt wahrzunehmen und zu hören. Wenn die Stimme der Campesinos heute noch weniger als in den letzten Jahrzehnten gehört wird, können dafür fünf Gründe genannt werden:

  1. Der weltweite Siegeszug des Totalen Marktes, in der die „Indios dieser Welt“ mehr als je zuvor nur als unnötiger Ballast vorkommen - wenn überhaupt noch.
  2. Die uniformierte Beliebigkeit einer weltweiten Kommunikationsgesellschaft und Postmoderne und eine damit einhergehende Beliebigkeit von Moral und Ethik.
  3. Die zunehmende Autozentrik von Gruppen und Einzelnen (Orientierung am eigenen und augenblicklichen Wohlbefinden) bei gleichzeitigem Zerlegen persönlicher und gesellschaftlicher Lebensbereiche in nicht mehr zusammenhängende und verstehbare Einzelteile (Atomisierung).
  4. Die Rückkehr autoritärer Strukturen von Befehl und Gehorsam innerhalb des kirchlichen Apparats, dessen Verrechtlichung und Abschottung vom realen Leben.
  5. Die Sprachlosigkeit einer wortreichen Verkündigung und einer elitären Theologie, die ihre Bedeutung in der Gesellschaft verloren hat und sich vorrangig um sich selbst dreht.

Für die Campesinos von Bambamarca ist es heute der größte Wunsch, nicht vergessen zu werden. Durch das Vergessen befreiender Erfahrungen wird eine vorkonziliare Kirche und autoritäre Gesellschaft gestützt und ermutigt - hier und dort.

Auseinandersetzung um Vamos Caminando

Ein konkretes Beispiel zeigt, wie das Glaubenszeugnis der Campesinos und ihre Praxis von kirchlichen Amtsträgern wahrgenommen wird. In seiner Osterpredigt 1979 im Münchener Liebfrauendom, kommt der damalige Erzbischof von München und Freising, Kardinal Ratzinger, auf die Theologie der Befreiung zu sprechen. „Und endlich ist die Auferstehung Jesu Christi das Bekenntnis zum Vorrang der Liebe und des Lebens gegenüber den Strategien des Klassenkampfes und einer Bewusstseinsbildung, die auf die Weckung des Neides abzielt, was beides Strategien des Todes sind.

In einem Katechismus der Befreiungstheologie habe ich eine theatralische Darstellung von Tod und Auferstehung Jesu gelesen, das zum Mit- und Nachspielen einlädt und so aussieht: Da ist zuerst der Leichnam Jesu mit einem schwarzen Tuch bedeckt. Man ist um ihn versammelt, trauert und klagt. Aber dann wird das schwarze Tuch weggerissen und durch ein rotes ersetzt, und man beginnt zu tanzen und zu sagen: Der Tod ist nicht das Ende, wir werden Rache nehmen und wir werden siegen. Dies ist nicht die Auferstehung Jesu Christi. Sie ist nicht ein Kulissenwechsel. Und die Auferstehung ist nicht der Feuerstein, aus dem man das Feuer des Hasses schlagen kann. Jesus Christus ist nicht gegen jemand gestorben, sondern für alle. Und sein Blut fordert nicht Rache, sondern Versöhnung und Liebe. Seine Auferstehung ist die Person gewordene Wahrheit des Satzes: die Liebe ist stärker als der Tod“ (23).

In Publik-Forum Nr. 10, 8. Jahrgang vom 18. 5. 1979, wird unter dem Titel „Schaut, das rote Tuch“ als Antwort auf Ratzinger ein Text von Horst Goldstein veröffentlicht. Darin heißt es: "Auf eine schriftliche Anfrage hin, wurde mit Datum vom 27. 4. 1979 durch den Erzbischöflichen Sekretär mitgeteilt, dass der Kardinal von dem Text ausgegangen war, der einem Katechismus der Befreiungstheologie entnommen und in einer der letzten Nummern von Publik-Forum veröffentlicht worden war’. Die Formulierungen des Herrn Kardinals lassen keinen Zweifel daran, dass dieser nun ein fleißiger Publik-Forum-Leser geworden ist, nachdem er einmal mitteilen ließ, dieses Blatt nicht zu lesen. Denn er bezieht sich in seiner Kritik auf den Publik-Forum-Sonderdruck ‚Kampf und Triumph Jesu: der Weg ist frei’ (Nr. 7/79). Wer nun aber diesen - dem nordperuanischen Glaubensbuch von Landarbeitern und für Landarbeiter ‚Vamos Caminando’ entnommenen Text liest, ist überrascht. Denn dort liest er (24):

„Schon war der Jahrestag des Todes von Jesus Flores gekommen. Seine Familie hatte Trauer getragen, und jetzt wollen sie, wie es Brauch ist, die Trauer ablegen. Alles ist zur Feier gerüstet. An einer Wand des Hauses hängt ein schwarzes Tuch mit einem weißen Kreuz. Dahinter ist nicht sichtbar ein rotes Tuch. Aus der Küche dringt der kräftige Geruch von Eukalyptus, denn schon seit Stunden haben Tomasa Cubas und einige andere Frauen aus der Familie für das Festessen gekocht. Das Haus wird allmählich voll. Sie beten den Rosenkranz. Und dann plötzlich der Ruf: Weg mit dem schwarzen Tuch, weg! Ja, schaut, da ist das rote Tuch! Musik, Musik! Ja, wir wollen tanzen! Und wir wollen fröhlich sein! Jemand meint: Wir können dieses Fest feiern, weil wir Jesus Flores in seinem Einsatz nachfolgen. Er bleibt mit uns in unseren Kämpfen... Jede gute Sache im Leben, jeder Sieg der Liebe über den Hass, der Gerechtigkeit und Brüderlichkeit über die Ausbeutung, der Einheit über die Zwietracht, gibt Zeugnis für die Auferstehung Jesu in unserem Leben".

Wer nun diesen Text liest, macht folgende Beobachtungen:

  1. Der Begriff Rache kommt weder wörtlich noch in der Tendenz vor.
  2. Zum Stichwort Hass heißt es: ‚Jeder Sieg der Liebe über den Hass... gibt Zeugnis für die Auferstehung Jesu in unserem Leben’.
  3. Statt von ‚Wecken des Neides’ liest man: ‚um zu befreien, müssen wir unsere Selbstsucht ganz töten, sonst wird es immer wieder Ausbeutung geben’. Ein Vergleich der deutschen Wiedergabe mit dem spanischsprachigen Original zeigt, dass auch von der peruanischen Version her die drei Beobachtungen bestätigt werden“ (25).

Nachdem Hans Hillenbrand im Auftrag Bischof Dammerts gegen das falsche Zitieren und die Inanspruchnahme des Glaubensbuches für bestimmte Zwecke und Interessen in einem nicht öffentlichen Brief vom 4. 7. 1979 an Kardinal Ratzinger protestiert hatte, antwortete der Kardinal in einem persönlichen Brief (28. 7. 1979) (26).

  1. „Meine Osterpredigt ist außerhalb Münchens nur durch vage Gerüchte bekannt gemacht worden. Die Quelle, die Sie offenbar benutzt haben, hat diese Gerüchte in einer Form ausgebaut, in der die Tendenz auf Diffamierung meiner Person unverkennbar ist.
  2. Ich habe weder das schwarze noch das rote Tuch kritisiert, kritisiert habe ich zweierlei an dem betreffenden Text: a) das Fehlen eines konkreten Bekenntnisses zur leiblichen Auferstehung Jesu Christi; b) die Politisierung des Reich-Gottes-Begriffes und die Tendenz zur Gewalt. Daran habe ich nichts zu ändern.
  3.  ... Bei meinem letzten Besuch in Südamerika hat mich Kardinal Landázuri von Lima geradezu beschwörend gebeten, wir möchten doch in Europa endlich einsehen, dass Kirche und Theologie in Lateinamerika in einer lebensgefährlichen Auseinandersetzung mit dem Marxismus stehen, deren Ernst gar nicht radikal genug einzuschätzen ist. Ähnliches haben mir auch viele andere Bischöfe und Kardinäle auf die Seele gebunden.
  4. Die Befreiungstheologie ist kein amerikanisches Produkt, sondern der ganzen Tradition der lateinamerikanischen Kirche zutiefst fremd. Eine ‚Theologie’, die so sehr rationalistisch denkt und so sehr den Menschen der Ökonomie unterordnet, bedeutet die wirkliche Versklavung aller fremden Kulturen unter die Diktatur einer einzigen als normativ sich ausgebenden, die unter Missbrauch eines bestimmten Typs von intellektueller Überlegenheit den anderen ihr eigenes Recht nimmt und sich dann noch dreist als deren eigene Aussage aufspielt.
  5. Ich habe nun noch zwei Fragen an Sie: a) Sie sagen, ‚man’ habe Ihnen gesagt, es bestehe wenig Aussicht, dass dieser Brief in meine Hände gelangt. Da diese Behauptung ihre Heimat gewiss nicht in Lateinamerika haben kann würde mich interessieren, wer sich hinter ‚man’ verbirgt; b) Sie sagen der ‚Vorfall’ sei unter Hunderten von Campesinos bekannt geworden. Da die Campesinos gewiss keine deutschen Pamphlete lesen, würde mich interessieren, wer es für nötig hielt, ungeklärte Gerüchte unter ihnen als Tatsachen zu verbreiten“ (27).

Hans Hillenbrand antwortete am 12. August 1979, ebenfalls in einem nicht öffentlichen Brief: „Zunächst zu den Informationsquellen: sagen wir es klar: Die ersten Nachrichten kamen über Publik-Forum, was uns aber noch nicht zum Reagieren brachte. Dann aber kamen Briefe von Gottesdienstbesuchern, die Ihre Predigt gehört hatten. In und um München leben eine ganze Menge kirchlicher und staatlicher Entwicklungshelfer, die hier gearbeitet haben und mit uns hier noch in sehr regem Kontakt stehen. Sie selbst, Familienangehörige und Freunde hatten das Rad ins Rollen gebracht. Sogar von Ekuador, was ja Patenland zu Ihrer Diözese ist, und wo ebenfalls unser Glaubensbuch verbreitet ist, bekamen wir Briefe. Daher auch die Kenntnis des Vorfalls unter den Campesinos. Ich habe leider Angst (Sie können mich feige nennen!), Ihnen die Namen der deutschen Freunde mitzuteilen, weil Ihre Formulierungen in Punkt 1 befürchten lassen, Sie könnten vielleicht sogar gerichtliche Schritte gegen diese Personen unternehmen. Ich bat die betreffenden Personen aber, mit Ihnen Kontakt aufzunehmen.

Was den Punkt 2 Ihres Briefes betrifft, so muss ich sagen, dass die biblische Formulierung (Mk 16.6) ‚Ha resucitado’ dreimal in dem umstrittenen Kapitel vorkommt. Bisher haben wir noch niemanden hier getroffen, der diese Formulierung als eine Negierung der leiblichen Auferstehung Christi verstanden hätte, was der Welt der Campesinos in ihrer Realitätsgebundenheit auch total fremd wäre. Übertragen Sie mit Ihrer Kritik nicht Fragestellungen Ihrer deutschen Welt zu schnell auf hiesige Verhältnisse? Den anderen Vorwurf vom ‚politischen Reich Gottes’: Im ganzen Kapitel ist weder vom Reich Gottes noch von einer expliziten oder im- pliziten Politisierung die Rede. Vielleicht gibt es in Deutschland eine ‚Piratenausgabe’, gegen die wir von hier aus vorgehen müssten! Ich weiß also nicht, aus welchen Sätzen oder Worten Sie Ihren Vorwurf hernehmen.

Zu Punkt drei hätte ich zu viel zu bemerken, was brieflich einfach unmöglich ist. Hier nur das: Kardinal Landázuri kennen wir sehr gut und wir schätzen ihn sehr. Er betont immer wieder, dass der Grund der ‚Marxismusmöglichkeit’ aus der Welt geschafft werden muss: die Armut, die Ungerechtigkeit und die Unfreiheit. Das Dokument der peruanischen Bischöfe für Puebla enthält dafür eine Menge Zitate. Um Medellín, Puebla und den peruanischen Bischofsdokumenten gerecht zu werden, hätten wir noch viel radikaler schreiben müssen. Haben Sie Angst, diese ‚Hintermänner’ anzugreifen?

Zu Punkt 4 bedauere ich, dass Sie wieder in die Eingleisigkeit einer Theologie zurückgefallen sind, die Sie ja zuvor selber verworfen hatten. Zur Frage der Geschichte der Theologien der Befreiung gibt es inzwischen eine Menge wissenschaftlichen Materials, das Ihre Behauptung, ‚sie seien europäischen Ursprungs’ in Zweifel zieht… Ich selbst bedauere es, dass in der Diskussion zu viele aggressive Dimensionen mitschwingen, die ich für nicht christlich halte und für die ich, wenn sie von meiner Seite kommen, um Entschuldigung bitte. Meine Gedanken wollen neben der Disconformidad zu Ihren Ideen immer die Hochschätzung für Ihre Person beibehalten, die noch aus der Konzilszeit herrührt“.

Im Kontext dieser Arbeit über den Glauben und die Kirche der Menschen von Cajamarca wird deutlich, wie die Ausführungen und das Vorgehen von Kardinal Ratzinger zu bewerten sind und welchen jeweiligen Standort sie verdeutlichen. Sie umfassen das gesamte übliche Instrumentarium und die gesamte Palette aller Vorwürfe und bewusster Verdrehungen gegen eine Praxis, die ausgehend von der Botschaft Jesu die Menschen auf Gott und die Gemeinschaft hin öffnet. Es soll aber ausgehend von den Ausführungen und Deutungen Ratzingers wenigstens noch einmal auf dieses übliche Instrumentarium hingewiesen werden.

  •  Ratzinger reagiert auf eine sachliche Aufzählung von Fakten mit dem Vorwurf persönlicher Diffamierung und Verleumdung. Er unterstellt dem anderen Motive, von denen er wohl selbst geleitet wird. Er geht auch nicht darauf ein, dass er es ist, der falsch zitiert hat und der falsche Behauptungen aufstellt. Er stellt die Campesinos an den Pranger, verhöhnt ihren Glauben an Jesus Christus und legt ein falsches Zeugnis wider sie ab. Während dies für Campesinos tödlich sein kann, fühlt sich der Kardinal persönlich diffamiert, wenn man ihn auf sachliche Fehler aufmerksam macht. Er spricht von Pamphleten und Gerüchten, statt zu dem zu stehen, was er wirklich gesagt hat. Ein solches Verhalten ist unmenschlich und unchristlich.
  • Zur leiblichen Auferstehung: H. Hillenbrand weist schon darauf hin, dass der betreffende Vorwurf völlig an der Realität vorbei geht. Doch dahinter steckt mehr. Das scheinbare Beharren auf dogmatischer Rechtgläubigkeit verdeckt, dass Ratzinger und die Kirche, für die er steht, in ihrer konkreten Praxis gerade diese Leiblichkeit Jesu und des Menschen stets bekämpfen oder zumindest ignorieren - spätestens seit den Zeiten von Augustinus und mit verheerenden Folgen vor allem für Frauen. Er ignoriert damit auch den realen Kontext der Campesinos und die Menschwerdung Gottes in ihrer Mitte. Diese Welt- und Leibfeindlichkeit hatte in der Geschichte und bis heute verheerende Folgen, auf die hier nicht eingegangen werden muss. Ratzinger leugnet de facto zentrale Glaubensinhalte der Kirche.
  • Der Vorwurf der Politisierung und der damit verbundenen Kritik von einer Vermischung oder Verwechslung von Religion und Politik ist eine völlige Verdrehung der Tatsachen. Während der Papst Menschen heilig spricht, die den Massenmord an Zivilisten als „Beitrag zur größeren Ehre Gottes“ (so der Gründer Opus Dei zu den über 200.000 Opfern des spanischen Bürgerkrieges) bezeichnen, werden die Opfer auch noch verurteilt, wenn sie sich gegen eine solche Politik verteidigen wollen und Missstände anprangern.
  • Die in Peru sehr geachtete und respektierte Autorität von Kardinal Landázuri wird für die Durchsetzung eigener Interessen in Anspruch genommen. Bischof Dammert berichtet von einem diesbezüglichen Gespräch mit Kardinal Landázuri, in dem dieser erklärte, dass er wohl von Ratzinger falsch verstanden wurde. Selbst wenn man Ratzinger keine böse Absicht unterstellen möchte - was unwahrscheinlich ist -  dann ist festzustellen, dass er selbst in persönlichen Gesprächen nur das herauszuhören scheint, was er schon immer unterstellt und vermutet hat - unabhängig davon, was der Gesprächspartner wirklich gesagt hat. Der Marxismusvorwurf an die Theologie der Befreiung erwies sich zudem bald als bloßer Vorwand, um alle die zum Schweigen zu bringen, die eine „Kirche des Volkes“ forderten und die auch die wirtschaftlichen Privilegien einer Minderheit in Frage stellten, die also wirklich an Inkarnation und leibliche Auferstehung - an die Ganzheit des Menschen - glauben. Landázuri, Dammert u.a. betonten immer, dass das Elend, die herrschende Ungerechtigkeit (auch weltweit) etc. die größte Gefahr für die Menschen in Peru darstellen. Im Übrigen ist es absurd, die Frage des Marxismus mit der Glaubenspraxis der Campesinos in Zusammenhang zu bringen.
  • Wenn Ratzinger in seinen Ausführungen von der Theologie der Befreiung als „so sehr rationalistisch, der lateinamerikanischen Kirche zutiefst fremd“ redet und sie dann in Zusammenhang mit der Versklavung fremder Kulturen durch eine sich normativ gebende bringt, dann ist das absurd und „diabolisch“ (die Wahrheit ins genaue Gegenteil verkehrend). Es war gerade diese schon beschriebene europäische Denk- und Verfahrensweise, die zur Ausrottung ganzer Völker führte. In diese Tradition stellt sich Ratzinger selbst.
  • Die Art und Weise, in der Ratzinger von Liebe und Auferstehung redet, weist darauf hin, dass er das, was die Campesinos damit meinen, was sie erlebt und erfahren haben, nicht verstehen kann. Es geht hier um verschiedene Dimensionen menschlicher Existenz, die Ratzinger noch nicht einmal zu erahnen vermag.
  • Es geht hier nicht zuerst um theologische, theoretische Auseinandersetzungen, sondern um das Leben von ganz konkreten Menschen. Die von Ratzinger diffamierten Campesinos sehen sich heute gewaltigen Repressionen ausgesetzt. Während der Gründer des Opus Dei heilig gesprochen wird, bekämpfen zwei Priester des Opus Dei die Campesinos und ihre Organisationen mit aller Macht. Die wahre Option von Glaubenshütern wie Ratzinger zeigt sich in der Praxis. Diese Option des Kardinals kann für die Campesinos tödlich sein. Er steht in der Tradition derer, die Jesus dem Imperium auslieferten - das geschieht bis heute.

Bald danach wurde Ratzinger zum obersten Glaubenshüter der römischen Kirche ernannt. Die Feier des beginnenden neuen Lebens und der Auferstehung als Sieg über die Mächte des Todes wird von den aktuellen Glaubenswächtern als Rebellion oder „falscher Glaube“ interpretiert und bekämpft (wie zu Zeiten Jesu). Ratzinger klagt einerseits mit Recht den gottlosen westlichen Materialismus an, andererseits bekämpft er aber Gruppen und Bewegungen, die dagegen aufstehen. Dieser Widerspruch ist die logische Folge einer weltlosen und antijesuanischen Theologie (weil hier „Gott nie zur Welt kam“) und einer kirchlichen Institution, die von den Mächtigen je nach Bedarf benutzt oder lächerlich gemacht werden kann (28). So wird man zu Handlangern der "Fürsten dieser Welt".

Ein Blick auf die heutige Praxis zeigt, wie die Ausführungen Ratzingers zu sehen und welche Vorbilder ihm wichtig sind. In der Vorstellung eines Buches über den Gründer des Opus Dei, Josemaría Escrivá, sagt Ratzinger: „Hier haben wir einen Mann vor uns, der sich der Präsenz Gottes gegenüber geöffnet hat und erfährt, dass Gott immer am Werk ist, gerade auch heute, und dass wir ihn in unser Leben Einlass gewähren und handeln lassen sollen“. Heilig sein, so Ratzinger, bedeute daher nicht, „dass jemand etwas Großes aus sich heraus gemacht hat, sondern dass in seinem Leben gerade das offenbar wird, was er nicht aus sich selbst heraus schaffen kann und er transparent für das Werk Gottes wird. In anderen Worten, heilig zu sein heißt nichts anderes, als mit Gott wie mit einem Freund zu reden“ (29).

Es liegt nahe, das Leben dieses neuen Heiligen etwas genauer unter die Lupe zu nehmen und mit dem Glaubenszeugnis der Katecheten von Bambamarca zu vergleichen, den Autoren von Vamos Caminando wie z.B. Valentín Mejía (30). Ein Vergleich liegt auch deshalb nahe, weil sowohl bei Escrivá als auch den Campesinos das Wegemotiv eine entscheidende Rolle spielt und Priester des Opus Dei seit 1997 in Bambamarca das Sagen haben. Am Beispiel der Campesinos ist deutlich geworden, was der Ausgangspunkt ihres Weges ist, wer sie auf diesem Weg begleitet und wohin dieser Weg weist. Ratzinger dagegen hat gezeigt, welchen Weg er für richtig hält (31).


Anmerkungen

(1) Im Rahmen der andinen Religiosität und Relationalität ist die Mittlerrolle Jesu eher verständlich zu machen; auch die für europäische Christen oft schwer nachvollziehbare Inkarnation stellt auf dem Hintergrund der andinen Kultur für die Campesinos kein Problem dar (vgl. den Abschnitt über Kultur und Glaube).

(2) Sie hätten dies auch gar nicht von einem herkömmlichen Katechismus lernen können, weil die Botschaft vom Reich Gottes als zentraler Inhalt der Botschaft Jesu nicht im Zentrum  des römischen Katechismus steht - vermutlich deswegen, weil diese Texte von Menschen formuliert wurden, die zumindest nicht die ersten Adressaten der Botschaft vom Reich Gottes sind und die deswegen einen erschwerten Zugang zum Verständnis dieser Botschaft haben. Es sind die befreienden Erfahrungen der Armen mit der Botschaft Jesu, die den Weisen und Schriftgelehrten helfen können, die Augen zu öffnen und den Blick auf das Wesentliche zu richten. Doch wer sich selbst als Stellvertreter Gottes hält, muss nicht auf andere hören

(3) Entsprechend der andinen Kosmovision gehen formale und inhaltliche Aspekte untrennbar ineinander über.

(4) El Despertar Nr. 121. 13. 4. 1975.

(5) Vgl. Lk 14, 15-24. Für die Campesinos ist das Feiern und Zelebrieren eines Sachverhalts identisch mit der Sache selbst. In diesem Fall bedeutet die Erzählung von dem Festmahl, dass es als Teil der Wirklichkeit real präsent ist. Damit hat es bereits ganz konkrete Auswirkungen und ist daher konkret erfahrbar: wenn die Menschen im Namen Jesu ihre Arbeit miteinander teilen, haben alle mehr zu essen (Brotvermehrung).

(6) „Informationen aus Cajamarca“ Nr. 24. Juli 1981. Darin kommt Segundo Leíva zu Wort, der den Dortmundern einen Bericht über den Despertar geschickt hatte. Archiv St. Martin, Dortmund.

(7) Siehe den Beitrag von Leonardo Herrera in dem Sammelband „Die globale Verantwortung“; José Espíritu ist der Autor (Bilder und Text) von „Der Kreuzweg von Bambamarca“.

(8) Arbeitshilfe Nr. 6, hrsg. vom Diakonischen Werk der EKD für die Aktion Brot für die Welt; Stuttgart 1979.

(9) Eichenlaub, Rudi/Sevillano, Manolo: Campesinokirche in den Anden. In: Vamos Caminando, S. 393.

(10) Ebd. S. 391. Manolo Sevillano, Mitautor von Vamos Caminando: Während meiner Zeit in Bambamarca war er für mich persönlich eine große Stütze. Er lebte mit seiner Familie (mit damals drei Kindern) als Campesino mitten unter den Campesinos. Es kam mit seiner Frau aus Spanien, war vorher Priester und wurde von Bischof Dammert in die Diözese aufgenommen. Von Ende 1975 bis 1981 lebte die Familie in Maygas, einer Comunidad bei Bambamarca. Wegen einer Krankheit musste Manolo Sevillano nach Spanien zurück, wo er 1983 verstarb. Ich habe kaum einen anderen Menschen erlebt, der von einer so tiefen Spiritualität und einem so tiefen Glauben beseelt war. In dem Buch „Injertados en el pueblo“ - cinco años en el campo de Bambamarca” ist seine Zeit in Bambamarca in der Form eines Tagebuches zusammengefasst. Das Buch wurde zusammengestellt von Rudi Eichenlaub und herausgegeben von AOMC, Cajamarca, 1989.

(11) Der Brief wurde veröffentlicht in „Informationen aus Cajamarca“, Nr. 12, Dezember 1976. Archiv St. Martin, Dortmund.

(12) Echegaray, Hugo: Vamos Caminando - eine neue Art, Theologie zu treiben. In: Vamos Caminando, S. 404.

(13) Dammert: Über die Glaubensunterweisung für Erwachsene. (Eingabe von Bischof Dammert auf der Römischen Bischofssynode am 3. Oktober 1977). Archiv St. Martin, Dortmund. (Siehe auch: Titelbild der „Informationen aus Cajamarca“ mit der Geburt Jesu und einem Zitat aus dem Dokument der peruanischen Bischofskonferenz „Evangelización“ von 1973 - im Dokument irrtümlich: 1971).

(14) Documento de la XLII Asamblea Episcopal Peruana: Evangelización - algunas lines pastorales. Enero 1973. Editorial Salesiana, Lima, Perú, 1973. Lineas pastorales 4.1.4.5.

(15) Dammert, 1979. Als Vorwort in Vamos Caminando zur ersten deutschen Ausgabe 1983 abgedruckt, S. XIII.

(16) Vamos Caminando, S. XIV. Vorwort der deutschen Herausgeber. Bambamarca-Gruppe Tübingen: Hildegard Heck, Sigrid Sonneck, Bernhard Hergl, Norbert Lauer (Hrsg.).

(17) Protokoll zum Peruwochenende der Vorbereitungsgruppe (21 Teilnehmer) vom 17.-19. 11. 1978. Archiv St. Martin, Dortmund.

(18) Ebd.

(19) Ebd. Inwieweit die leeren Blätter von irgendwelchen Gruppen dann doch beschrieben wurden oder es bei unbeschriebenen Blättern blieb, kann nicht überprüft werden. Die vier ursprünglichen Mitglieder der „Gruppe Bambamarca“ wurden aber durch die Erfahrungen mit dieser Arbeit von 1977 - 1983 stark geprägt. Alle vier haben Berufe ergriffen, in denen sie aus der Perspektive von unten in der Gesellschaft aktiv sind.

(20) Mette, Norbert: Hinweise für den deutschen Leser, in: Befreiungstheologie und wir - einige Eindrücke deutscher Leser, Broschüre im Selbstverlag, Gruppe Bambamarca, Tübingen 1979. Die „Gruppe Bambamarca“ brachte 1979 eine Broschüre heraus, in der einige Kommentare zu Vamos Caminando veröffentlicht wurden, u.a. Moltmann, Jürgen: „Machen wir uns auf den Weg“ (veröffentlicht auch in Publik-Forum 22/1979); Exeler, Adolf: „Vamos Caminando - ein aufregendes und anregendes Buch“ und Mette, Norbert: „Hinweise für den deutschen Leser“. Weitere Kommentare deutscher Theologen finden sich in Vamos Caminando selbst: Behrenberg, Peter/Klein, Nikolaus: Lernen und Erfahrung - Elemente einer befreienden Pädagogik. S. 408 - 412; Fuchs, Ottmar: Wir haben viel zu lernen! Vamos Caminando in seiner Bedeutung für unsere Standortbestimmung und Wegweisung in Kirche und Gesellschaft. S. 413 - 430. Publik-Forum brachte zu Ostern 1979 einen Sonderdruck mit ausgewählten Kapiteln aus Vamos Caminando her- aus. Auf diesen Sonderdruck hin kam es zu einer Auseinandersetzung mit Kardinal Ratzinger, damals Erzbischof von München. Bereits in Publik-Forum Nr. 18/1977 erschien ein Artikel über Vamos Caminando (unter dem Stichwort: „Indianerpastoral“). „Gott ist mit dem Volk von Bambamarca“, geschrieben von Fritz Hermann (Pfarrer in St. Martin, Dortmund und Initiator der Partnerschaft mit Bambamarca) und Alfons Wiegel, Pfarrer in St. Martin seit 1976. Weitere Beiträge zu Vamos Caminando: Heidenreich/Sayer „Soziale Dimension
des Glaubens - eine Herausforderung lateinamerikanischer Kirche an uns“ (Katechetische Blätter 4/81).

(21) Ramminger, Michael: Kirchenkritische Bewegungen in der BRD und Theologie der Befreiung. In: Betancourt (Hrsg.) Befreiungstheologie: Kritischer Rückblick und Perspektiven für die Zukunft, Band 3, S. 124, 125.
Die Übersetzer von Vamos Caminando wollten gerade vermeiden, dass die Erfahrungen der Campesinos unkontextuell rezipiert werden, dennoch geschah es bei vielen Gruppen. Ramminger geht wie selbstverständlich davon aus, dass Werke wie Vamos Caminando aus der Befreiungstheologie hervorgegangen sind. Am Beispiel von Bambamarca lässt sich zeigen, dass dies genau umgekehrt geschehen ist. Wie schon erwähnt, verstanden sich die Comunidades von Bambamarca auch nicht als Basisgemeinden, dieses Konzept existierte in Cajamarca nicht. Die Sozialpastoral der Diözese Cajamarca verstand sich auch nicht als Beitrag zur Theologie der Befreiung.

(22) Interview (in Spanisch, von mir übersetzt) mit Josef Estermann in: Forum Solidaridad Peru, Nr. 28, Lima, Februar 2000.

(23) Die folgenden Texte, die diese Auseinandersetzung dokumentieren, befinden sich im Archiv St. Martin, Dortmund.

(24) Es folgt der betreffende Auszug aus Vamos Caminando in der Version der bis dahin veröffentlichten Fassung (Arbeitsmappe im Selbstverlag). In dem Vorwort zu dem Sonderdruck schreibt Publik-Forum: „Ein anschauliches Beispiel, wie die Theologie der Befreiung in der pastoralen Arbeit mit Bauern und Landarbeitern in Lateinamerika umgesetzt werden kann, vermittelt ein peruanisches Glaubensbuch, also eine Art Katechismus, mit dem Titel ‚Vamos Caminando’ (Machen wir uns auf den Weg)“. Das Vorwort weist darauf hin, dass deutsche Sympathisanten den Campesinos und dem ureigenen Anliegen der peruanischen Theologen der Befreiung selten gerecht werden. Entsprechend den europäischen Denkstrukturen sind es zuerst einige Theologen als Individuen, die eine Theorie entwickelt haben um sie dann dem Volk beizubringen. Sie erleichtern den Gegnern der Campesinos, dann von „Schreibtischtätern“ reden zu können, die das Volk gegen die bestehende Ordnung aufhetzen. Diese Personalisierung und Abstrahierung ist noch aus einem anderen Grund schädlich: Wenn die manchmal innig verehrten Protagonisten der Theologie der Befreiung (Gutiérrez, Boff etc.) aus der Mode geraten oder persönlich angreifbar geworden sind, dann - so der Kurzschluss - ist auch das Thema als solches erledigt. Was aber an der Basis geschieht, interessiert dann nicht mehr, weil diese Basis (die Campesinos und ihre Praxis) zu keinem Zeitpunkt wirklich im Zentrum stand.

(25) Goldstein, Horst: „Schaut, das rote Tuch“! Archiv St. Martin, Dortmund.

(26) Der erste Brief von Hans Hillenbrand im Auftrag Bischof Dammerts ist nicht zugänglich, er enthält zudem - außer der Tatsache, dass gegen die Predigt Ratzingers protestiert und dessen Interpretation der Texte aus Vamos Caminando zurückgewiesen wurde - inhaltlich nichts Neues. Die inhaltliche Auseinandersetzung findet dagegen in dem Briefwechsel statt, der nun hier dokumentiert ist. Dammert selbst hat keinen Brief an Ratzinger geschrieben. Unter Mitarbeitern Dammerts wird dies zwar vermutet, doch lassen sich dafür keine Belege finden. Vielmehr handelt es sich um den Brief von Hans Hillenbrand, der dann allerdings - weil im Namen Dammerts - als „Dammertbrief“ bezeichnet wurde.

(27)  Die folgende Antwort von Hans Hillenbrand. Archiv St. Martin, Dortmund.

(28) „Die beste Widerlegung einer Theologie besteht nicht in verstandesmäßigen Argumenten gegen sie, sondern in den praktischen Folgen, die sie zeitigt. Nicht nur einmal, sondern immer wieder kritisiert Bartolomé de Las Casas Sepúlveda wegen seiner intellektuellen Kühle, wegen seiner fehlenden Kenntnis der indischen Länder und wegen seiner mangelnden Einsicht in die konkreten Folgen seiner Theologie“. Gutiérrez, Gustavo: Die historische Macht der Armen. S. 162. Hier geht Gutiérrez auf den Streit zwischen Sepúlveda und Las Casas ein. Gutiérrez zitiert Las Casas: „Ich lasse in den indischen Ländern - schreibt er - Jesus Christus, unseren Gott, zurück: gegeißelt, gequält und gekreuzigt, und zwar nicht nur einmal, sondern millionenfach“ (S. 164). Gutiérrez fährt fort: „Solch ein Gedanke wäre in der Theologie von Sepúlveda unvorstellbar: Ein Indianer, der geboren wurde, um Diener der Europäer zu sein, kann doch nicht mit Christus identifiziert werden; Herren - die können ohne weiteres mit ihm gleichgesetzt werden“. (S. 164). Josef Ratzinger erweist sich als getreuer Schüler von Sepúveda und der Conquista.

(29) Die Tagespost, Würzburg, 19. März 2002.

(30) Vgl. den Bericht von Valentín Mejía 1978 und Peter Hertel: Schleichende Übernahme - Josemaría Escrivá, sein Opus Dei und die Macht im Vatikan. Oberursel : Publik-Forum-Verlagsgesellschaft. Mai 2002.

Valentín Mejía war mir ein enger Freund, Weggefährte und Katechet. Eines Tages nahm man ihn gefangen, hängte ihn ans Kreuz mit dem Kopf nach unten, brach seine Arme und Beine und schoß ihm wiederholt knapp am Kopf vorbei. Nach einigen Wochen wurde er zerbrochen freigelassen mit der Warnung: "So ergeht es allen, die sich gegen die bestehende Ordnung stellen". Als wir ihn baten, sich zu seinem Schutz etwas zurückzuziehen, antwortete er: "Wie könnte ich tatenlos bleiben, wenn man uns und unseren Kindern alles wegnimmt und uns daran hindert, wie Menschen zu leben? Auch Jesus haben sie dafür umgebracht, weil er wollte, dass alle Menschen in Würde leben können. Ich kann nicht anders, als weiterzumachen...".  Wer steht hier in der Nachfolge Jesu - mit aller Vollmacht und Autorität: Der Herr Kardinal oder der "dreckige Indio"?

(31) Die Auseinandersetzung mit Ratzinger stellt auch noch in einer anderen Weise ein zeitgeschichtliches, aber bereits Geschichte bildendes Dokument dar. Die Reaktion auf die zitierte Osterpredigt von Ratzinger war in Deutschland sehr groß. Einige namhafte Theologen und theologische Zeitschriften (allein Publik-Forum in vier Ausgaben 1979) beschäftigten sich mit Bambamarca als „Beispiel einer in die Praxis umgesetzten Theologie der Befreiung“. Die Aufbruchstimmung nach dem Konzil war noch nicht ganz verklungen, die Beschäftigung mit der Theologie der Befreiung lag voll im Trend. Auch die Partnergruppen, vor allem St. Martin, Dortmund, mischten sich intensiv und kompetent in die Debatte ein. Das Engagement deutscher Christen war ein Spiegelbild der damaligen Verfassung innerhalb der Reformkräfte der deutschen Kirche. Die damalige moralische Unterstützung hat nicht nur die professionellen Mitarbeiter um Bischof Dammert herum ermutigt, sondern sie war auch für die Campesinos eine Bestätigung für ihren eingeschlagenen Weg.

Heute ist Bambamarca erneut zu einem Modell geworden. Bischof Simón hat den Auftrag erhalten, die Pfarrei wieder „in den Schoß der Kirche zurückzuführen“. Durch die Einsetzung zweier Priester des Opus Dei als Pfarrer von Bambamarca und durch starken persönlichen Einsatz versucht er, den Widerstand zu brechen. Die Verfasser und Adressaten von Vamos Caminando sind buchstäblich unter die Räuber gefallen. Doch die Reaktion in Deutschland auf diese Vorfälle ist gleich Null. Weder Theologen, noch theologische Zeitschriften und auch nicht Publik-Forum wollen das Schicksal der ehemals bewunderten und gefeierten Campesinos zur Kenntnis nehmen. So ist das heutige Verhalten gegenüber den Vorkommnissen in Bambamarca ein korrektes Spiegelbild der gegenwärtigen Verfassung von Kirche und Theologie, kirchlicher Presse und Öffentlichkeit.

Die Solidarität mit den Räubern gab es zwar schon immer, sie ist aber größer als je zuvor. Das heutige Desinteresse am Schicksal der „Indios dieser Welt“ wird von den Betroffenen registriert und macht sie noch betroffener. Ausgerechnet dann, wenn sie am dringendsten auf Solidarität angewiesen sind, werden sie nicht mehr gehört. Potentielle deutsche Sympathisanten und Gruppen haben andere Interessenfelder und Märkte entdeckt - nämlich vornehmlich sich selbst und ihre eigene Befindlichkeit.

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