Papst Franziskus - eine 1. Einschätzung

Zur Erinnerung: Heute vor 4 Jahren: (Siehe auch 2. Einschätzung am 18. März 2013)

Erste Einschätzung zur Papstwahl - am 2. Tag nach der Wahl am 13. März 2013

(Mail an verschiedene Netzwerke und Reformgruppen)

Anbei meine Antwort (sehr vorläufig) auf an mich gerichtete Anfragen zu meiner Einschätzung eines Papstes aus Lateinamerika und den Vorwürfen zur Juntanähe in den  Jahren 1976 – 1983.

Über Kardinal Bergoglio habe ich schon 2005 recherchiert, denn damals wurde er schon beinahe Papst. Nun habe ich gestern den ganzen Tag vor allem spanische Texte gelesen, vorwiegend aus Argentinien selbst, darunter auch Predigten, Ansprachen des Kardinals. Habe auch entdeckt, dass selbst die großen deutschen Tageszeitungen und Magazine wohl ungeprüft nahezu gleichlautend Meldungen übernehmen, die auch Unwahrheiten enthalten (verständlich wegen der Eile - ?).

Hier zusammengefasst folgende - persönliche - Eindrücke:

 - Möglicherweise gewinnen jetzt die zentralen Aussagen der christlichen Botschaft (siehe Anhang) wieder mehr Bedeutung, die ansonsten in der Euro-Kirche kaum mehr wahrgenommen werden - außer bei Misereor, u.a..

 - Er wird nach den bisherigen Eindrücken sein Papstsein wesentlich kollegialer (synodal) ausüben wollen (Bischofskollegium, primus inter pares). Das würde (theoretisch) mehr Spielräume für die nationalen Bischofskonferenzen ergeben, so z.B. für Deutschland in Sachen Ökumene (was im Rest der Welt kaum ein Thema ist). D.h., wir dürfen unseren Bischöfen in aller Freundschaft, Mitverantwortung und Kollegialität öfter mal in den Hintern treten – Pardon!

 - Eines seiner Lieblingsworte ist „Weltlichkeit“, die er als "Tod der Kirche" bezeichnet („Mundalidad espiritual“, - stammt von Henri de Lubac, 1953), d. h. sich zu eigen machen, was in der Welt - im paulinischem Sinn - verderblich ist (Machtgier, Eitelkeit, Materialismus u.v.m., vor der auch Bischöfe und Päpste nicht gefeit seien), positiv formuliert: im Geiste einer „neuen Welt“, der Liebe und Barmherzigkeit leben und handeln, in der Nachfolge Jesu, der das Kreuz auf sich genommen hat.  (Dies deutete er auch gestern in der Abschlussmesse des Konklave, die ich „mitgefeiert“  habe, an).

 - Kein Befreiungstheologe, aber sehr kritisch gegenüber Kapitalismus etc. („Menschen werden auf dem Altar der Profitmaximierung geopfert“, „Gier nach immer mehr produziert immer mehr Sklaven“), aber kein Gegner einer Kirche der Armen, die auch nach den Ursachen fragt. Stellt sich entschlossen gegen einflussreiche christliche Bewegungen wie Opus Dei, Legionäre Christi u.a. 

 - Große Marienfrömmigkeit, aber mit Maria als Frau aus dem Volk, Mutter der Armen, selbst arm und ausgestoßen, mit dem Magnifikat im Zentrum (das von Josef Ratzinger nicht einmal erwähnt wird).

 - Innerkirchlich konservativ, will heißen auf „unsere“ rein innerkirchliche Themen bezogen: kaum Bewegung in Frauenfrage, keine neue Sexualmoral (vor allem gegen Homosexualität) etc., dies aber nicht so militant wie bei manchen anderen lateinamerikanischen Bischöfen. Denn, wie er oft in seinen Ansprachen betont, über allem steht die Barmherzigkeit Gottes ("Jesus wandte sich zuerst an die Sünder und lebte mitten unter ihnen");  diese zu praktizieren sei wichtiger als sture Einhaltung kirchlicher Vorschriften. D.h.: Zwar Sünder (Schwule, „Ehebrecher“, etc.), aber Barmherzigkeit statt Verdammung (Relativierung der Sexualmoral und sogar der Dogmen - der konkrete Mensch zählt).

-  Nähe zur Militärdiktatur: Ich habe seine Predigt gelesen, die er 2006 zum 30. Todestag der Ermordung von Bischof Agnelli (1976) in La Rioja gehalten hat: voller Bewunderung für diesen Märtyrer (Agnelli war einer der ganz wenigen Bischöfe, die die Militärs kritisiert hatten, deswegen wurde er ja umgebracht). Er nennt ihn sein Vorbild und hebt dessen große Spiritualität hervor (Spiritualität als Nachfolge Jesu im Mit-Leiden mit den Armen, unter denen Gott Mensch wurde).

- Die führenden argentinischen Bischöfe waren zur Zeit der Militärdiktatur eng mit den Militärs verbunden, einige haben deren Gräueltaten gar gerechtfertigt („Kampf gegen Kommunismus“ etc.). Dies ist bis heute innerkirchlich nicht transparent aufgearbeitet.

- Bergoglio war kein Sympathisant, aber auch kein „Widerstandskämpfer“. Dass er zwei Jesuitenpatern, die dann verhaftet wurden, zumindest nicht helfen konnte, dürfte sicher sein, aber ob er sie ausgeliefert hat?  Wohl kaum. Weiterhin: Er soll geholfen haben, Kleinkinder von Verhafteten und Verschwundenen an Pflegefamilien vermittelt zu haben bzw. deren Herkunft vertuscht zu haben (zum „Wohle des Kindes“).

- Insgesamt: widersprüchliche Aussagen, vor Gericht wurde er freigesprochen, obwohl die argentinische Regierung mit allen Mitteln versucht hat, ihn „dran“ zu kriegen, hat aber nichts Beweisbares gefunden. Dennoch bleiben Zweifel (siehe Pius XII.: besser im Verborgenen helfen, statt laut zu schreien? Wer weiß schon, was besser ist – und wie würden wir handeln?).

- Steht im "Kampf" mit der argentinischen Regierung wegen deren Gesetz zur Ermöglichung der gleichgeschlechtlichen Ehe und der legalen Abtreibung („Gesetze des Teufels“!), aber auch gegen die wieder neu zunehmende Verelendung wg. der Willkür großer Konzerne (z.B. Landgrabbing).  

Summa summarum: angesichts der Gegebenheiten bin ich mit dieser Wahl sehr zufrieden, auch wenn deutsche Befindlichkeiten kaum eine Rolle spielen werden. Aber die Welt ist größer als Deutschland....! Neue Chancen für alle, die eine befreiende Praxis und Pastoral leben.

Vielleicht mein wichtigster Punkt - und Hoffnung: Ein Paradigmenwechsel scheint möglich (und im Geiste des Konzils dringend notwendig): Die Bibel mit den Augen der Armen lesen und deuten, aus der Perspektive der Ausgestoßenen die Welt, Wirtschaft, Politik etc. analysieren, deuten und verändern – statt aus der Perspektive des reichen Europa, der „Sieger“ (Macht, Reichtum, Eroberer, Besserwisser etc.). Dies wollte auch (ansatzweise) das Konzil und dies wurde seit Medellín 1968 – in Fortschreibung des Konzils – in Lateinamerika vielerorts gelebt und in die Praxis umgesetzt... Und um was kümmern uns wir? (Ich weiß, muss ja auch sein….).

Fazit: Von einer europäischen röm. Regionalkirche (auf der Basis griech. Philosophie und röm. Rechts) auf dem Weg zu einer katholischen (allumfassenden) und evangelischen (Evangelium) Kirche Jesu Christi - der weltweiten Gemeinschaft der Jünger*innen Jesu.

Herzliche Grüße, Willi Knecht

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PS,1: Man spielt ja manchmal mit so kindlichen Gedanken wie, „was, wenn ich Papst wäre“ (o.ä.)? Und da hätte ich tatsächlich den Namen Franziskus (oder alternativ Petrus, ein einfacher Fischer aus Galiläa) gewählt. (Entschuldigung ob der Vermessenheit).

PS,2: Anlage zum Misereorsonntag an diesem Wochenende: Text zum Misereor-Hungertuch 2013/14: "Wir haben den Hunger satt!"Für Papst Franziskus ist "misereor" der theologisch - biblische Schlüsselbegriff (Barmherzigkeit, verbunden mit Gerechtigkeit – dem Menschen als Ebenbild Gottes gerecht werden und für seine unantastbare Würde eintreten). 

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