Gedanken zum Advent

Gedanken zum Advent

Besinnung auf das Wesentliche - Zeit der Umkehr… . Doch was ist das Wesentliche, das was letztlich zählt? An was hängen wir - de facto - unser Herz und wer ist für uns „Gott“, d. h. das Wichtigste in unserem alltäglichen Leben? Und warum und wohin umkehren? Sind wir denn nicht alle schon getauft? Umkehr bedeutet ja nichts anderes als seinen Weg, sein bisheriges Leben, grundlegend zu verändern. „Kehrt um, denn das Reich Gottes steht vor der Tür, es beginnt jetzt.“ Mit diesen Worten beginnt und überschreibt Jesus seine Botschaft. Und als er dies auch bei seinem ersten öffentlichen Auftreten in der seinem Heimatdorf Nazareth sagt, geraten die „Leute der Synagoge“ in Wut und wollen ihn den Abhang hinabstürzen (LK 4, 16-29). Denn sie waren ja schon gottesgläubig, das auserwählte Volk, die Söhne Abrahams, schon beschnitten und gerettet, besuchten regelmäßig den Tempel – und gingen an den Menschen vorbei, die unter die Räuber gefallen sind.Denn ihre Wege waren so angelegt, dass sie zum Tempel führten, zum kultischen Ritual und zum Sühneopfer.

Diese Einleitung schrieb ich auch in „Gedanken zur Fastenzeit“. Advent und Fastenzeit, Weihnachten und Ostern erinnern an das, was christlicher Glaube in seinem Kern ausmacht. Da Gott in Jesus Mensch geworden ist, finden und begegnen wir ihm in den Menschen, mit denen Jesus sich vorrangig solidarisiert, ja identifiziert (Mt 25). Und dann begegnen wir auch Gott in uns selbst und erkennen, wer wir sind und was unsere Berufung ist. „Was schaut ihr in den Himmel, wo ich doch nun mitten unter euch bin?“ Nicht der Himmel oder das Leben nach dem Tod ist das Ziel, sondern ein menschenwürdiges Leben hier und heute für alle, besonders für jene, denen diese Würde vorenthalten oder gar - auch strukturell - geraubt wird. Denn diese Würde ist unantastbar. Und auf diesem Weg werden wir erfahren, was es bedeutet, ein „Leben in Fülle“ ….

Doch was tun wir? Wir feiern Messopfer nach Messopfer, wir beten und beten! Doch wenn wir nicht zugleich radikal umkehren und den Weg zum leidenden Mitmenschen gehen, begehen wir ein Sakrileg. Wenn wir nicht bereit sind, den unter die Räuber Gefallenen wirklich zu helfen, verraten wir Christus in ihnen und in uns. Wir können auch mit unseren Gebeten und Opfern Christus kreuzigen. Bischof Fragoso aus Brasilien sagt: „Unsere Gottesdienste und Gebete können Atheismus sein, wenn wir sozialen Ungerechtigkeiten gegenüber gleichgültig bleiben. Wir können mit der Messe, mit den Sakramenten und der Liturgie Atheismus verkünden, wenn wir nicht für mehr soziale Gerechtigkeit einstehen. Die uns im Gotteshaus versammelt sehen, sehen sie uns auch Hand anlegen im Kampf um mehr Gerechtigkeit, damit alle unsere Brüder und Schwestern frei werden und in Würde leben können?“ (Aus: „Helder Camara: Die beiden Lastkutscher“, 1973).

Advent - Adveniat: „Dein Reich möge kommen“! Und dann kam Jesu und sagte: Dieses Reich, diese „Herrschaft“ der Liebe und Gerechtigkeit, beginnt jetzt bzw. hat mit Jesus begonnen. In seinen Worten und Taten wird deutlich, was damit gemeint ist. In ihm können wir erfahren, wer und was Gott ist und was er mit uns werden will. Im Glauben der Christen ist er deshalb der Messias, das Bild Gottes unter den Menschen. Wenn ich schon an einen Gott glaube, dann nur an den Gott, wie er sich in Jesus geoffenbart hat (und auch an denselben Gott, der sein Volk aus der Sklaverei befreit und in das Gelobte Land führt).

Zur Zeit Jesu aber war das Land voller Wanderprediger, es wimmelte geradezu von Messiassen. Viele sammelten Jünger und die meisten wurden samt ihrer Anhänger von den Römern niedergemetzelt.Es war eine Ära apokalyptischer Erwartungen. Denn die Menschen litten unter einer doppelten Ausbeutung und Unterdrückung: Seitens der römischen Besatzungsmacht, die unbarmherzig und gewaltsam sehr hohe Abgaben (Steuern) eintrieb und seitens der eigenen Priesterschaft. In ihrer Not suchten die Menschen immer mehr Zuflucht in ihrer Religion und ihren religiösen Führern, die nun ihrerseits die Situation ausnutzten, um hohe Steuern und Abgaben für die Tempeldienste (u.a. Reinigungs- und Opferrituale) zu verlangen. Zudem arbeiteten sie mit den Römern zusammen. Im Volk wuchs daher die Sehnsucht nach dem verheißenen Messias, der all dem ein Ende bereiten sollte. Not und Verzweiflung waren noch nie so groß, wie zur Zeit Jesu. Wenn jetzt nicht der verheißene Messias kommen würde, wann dann?

Doch es gab völlig verschiedene Messiaserwartungen, von militanten Attentätern wie die Sikarier bis hin zu den Essenern, die in radikaler Askese die Ankunft des Erlösers erwarteten. Dies alles endete im Jahre 70 n. Chr. in einer Katastrophe, in einem Blutbad. Die Mehrzahl der Bewohner Jerusalems wurde getötet, der Rest versklavt . Tempel und Stadt gingen in Flammen auf. Wie Josephus,  der jüdisch-röm. Geschichtsschreiber schreibt, blieb kein Stein auf dem anderen und nichts deutete mehr darauf hin, dass Jerusalem je bewohnt war.

Und Jesus von Nazareth? Er wuchs auf und lebte in einem winzigen, äußerst armseligen Kaff namens Nazareth, in einer Region, wo der Widerstand gegen die Römer und die herrschende Gottlosigkeit der eigenen Führer am größten war. Jesus kannte sicher die verschiedenen Widerstandsbewegungen und das Schicksal mancher „Messiasse“. Nicht zuletzt kannte er Johannes den Täufer (der sich aber nicht für den Messias hielt) und dessen Lehre und Schicksal. Sein provokanter  Einzug in Jerusalem, die dann folgende noch provokantere  „Säuberung“ des Tempels und sein Passahmahl mit seinen engsten Freunden (als Erinnerung an die Befreiung aus der Sklaverei) in einem Versteck – vieles deutet darauf hin, dass Jesus damit rechnete, was ihm geschehen wird. Doch unabhängig davon, was seine Jünger*innen und auch seine Feinde von Jesu gehalten und wie sie seine Worte verstanden haben,  eines bleibt eindeutig: Seine Botschaft und feste Überzeugung, dass mit ihm eine neue Zeit beginnen wird. Diese neue Zeit wird eine völlig andere (soziale und gesellschaftspolitische) Werteordnung haben. Oder umgekehrt gesagt: Die herrschenden Verhältnisse – Gewalt, Unterdrückung, Verelendung – sind unvereinbar mit dem Kommen des Reiches Gottes. Zeichen der neuen Zeit sind u.a.: Brotteilen, Barmherzigkeit, Vergebung, Austreiben der „Dämonen“, Tischgemeinschaften mit Ausgeschlossenen, die Seligpreisungen, die sieben Bitten des „Vater Unser“ - „Blinde werden sehen und Taube werden hören“. Das bedeutet:  Jesus betrachtet und deutet die reale Welt aus der Perspektive der Hungernden, der Ausgegrenzten, der unter die Räuber Gefallenen…

Was bedeutet dies alles heute - zumal in Zeiten eines zunehmenden Fundamentalismus, wachsender Kluft zwischen arm und reich, Zerstörung des Planeten, eines Wachstums- und Machbarkeitswahns? Eigentlich wissen wir, aber verdrängen es oft: So kann es nicht weitergehen! Denn längst sind die planetarischen Grenzen erreicht. Auf einer begrenzten Erde ist unbegrenztes Wachstum nicht möglich – eine Binsenwahrheit. Dennoch wird weiterhin auf Wachstum gesetzt. Selbst eingefleischte Kapitalisten bekennen, dass Kapitalismus ohne stetiges Wachstum (materialistisch gesehen im Sinne von Konsum, Verbrauch,) nicht funktionieren kann. Die Klimakatastrophe ist bereits voll im Gange,  dennoch gibt es – gerade auch in Deutschland – kein wirkliches Umdenken, nur Kosmetik. Würde jeder Erdenbürger so viele Ressourcen, Wasser und Energie verbrauchen wie ein Mensch in Baden-Württemberg , eine der reichsten Regionen der Welt, würde man schon jetzt 14 Erden brauchen. Und wir gehen immer noch wie selbstverständlich davon aus, dass es wohl unser eingeborenes Menschenrecht sei, das 100-fache an Ressourcen zu verbrauchen wie ein Mitmensch z.B. im Niger. Und diese Kluft zwischen arm und reich wird immer größer. Auch die innigsten Verfechter dieser Weltordnung ahnen ja vielleicht, dass dies ein schlimmes Ende haben kann. Und bevor die Party zu Ende geht, stürzt man sich umso heftiger auf die „letzten Ressourcen“.  Wie Geier fallen Konzerne in die letzten Winkel der Erde ein, um noch zu holen, solange es noch etwas zu holen gibt: « Après nous le déluge! »

Aber es gibt auch keine fertigen Rezepte, aber viele kleine Schritte und Hoffnungszeichen. Stellvertretend an dieser Stelle ein Beispiel, das Hoffnung macht. In „Blickpunkt Lateinamerika“ (4/2016), dem Magazin von Adveniat, wird berichtet, wie in einer der wenigen noch nahezu unberührten Regionen des Amazonasbeckens im Osten Ekuadors ein kleines Dorf sich gegen das Vorrücken der Ölindustrie sich erfolgreich zur Wehr setzt. (Siehe dazu auch: Bundesweite Eröffnung der Jahresaktion von Adveniat in Stuttgart). 1996 wurde von der Regierung Ekuadors einem ausländischen Unternehmen das Recht eingeräumt, im Amazonasgebiet Ekuadors Erdöl zu fördern. Patricia Gualinga, Repräsentantin des Indio-Dorfes Sarayuka, berichtet: „Wir waren sehr überrascht, denn das Territorium gehörte doch uns. Doch die Regierung argumentierte, dass die Bodenschätze, die in der Erde liegen, dem Staat gehörten. Darauf beschlossen wir in unserem Dorfrat, keinerlei Erdölförderung in unserem Gebiet zuzulassen und bis zum Ende Widerstand zu leisten. Dies führte zu einer Militarisierung der Region, es war schrecklich“.

Schließlich gelang es, den Fall bis hin zum Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte zu bringen, da der Staat das Recht der Indigenen auf vorherige Konsultation, auf Gemeindeeigentum und kulturelle Identität verletzt hatte.* Das Unternehmen musste aufgeben. Patricia: „Immer wieder hat der Staat versucht, uns über den Tisch zu ziehen. Deswegen kämpfen wir weiter. Das Ziel ist, unser Konzept des „Sumak Kawsay“ (Gutes Leben)  durchzusetzen. Bei der Erdölförderung ist für uns ganz klar: das wollen wir nicht. Wir glauben nicht an die falschen Versprechungen von Wohlstand und Jobs für alle. Wir sind der Überzeugung, dass die Natur Gottes Schöpfung ist und geschützt werden muss. Wir führen uralte Traditionen unserer Vorfahren fort. Damit wollen wir ein Beispiel geben, denn es geht nicht um uns allein: Wenn wir so ein differenziertes Ökosystem wie das Amazonasgebiet zerstören, dann wird das irgendwann alle betreffen, auch die Industriestaate, Europa und die USA. Wir wollen als gutes Beispiel vorangehen. Wir kämpfen nicht nur für unser eigenes Überleben, sondern für das der Menschheit und zukünftiger Generationen. … Die Kirche als Institution war für uns hier lange unsichtbar. Dass jetzt erst Bischöfe aufstehen macht uns Mut. Und jetzt haben wir einen Verbündeten mehr, keinen geringeren als den Heiligen Vater, der uns unterstützt und der mit seiner Enzyklika „Laudato sí“ deutlich gemacht hat, wie wichtig ihm das Thema ist. Wenn die Kirche ein neues Bewusstsein schaffen könnte, wäre das ein großer Fortschritt!“

* Diese Rechte sind in mehreren Staaten in der Verfassung verankert (u.a. auch in Peru). Doch meist besteht wenig Aussicht, dass diese Rechte auch durchgesetzt werden können. Vor allem in Peru setzen sich die neoliberalen Regierungen (und Oberschicht) darüber hinweg und kriminalisieren stattdessen alle, die sich für diese Rechte einsetzen. (In Bolivien sieht es etwas besser aus). In Brasilien wird das Rad dagegen wieder zurückgedreht. In diesem Jahr (2016) ist die Abholzung des Regenwaldes in Brasilien um 28% gestiegen. Nach dem Putsch gegen die rechtmäßige Präsidentin Dilma Rousseff wurde der größte „industrielle Landwirt“ Brasiliens, einer der größten Sojaproduzenten der Welt, zum Agrarminister ernannt. Um neue Flächen für die expansive Viehwirtschaft und den Sojaanbau zu gewinnen, u.a. um den stark steigenden Fleischkonsum weltweit zu decken, werden Umweltschutzgesetze nun noch mehr umgangen oder gleich ganz aufgehoben, bzw. „liberalisiert“!

Fazit: Diejenigen, die am meisten verachtet werden, wie die Hirten von Bethlehem zur Zeit Jesu, sind die Ersten, die die Botschaft von einem Neuen Himmel und einer Neuen Erde hören. In der finsteren Nacht einer langen Geschichte öffnet sich der Himmel und steigt zur Erde hinab, das Licht dringt in die Herzen der Menschen ein und zeigt ihnen den Weg. Sie folgen dem Stern und sie gelangen zu einer Hütte, und dort entdecken sie in einer Krippe ihren Retter und Befreier - während die Weisen von Jerusalem und die Mächtigen von Rom und deren Statthalter weder diese Botschaft hören noch den Stern sehen können, weil sich selbst für das Licht halten.

Willi Knecht, 1. Dezember 2016 (als Auftakt zum täglichen Adventskalender).


2. Dezember:  Ist Afrika noch zu retten?  (Misereor-Fastenaktion)

3. Dezember:  Religion to green - Religionen über Umwelt und Natur

4. DezemberFrieden jetzt - Kolumbien (Adveniat-Jahresaktion)

5. Dezember:  Ist Klima noch zu retten? (Vor einem Jahr in Paris)

6. Dezember:  Die Option für die Armen als Primat des Evangeliums

7. Dezember:  Wut - Voraussetzung für Veränderung (?!)

8. Dezember:  Zum Ende des Konzils

9. Dezember:  Frauen in der Kirche (von Ivonne Gebara, Sao Paulo)

10. Dezember: Wachet auf....!

11. Dezember: Anfänge einer Theologie der Befreiung (1973, im Original)

12. Dezember: Eine Theologie der "Barbaren" (1973)

13. Dezember: Das Nein zum Anderen als Ursünde

14. Dezember: Das Nein zum Anderen als neuzeitliches und globales Geschäftsmodell

15. Dezember: Geleitwort zum Abitur

16. Dezember: Anders leben, damit andere überleben (Misereor 1976)

17. Dezember: Zur Logik von Waffenexporten

18. Dezember:  Fidei Donum - Geschenk des Glaubens (Lima, Buenos Aires, Sao Paulo)

19. Dezember: Ist Umkehr machbar? (Lebenswandel und Klimawandel)

20. Dezember: Capitalismo - Die Bestie aus der Apokalypse

21. Dezember: Kolumbien - in memoriam Camilo Torres

22. Dezember: Beitrag der Kirchen zur Entwicklungszusammenarbeit in BW

23. Dezember: Was bedeutet "Entwicklung"? (wie, zu was und für wen?)

24.Dezember: Geburt Jesu

Und nun? - War´s das?  (siehe auch: Wie geht es weiter, was tun?)

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