Solidaritätsfähigkeit?

Solidaritätsfähigkeit bei den Begegnungen deutscher Kirchengemeinden mit arm gemachten Kirchengemeinden -

Partnerschaft als Herausforderung (Willi Knecht[1], 1999)

 

[1]  WILLI KNECHT, arbeitete als Pastoralreferent und Mitarbeiter von Bischof Dammert in Bambamarca, Diözese Cajamarca. Peru. Bambamarca wurde bekannt durch seine Weg weisende befreiende Pastoral (Vamos Caminando).

Statement auf dem Internationalen Religionspädagogischen Kongress, der vom 13. 10. – 16. 10. 1999 in Eichstätt stattfand: Motto: „Weltkirche erleben, voneinander lernen, Erde bewohnbar machen“. Dann so veröffentlicht in: Religiöses Lernen der Kirche im globalen Dialog; Forum Religionspädagogik interkulturell, Band 1; LIT Münster 2000.

1962 begann mit dem Amtsantritt von Bischof José Dammert Bellido in Cajamarca, Peru, für die Campesinos (stellvertretend für alle Ausgegrenzten) eine Zeit der Hoffnung und konkreter Schritte auf dem Weg des Volkes Gottes aus dem Sklavenhaus in das Land, in dem alle Menschen das haben, was sie zum Leben brauchen: Brot, Gemeinschaft, Identität, Würde, Anerkennung und Gewissheit der Gegenwart Gottes unter ihnen[2].

Deutsche Kirchengemeinden durften die Campesinos auf ihrem Weg begleiten. Es gab in der Diözese Cajamarca 15 Kirchengemeinden, die mit deutschen Kirchengemeinden das Wagnis einer Partnerschaft eingegangen waren. Die deutschen Gemeinden wurden Ende 1992 von der Nachricht überrascht, dass Bischof Dammert als Bischof von Cajamarca und amtierender Präsident der peruanischen Bischofskonferenz überraschend schnell nach Vollendung seines 75. Lebensjahres zurücktreten musste[3]. Als sich darauf immer deutlicher herausstellte, dass der Nachfolger Dammerts ein völlig anderes Verständnis Partnerschaft, Kirche, Rolle der Laien etc. hatte, entstand das Bedürfnis, aus Treue zu dem bisher zurückgelegtem Weg und zum Konzil, den Aufbruch der Kirche in Cajamarca und den gemeinsamen Weg seit 1962 zu dokumentieren und Perspektiven für eine Kirche des Volkes Gottes auf der Grundlage des Zweiten Vatikanischen Konzils, der Dokumente von Medellín und Puebla und den Erfahrungen der Campesinos von Cajamarca aufzuzeigen[4]. Dies erscheint allen Beteiligten umso dringlicher, weil nach Aussagen von Bischof Piorno und in Übereinstimmung (Auftrag) mit dem römischen Nuntius und der großen Mehrheit der peruanischen Bischöfe, die Aufbrüche nach dem Konzil als gefährlich eingestuft werden und daher rückgängig gemacht werden sollen. Das Konzil wird offiziell als Irrweg angesehen (und Rom befördert dies!!)

1. Die Partnergemeinden

Aus den Befragungen der Partnergemeinden ergeben sich folgende Probleme: die mangelnde Kommunikation auf allen Ebenen (qualitativ und quantitativ) und damit einhergehende (Un-) Kenntnisse über die Partner; die Frage nach den autorisierten Ansprechpartners, deren Zuverlässigkeit und Repräsentanz; damit verbunden die Frage, wer denn eigentlich die Partner sind und wer die gemeinde vor Ort repräsentiert; die (meist strukturelle) Schwierigkeit, mit den Bedürftigen (den gewünschten Adressaten der Spenden) in direkten Kontakt zu treten und deren eigentliche Bedürfnisse erfahren zu können und auch die Bedeutung des Bischofswechsels; die Frage nach den pastoralen Schwerpunkten (Option) in den Partnergemeinden (diese haben sich ja „von oben“ ausgehend dramatisch verändert). Auf die eigenen Gruppe (Gemeindeausschuss)  hier bezogen: die Stellung der Gruppe und der Partnerschaftsarbeit in der eigenen Gemeinde und ihr Ort in der Kirche, lokal und weltkirchlich.

2. Praxis und Perspektiven von Gemeindepartnerschaften[5]

  •           Die Frage nach der Kirche als Gemeinschaft aller Gläubigen wird in deutschen (hier eher „äußerliche“ Begründungen) und peruanischen Partnergemeinden (dort eher biblisch-pastoral) höchst unterschiedlich beantwortet. Es geht dabei um         Grundfragen von Kirchesein und Christsein. Die Stellung der deutschen Partnerschaftsgruppen in ihren Gemeinden wird von den Gruppen selbst bestenfalls als „am Rande stehend“ bewertet.
  •           Kommunikation (Besuche, Begegnungen, Projekte): Die Frage nach den Partnern (z.B. wird ist Gemeinde?) und den Verantwortlichen für die Projekte (einschließlich Spenden) erweist sich als eine Schlüsselfrage. Persönliche Besuche, die zu echten Begegnungen (teilweise Umkehr) führten, bilden das Rückgrat und helfen in schwerer werdenden Zeiten.
  •           Einheit bzw. Trennung von Sozial und Pastoral: in deutschen Gemeinden wird Diakonie tendenziell (und institutionell) ausgelagert (Caritas), in peruanischen Basisgruppen (und gerade mit ihnen wollen ja alle beteiligten Gemeinden Partnerschaft einüben) wächst Diakonie aus der Mitte der Gemeinschaft und des Glaubens heraus. In deutschen Gruppen spielen politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche Zusammenhänge eine immer geringere Rolle – wobei diese Gruppen im Gesamt der Gemeinde als besonders „politisch“ gelten.

3. Partnerschaft als Lernfeld einer ganzheitlichen Pastoral (Perspektiven)

  •           Partnerschaft als Katechese und Hinführung zum Glauben in Gemeinschaft und Solidarität.
  •           Inhaltlicher Austausch zwischen Partnergemeinden (Begegnung, miteinander lernen…)
  •           Diskussion um die Partnerschaft: neue „Kolonialisierung“? Frage der Einmischung.
  •           Partnerschaft mit wem? Rolle des Bischofs, Umgang mit Konflikten. Wer ist Gemeinde?
  •           Partnerschaft als Sakrament der weltweiten Kirche (Brotteilen, Tisch- Wegegemeinschaft).
  •           Partnerschaft ist Kirchen bildend, weil sie Einheit (vor allem mit den Ausgegrenzten) stiftet.
  •           Partnerschaft als praktizierte und praktikable Option mit den Armen.

Fazit

Die größte Herausforderung (für uns als reiche Kirche): der völlig unterschiedliche Standort[6] der beiden Partner (Geschichte, Weltwirtschaft, Politik). Unsere Chance:

a)      Die Armen evangelisieren uns. Sie zeigen uns den Weg (zurück zu den Quellen und in die Zukunft); Bild: die Ostererfahrung der Emmausjünger (Erkennen beim Brotteilen).

b)      Zeichenhafte, eschatologische Einheit der Kinder Gottes untereinander und mit Gott inmitten einer tödlich gespaltenen Welt (wahrhafte Ökumene).

c)      In Solidarität mit den Menschen, mit denen sich Jesus der Christus identifiziert lernen wir, in einer von Kapitalinteressen dominierten Welt, Zeugen einer Welt im Geiste Jesu zu sein.


[1]  WILLI KNECHT, arbeitete als Pastoralreferent und Mitarbeiter von Bischof Dammert in Bambamarca, Diözese Cajamarca. Peru. Bambamarca wurde bekannt durch seine Weg weisende befreiende Pastoral (Vamos Caminando).

[2] Dieser Weg wird beschrieben in: Vamos Caminando: Machen wir uns auf den Weg! Glaube, Gefangenschaft und Befreiung in den peruanischen Anden. Equipo Pastoral de Bambamarca 1983. Zu Bischof Dammert: „Die Wehklagen derer, die leiden, lassen mich nicht ruhen (Willi Knecht) in: JOHANNES MEIER (Hrsg): „Die Armen zuerst! 12 Lebensbilder lateinamerikanischer Bischöfe“, Mainz 1999.

[3]  Noch größer war die Überraschung, als sie im Januar 1993 vom Apostolischen Administrator, Bischof Francisco Simón Piorno (seit 1995 Bischof von Cajamarca) die Aufforderung erhielten, ab sofort alle Partnerschaftsgelder auf sein Konto in Deutschland zu überweisen. Die deutschen gemeinden reagierten bestürzt und dann abwartend.

[4]  Dies ist der Inhalt der Studie, die unter Zusammenarbeit der beteiligten Gemeinden (hier und dort), der Professoren E. Klinger (Fundamentaltheologie Würzburg) und O. Fuchs (Praktische Theologie Tübingen), der Kath. Universität Lima und dem Instituto Bartolomé  de Las Casas, Lima, Leitung Gustavo Gutiérrez, entsteht. Koordinator: Willi Knecht.

[5]  In der Folge können nur die Themen einzelner Kapitel genannt werden. Die Ergebnisse und Schlussfolgerungen werden im Rahmen eines Sammelbandes, der als ein erster Schritt der erwähnten Studie geplant ist, in den nächsten Monaten veröffentlicht werden. Die aufgeführten Bereiche weisen auf Herausforderungen an deutsche Gemeinden und deren Lernchancen hin – insbesondere unter dem Aspekt einer zunehmenden Verflüchtigung zentraler christlicher Glaubensinhalte (an Jesus den Christus) und der konkreten Praxis (z.B. Orientierungslosigkeit) in den Gemeinden. 

[6] Während deutsche Gemeinden in der Regel zuverlässiger Bestandteil des weltweit herrschenden Systems sind und auch noch davon profitieren, entlarven unsere Partner dieses System als Götzendienst und unvereinbar mit ihrem Glauben.

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