Grundstrukturen des Kapitalismus

Gedanken zur Grundstruktur des Kapitalismus

Von German Knecht (1934 - 2008), Herxheim 1987

"Nach allgemein anerkannter Auffassung besteht Faschismus im Wesentlichen aus vier Grundelementen: er ist totalitär, antidemokratisch, antikommunistisch und nationalistisch. Auch der Kapitalismus enthält diese vier Grundelemente. Zwar ist Kapital unpersönlich, aber Menschen verkörpern eine am Kapital orientierte Denk- und Handlungsweise, sind Träger der Idee. Deswegen sind sie im Folgenden gemeint, wenn von „Kapital“ gesprochen wird.

"Capitalismo" - Gemälde von José Espíritu, Campesino und Katechet aus Bambamarca, Peru (1999)

1. Totalitär:

„Geld regiert die Welt“ sagen alle. Da aber Geld abstrakt ist, übersieht man leicht die dahinter stehenden Mächte und glaubt, das sei ein Naturgesetz, die Gier nach immer mehr sei in der menschlichen Natur verwurzelt. Das mag sogar so sein. Aber nachdem man sich über Jahrtausende hinweg bemüht hat, diese Gier und den blanken Egoismus zu zähmen - was zu Recht als zivilisatorische Errungenschaft gilt - wird nun der nackte Egoismus zum Prinzip erhoben und zum Motor jeder menschlichen Entwicklung gemacht. Kapital möchte, dass sich das Leben nach seinen Prinzipien richtet; was sich nicht rentiert, was nicht in Geld zu zahlen oder zu bewerten ist, zählt nicht. Optimale Geldverwertung und Geldvermehrung kümmert sich nicht um Mit- und Umwelt, nicht um soziale Belange: es wird das produziert, was den besten Gewinn verspricht, und dorthin gehandelt, wo am besten bezahlt wird (Beispiel Futtermittel). Werbung gehört dazu und hilft mit, dass Menschen Dinge kaufen, die sie eigentlich nicht brauchen, aber bequemer, angenehmer sind, Prestige bringen und steigern.

Kapitalismus pervertiert die Grundidee des Wirtschaftens. Zum Leben brauchen die Men- schen die verschiedensten Waren, die sie sich selbst herstellen, tauschen oder kaufen. Die Aufträge richten sich nach den verfügbaren Mitteln. Ist der Bedarf gedeckt, ruht oder verlangsamt sich die Produktion. Doch diese Grundidee des Wirtschaftens widerspricht völlig den Prinzipien des Kapitalismus. Ist dieser doch lebensnotwendig und systembedingt auf permanentes Wachstum ausgerichtet.
In breitem Umfang änderte sich in Europa diese ursprüngliche Denkweise zu Beginn der Neuzeit und entfaltete sich voll zu Beginn der Industrialisierung. Produktion wurde als Mittel entdeckt, Kapital zu sammeln und zu vermehren. Heute bilden die Multis die Spitze dieser Entwicklung: anbieten, werben, Märkte erobern, Marktherrschaft erstreben. Als Rechtfertigung dient dann das Kaufinteresse des Kunden, des Verbrauchers. Man stelle sich vor, welcher Aufstand losbräche, wenn wir die wirklichen Kosten für billige Energie, billige Nahrungsmittel, billige Textilien, Geräte … bezahlen müssten! Politiker dürfen dafür sorgen, dass so etwas nicht geschieht! Die Kosten müssen aber bezahlt werden, und zwar von den jährlich 40 Mio. Hungertoten in der so genannten Dritten Welt sowie unseren Kindern und Enkelkindern.

So kommt es, dass wir zusehen, wie die Lebensgrundlagen schleichend und ständig vergiftet, Energie und Rohstoff verschwendet werden, Getreide in die Viehtröge wandert, die Regenwälder verschwinden, die Arbeitslosenzahlen steigen, Menschen durch Maschinen ersetzt werden, Schuldner (und ganze Völker) nur noch für die Zinsen arbeiten müssen, weil Banken mit Geld Kapital vermehren. Wir halten es für selbstverständlich, dass es große Einkommensunterschiede gibt, weil sich „Leistung“ lohnen muss, dass Unternehmen sich ansiedeln können, wo sie wollen, ohne dass die Bürger sich wehren können und dass die Bedarfsdeckung über die Preise statt nach Gerechtigkeit geregelt wird.

Wer in diesem System, aus welchen Gründen auch immer, nicht mithalten kann, kommt unter die Räder, wird seiner Existenz beraubt und ist bestenfalls nur überflüssig. Auch eine soziale Marktwirtschaft, die das kapitalistische Grundmuster unangetastet lässt, kann nur an Symptomen kurieren und die gröbsten Auswüchse abmildern, das aber auch nur im nationalen Rahmen (bis jetzt noch), niemals aber weltweit. Und vor allem die weißen Kirchen verbuchen diese „Guten Taten“ stolz auf ihr Konto, ohne zu merken, dass sie damit nur das gottlose System umso dauerhafter am Laufen halten. Wenn wir das alles akzeptieren - auch weil wir Nutzen daraus ziehen - und es zur Katastrophe kommt, werden uns unsere Kinder zu Recht fragen: Wie hat alles so weit kommen können? Was habt ihr dagegen unternommen? Warum habt ihr nicht entschieden Widerstand geleistet?

Ich habe immer noch die Hoffnung, dass es zur Umkehr doch noch nicht zu spät ist, und dass Kinder übrig bleiben, die uns das fragen können.

2. Antidemokratisch

Industrieunternehmen sind hierarchisch aufgebaut, der Eigentümer des Kapitals verfügt im Grunde uneingeschränkt über dessen Verwendung (wo, was, wann und wie produziert wird; an wen, zu welchen Bedingungen etwas verkauft, gehandelt wird) und somit auch weitgehend über die Mitarbeiter (deren Anzahl, Bezahlung, Arbeitsbedingungen). Vor allem aber verfügt er allein über den Ertrag und Gewinn, den andere (mit-) erwirtschaftet haben. Wo etwas an Demokratisierung oder Mitbestimmung erreicht wurde, dann nur gegen den erbitterten Widerstand der Eigentümer oder weil sie einsahen, dass so das Mitarbeiterpotential besser zu Kapitalvermehrung benutzt werden konnte. Weitsichtige Kapitalisten kamen auch bald zur Einsicht, dass es besser ist, wenn Arbeiter mehr Kaufkraft erhalten, weil dadurch das System stabilisiert wird und sie als Verbündete im Kampf um die weltweiten Ressourcen gewonnen werden können.

Im Laufe unserer Geschichte hat sich das Kapital auch immer gegen demokratische Bewegungen im politischen Bereich gewehrt und auf jede nur denkbare Art versucht, Demokratie zu bekämpfen, entweder massiv militärisch/polizeilich oder durch Intrigen, Sabotage, Verweigerung der Mitarbeit. Inzwischen hat es eingesehen, dass Demokratie in unseren Breiten deshalb gut ist, weil sie als Legitimation für das eigenen Interessen dient - die gewählten Vertreter und die Regierung machen ja angeblich die Gesetze.

In vielen Ländern der Welt wird aber heute noch die Demokratie aktiv und gezielt durch die Unterstützung diktatorischer Regime bekämpft, die Großgrundbesitz und Großindustrie repräsentieren oder durch Unterstützung von Oppositionsgruppen in Ländern, in denen die Regierung die Macht des Kapitals zu beschneiden versucht. Durch direkte militärische Unterstützung der grausamsten und korruptesten Diktaturen (Verbrecherregime) unserer Zeit, wie z.B. in Zaire (Mobutu), Indonesien (Suharto), Philippinnen (Marcos) sowie militärische Marionettenregierungen wie in Chile, Mittelamerika und bis vor kurzem Argentinien und Brasilien (u.a.) bei gleichzeitiger Bekämpfung und Zerstörung demokratischer Oppositionsgruppen, werden die Interessen des Kapitals mit Gewalt weltweit durchgesetzt – im Namen der Freiheit und der Demokratie!

Selbst der Sowjetblock wird bald einsehen, dass es besser sein wird, mit dem
„Freien Westen“ zu sein, um dann gemeinsam umso besser die schnell wachsende Mehrheit der Weltbevölkerung unter Kontrolle halten zu können. In diesen Zusammenhang muss auch die Rolle der Weltbank, des IWF und allgemein das Verhalten den arm gemachten Schuldnerländern gegenüber gesehen werden. Denn auch hier muss das Volk ausbaden, was ihre korrupten Führungseliten in Kungelei mit dem großen Kapital an Schulden angehäuft haben. Die antidemokratische Komponente führte im politischen Bereich zum Führerprinzip. Im wirtschaftlichen Bereich entspricht dem die zunehmende Konzentration von Konzernen zu riesigen Machtgebilden und Marktführern. Die wichtigsten wirtschaftlichen Entscheidungen, die über das Wohl und Wehe ganzer Völker bestimmen, werden heute von wenigen Managern in den Chefetagen getroffen (freie Finanzmärkte, Nachrichtentechnik, Energie, Medien, Chemie, Gentechnik …), ohne dass diese sich je vor dem Volk rechtfertigen müssten oder gar zur Rechenschaft gezogen werden könnten. Regierungen können nur noch nachhinken und Kleinigkeiten korrigieren, um Volksaufstände zu verhindern und Proteste im Keim zu ersticken.

Und die Gesetze sind derart konzipiert, dass die Interessen des Kapitals (oft als „nationales Interesse“ definiert) Vorrang haben. D.h., dass ganze Völker praktisch in Geiselhaft für die Verbrechen oder das Versagen einiger Weniger genommen werden können. So z.B. wenn korrupten Marionettenregierungen vagabundierendes Kapital (z.B. Petrodollars) aufgedrängt wird. Unter dem Vorwand, die Bezahlung der Zinsen gewährleisten zu müssen, kann man dann den verarmten Völkern derart einschneidende Maßnahmen aufzwängen, dass diese dann noch dankbar sein dürfen, wenn sie alle ihre Ressourcen dem „freien Spiel der Kräfte“ öffnen.

Der militärisch-industrielle Komplex ist zwar in sich schon antidemokratisch und Selbstzweck, dient aber gleichzeitig dem weltumspannenden Kapital zur Verteidigung seiner Machtposition. Notwendig wäre eine Demokratisierung der Wirtschaft, die Überwindung der Vorherrschaft des Kapitals, seine Dienstbarmachung für alle. Wir alle kennen die Widerstände und ihre Gründe und die zu bewältigenden Schwierigkeiten: weil eine übergroße Mehrheit der Bevölkerung diese Denkweise verinnerlicht hat und der totalitäre Anspruch weitgehend und weltweit Wirklichkeit geworden ist. Eigensinn statt Gemeinsinn, so lautet die „Frohe Botschaft“. („Wenn jeder zuerst an sich denkt, geht es allen gut“).

3. Antikommunistisch:

Dieser Punkt hängt eng mit dem zweiten zusammen: Vom Ansatz her versucht der Sozialismus / Kommunismus (nicht der real existierende, der diesen Ansatz pervertierte und zum Machtmissbrauch korrumpierte) den Kapitalismus zu überwinden und dem Kapital die beherrschende Stellung zu nehmen und es den Menschen dienstbar zu machen. Auch einfache Arbeiter und Bauern, Analphabeten und Schwache sollten mitreden, mitentscheiden, vom Mehrwert profitieren.

Hier bestehen viele Berührungspunkte mit Aussagen wie z.B. „Arbeit hat Vorrang vor Profit“ (siehe Johannes Paul II.). Bei uns aber haben solche Aussagen wenig spürbare Folgen bzw. sie werden von den Mächtigen nicht wahrgenommen. Selbst wenn Menschen bei uns dafür auf die Straßen gehen und in kreativer Form ihren Widerstand bekunden, bereitet dies den Mächtigen keine schlaflosen Nächte (vielleicht weil wir eine ungefährliche Minderheit sind?). In anderen Ländern aber verlieren Menschen deswegen ihre Arbeitsplätze, setzen ihre Gesundheit und sogar ihr Leben aufs Spiel.

Die antikapitalistische Bewegung ist ein Teil der Arbeiterbewegung, ohne die wir heute keine Demokratie hätten (bei uns, im beschriebenen Sinne). Die antikommunistische Grundhaltung des Kapitals hindert es aber nicht daran, überall dort mit „Kommunisten“ Geschäfte zu machen, wo es irgend geht und wo die eigenen Interessen nicht gefährdet sind. Ein antikommunistischer – antimarxistischer Beißreflex verhindert in unserer Gesellschaft eine rational- objektive Kritik des Kapitalismus. Und gerade die Kirchen, die vom Evangelium her darauf hinweisen müssten, dass man „nicht zwei Herren zugleich dienen kann, Gott und dem Mammon“, haben diesen Beißreflex so sehr verinnerlicht, dass sie ob ihrer Ohnmacht je nach Bedarf benutzt oder lächerlich gemacht werden können.

4. Nationalistisch:    (Heute: die "Eine Nation" unter Führung der USA, )

Geschichtlich war auch das Kapital nationalistisch eingestellt. Die Nation war das Mittel zur Erreichung der eigenen Ziele; Kolonialismus und Hegemonialstreben sind die deutlichsten Zeichen. Das hing auch damit zusammen, dass politische und wirtschaftliche Macht von denselben Personen repräsentiert wurden.

Vor allem nach dem 2. Weltkrieg, als die Wiederaufbauphase in den einzelnen Staaten zu Ende ging, suchte das Kapital nach neuen Wegen und entdeckte die Welt als die „Eine Nation“, in der alle Menschen in gleicher Weise mit den Segnungen der westlichen Zivilisation beglückt werden sollten. Hier ergaben sich neue Möglichkeiten der Expansion. Das neue Mittel zum Erreichen der Ziele (freie Fahrt dem Tüchtigen, Freiheit und Eigenverantwortung als vernebelnde Begriffe) wurden nun die multinationalen Konzerne, der „Weltmarkt“, der freie und uneingeschränkte Kapitalverkehr.

Der totalitäre Anspruch bezieht sich nun auf die ganze Welt, wobei die Einteilung in drei oder vier Welten sehr hilfreich ist: die reicheren Ländern helfen nun den ärmeren Ländern, Völkern und Stämmen, sich zu entwickeln – aus einem unterentwickelten, rückständigem Stadium in eine voll entfaltete Weltgemeinschaft, in der alle nach den Regeln und Bedingungen des „American way of life“ zu glücklichen Menschen werden können, wenn sie es nur wollen und sich entsprechend anstrengen.

Auch die Erweiterung zum EG-Binnenmarkt oder der wirtschaftliche Zusammenschluss USA – Kanada zur Freihandelszone zeigt in die gleiche Richtung und deutet auf einen beginnenden „Endkampf“ hin: Bevor die Grenzen des Wachstums und der Belastbarkeit des Ökosystems Erde – in dessen Netz der Mensch auf Leben und Tod verknüpft ist – erreicht werden, und zwar endgültig, muss es in den Kassen noch kräftig klingen. Nach uns die Sintflut….!

Einiges wäre noch zum religiösen Hintergrund zu sagen, hier aber nur soviel:

Die Kirche der Armen z.B. in Lateinamerika hält unsere am Kapital orientierte Denk- und Handlungsweise für einen gigantischen Götzendienst. Alles wird dem Kapital geopfert: Menschen, Tiere, Pflanzen – durch direkte Zerstörung der Lebensgrundlagen für alle Lebewesen: Wasser, Boden, Luft.
Wir vergessen den Gott des Lebens, der Geschwisterlichkeit und huldigen den Götzen des Todes, des Egoismus, die kurzfristig Nutzen für Wenige bringen (Wohlstand, Bequemlich- keit, Reichtum), aber langfristig für Alle ins Verderben führen. Der Kapitalismus hat den Eigensinn und die Gier, immer mehr haben zu müssen, zum System erhoben und dies und letztlich sich selbst als Einzelmensch, zum Maß aller Dinge gemacht.

German Knecht, 1987 als Vorsitzender der KAB, Ortsgruppe Herxheim/Pfalz - nach langen brüderlichen Gesprächen...
 
Unverändert ins Netz gestellt:
Ostern 2009, nach dem Tod meines Bruders (am 8. 11. 2008) - als dessen Vermächtnis!


Das Kapital zum Gott gemacht  (Nachtrag 1991)
Experten kritisieren „Perversität“ des Weltwirtschaftssystems

Freiburg, 31.1.91 (KNA). Die Auslandsverschuldung der „Dritten Welt“ ist für den Befreiungstheologen Rogerio Inacio de Almeida Cunha ein Symbol der Perversität des Weltwirtschaftssystems. In der neuesten Ausgabe der „Freiburger Universitätsblätter“, die in den Fachbeiträgen Ursachen und Folgen der Verschuldung der Entwicklungsländer analysiert, prognostiziert der brasilianische Salesianerpater als Folge der Expansion des „Gottes Kapital“ eine Welle von Gewalt weit über die Schuldnerländer hinaus. Und Pater Andreas Müller von der Missionszentrale der Franziskaner in Bonn belegt die Verurteilung von Zins und Wucher in der gesamten Tradition der Kirche; über die vielen Erklärungen des Vatikans und von Teilkirchen hinaus aber müsste die Kirche hierzulande den Mut aufbringen, „mit den Mächtigen auch in Konflikt zu geraten“.

Anhand von Bildern zeigt Almeida, dass der Kapitalismus längst zu einerErsatzreligion, ja zu einem negativen Gegenbild von Kirche geworden ist: die multinationalen Unternehmen seien der neue universale Klerus. „Ihre Religion ist der Erfolg im Handel; ihr Wahrheitsbeweis ist die Ausbreitung und der Profit des Unternehmens; ihre Bibel ist der Computerauszug; ihr Beichtstuhl ist der Konferenzraum… Die Jesuiten dieses strengen Glaubens sind die Diplomierten der Wirtschaftshochschule von Harvard“, schreibt der brasilianische Theologe. Geld diene nicht mehr als Mittel zur Herstellung, zum Austausch und zur Verteilung lebensnotwendiger Güter; vielmehr würden diese Güter als Mittel zur Konzentration des Geldes instrumentalisiert. Die „Sünde des Kapitalismus“ besteht für Almeida darin, „sich als Gott zu behaupten, indem er die eigentliche Herkunft des Geldes und des Reichtums negiert, nämlich die menschliche Arbeit“.

Pater Andreas Müller kommt in seiner Untersuchung zu dem Ergebnis, dass im Grunde die westlichen Geldgeber die Schuldner der südlichen Geldnehmer seien. So habe Lateinamerika von 1980 – 1988 an Zinsen 315 Milliarden, an Rückzahlung 115 Milliarden, durch Verfall der Rohstoffpreise 144 Milliarden, durch Wechselkursmanipulation und Kapitalflucht 250 Milliarden, zusammen also rund 850 Milliarden Dollar an die Kreditgeber bezahlt, also mehr als zweimal die gesamte Schuld. Dennoch liege die gegenwärtige Schuldenlast allein von Brasilien bei 115 Milliarden Dollar. Ursache sei das System der flexiblen Zinssätze, die bei Abschluss der Verträge bei 6,66 % lagen, aber bis 1881 auf 21,5 % anstiegen. Die Zinslasten zwängen die Wirtschaft, einseitig auf Export zu setzen und den Binnenmarkt zu vernachlässigen – mit allen negativen Folgen für die Armen. So habe heute, wie Pater Müller meint, ein Prozent der Reichsten einen größeren Anteil am Nationaleinkommen als 50 % der Ärmsten.

Die „tödlichen Konsequenzen“ eines solchen Wirtschaftssystems werden nach Meinung des Franziskaners in der Bibel eindeutig beurteilt: „Der Gott Israels und der Vater Jesu Christi steht ganz auf der Seite der Schwachen, Ausgebeuteten und Armen der Welt und ist der erklärte Gegner jeder unterdrückerischen Herrschaft.“ Auch Almeida Cunha belegt dies und prangert vor allem die teuflischen Auswirkungen der Inflation an. In den Industrieländern könne sie nie ein Ausmaß wie in den Entwicklungsländern erreichen; denn das dort konzentrierte Kapital müsse vor Entwertung geschützt werden. Inflation werde nur in der Peripherie veranlasst, „wo sich das Geld sozusagen in der Diaspora befindet“; ein Instrument, um das verstreute Geld in die „eigentliche Heimat“ zurückzuführen, seien die Zinsen, und die Inflati-onsrate diene dazu, noch in der Peripherie verweilendes Geld abzuschöpfen. (H.L.)

Quelle: KNA, Südwestdeutscher Dienst 12 / Freitag, 1. Februar 1991

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